"Ermittlungsgruppe Berg": 65 Kinder befreit und 439 mutmaßliche Täter identifiziert

"Ermittlungsgruppe Berg": 65 Kinder befreit und 439 mutmaßliche Täter identifiziert

Von Jochen Hilgers

Ihre Arbeit ist eine enorme psychische Belastung - bis zu 350 Ermittlerinnen und Ermittler haben riesige Mengen an Videos und Fotos mit Missbrauchsszenen gesichtet. Nun wird die Ermittlungsgruppe zum Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach aufgelöst.

26 Monate nach ihrer Gründung zieht die "Ermittlungsgruppe Berg“ im Kölner Polizeipräsidium Bilanz. Sie war gegründet worden, nachdem im Oktober 2019 ein 43-jähriger Koch in Bergisch Gladbach wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter festgenommen wurde. Die Ermittler stießen dabei auf ein gigantisches Netzwerk von überwiegend Männern, die Kindern schwere sexualisierte Gewalt angetan haben.

In den Hochzeiten arbeiteten bis zu 350 Ermittlerinnen und Ermittler an der Aufklärung schwerster sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Der 43-jährige Koch aus Bergisch Gladbach hatte unzählige Chatnachrichten und terrabyte Whatsapp-Nachrichten mit Videos und Fotos auf seinem Handy - auf seinem Haupthandy alleine 130.000 Fotos und 12.000 Videodateien.

Täter agierten sorglos

Das brachte Einblicke in eine Szene, die vom Umfang her niemand erwartet hatte. Die Täter schickten sich untereinander Videos mit drastischen Missbrauchsszenen. Manche tauschten sogar im realen Leben die Opfer untereinander aus. Kaum jemand gab sich dabei die Mühe, das eigene Handeln im Netz zu verstecken. Mit Ermittlungen rechneten offenbar die Wenigsten. Umso überraschter reagierten sie, als die Polizei eingriff.

Enorme psychische Belastung

Uwe Jacob, Polizeipräsident von Köln, spricht bei einer Pressekonferenz

Bis heute haben die Beamtinnen und Beamten 439mutmaßliche Sexualstraftäter ermittelt. Kölns Polizeipräsident Uwe Jakob sagt, es seien außergewöhnlich schwierige psychologische Anforderungen gewesen. Nicht alle hätten dem Druck Stand gehalten: "Für mich persönlich ist besonders schlimm, dass drei vermutlich dauerkrank geworden sind - auf Grund der schlimmen Dinge, die sie erleben mussten.", so Jakob.

"Allein das Geschrei der Kinder auf den Videos ... das kann nicht jeder ertragen." Uwe Jakob, Polizeipräsident Köln

Zur Ermittlungsgruppe gehörte ein Vater von drei Kindern. Er blieb im Ermittlungsteam, weil für ihn Aufhören nicht in Frage kam: "Ich habe die Notwendigkeit gesehen, dass ich mit allem Einsatz weiter arbeite. Ich wollte alle Energie dafür investieren, wieder und wieder ein Kind zu befreien und wieder einen Täter festzunehmen."

Polizeipräsident: "Verfahren mit neuen Dimensionen"

65 Opfer wurden aus den Händen ihrer Peiniger befreit. Zahlreiche Strafverfahren sind bereits abgeschlossen und endeten mit hohen Haftstrafen - nicht selten mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Niemand aus der Ermittlungsgruppe hätte im Spätherbst 2019 mit einem derart durchschlagenden Erfolg gerechnet. Kaum jemand aber auch mit der enormen psychischen Belastung, unter der die Ermittler standen. Heute wird die "Ermittlungsgruppe Berg" aufgelöst. Sie hat auch die Polizei verändert, sagt Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob. Das Verfahren habe zuvor nicht gekannte Dimensionen entwickelt: "Wir haben alle Register gezogen, die rechtlich und taktisch möglich sind." Das habe in dieser Form - zumindest in Deutschland - zuvor noch nie so stattgefunden.

Stand: 12.01.2022, 13:36