Ehrenamt: Zwölfjährige arbeitet im Hospiz in Bergisch Gladbach

Ein Mädchen sitzt in einem Raum und schaut in die Kamera

Ehrenamt: Zwölfjährige arbeitet im Hospiz in Bergisch Gladbach

Von Martin Henning

Kinder sollten nichts mit dem Tod zu tun haben – diese Meinung haben viele. Annika Meihack sieht das anders. Die Zwölfjährige engagiert sich ehrenamtlich in einem Hospiz.

„Letztens haste souverän gewonnen, ne? Die Chance werde ich dir heute nicht bieten!“ Horst Sieg feixt ein bisschen mit seiner Gegnerin. Psychologische Kriegsführung bei einer Runde „Mensch ärgere dich nicht“ kann nicht schaden. Doch Annika Meihack bleibt ganz cool. Als sie all ihre blauen Figuren ins Ziel gebracht hat, ist Horst Sieg nicht mal zur Hälfte fertig. Fairer Handshake nach einer flotten Partie. Annika hat gewonnen, wieder einmal.

Es sind kleine Dinge wie diese, die Horst Sieg eine Freude machen. Brettspiele spielen, einfach ein bisschen quatschen. Die Zeit genießen. Allzu viel davon hat Horst Sieg nämlich nicht mehr. Sieg, 67, ist unheilbar an Lungenkrebs erkrankt. „Da ist nix mehr zu machen“, sagt er selbst. Er ist froh, wenn er Ostern 2022 noch erleben darf.

Hier, im Hospiz am evangelischen Krankenhaus in Bergisch Gladbach, verbringt Horst Sieg seine letzten Monate. Dass die so schön wie möglich werden, dafür sorgt auch Annika. Die Zwölfjährige hilft mehrmals pro Monat ehrenamtlich im Hospiz aus. Sie entscheidet selbst, wann sie kommt.

Annika verwöhnt die Gäste im Hospiz in Bergisch Gladbach

Ein junges Mädchen und ein alter Mann sitzen an einem Tisch und spielen "Mensch ärgere dich nicht"

Annika spielt mit den Gästen des Hospizes gerne "Mensch ärgere dich nicht"

Annikas Aufgabe ist es, die Gäste (so lautet die korrekte Bezeichnung der Bewohner im Hospiz) zu verwöhnen. Mal spielt sie mit ihnen, mal bastelt sie mit ihnen Grußkarten. Oder sie verwöhnt sie mit einem leckeren Erdbeerkuchen. Den bringt sie dann auch gleich ans Bett. Viel über ihr Engagement reden will sie nicht, sie macht einfach. Überwindung kostet Annika das nicht, sie sieht es entspannt: „Meine Oma ist 80 Jahre alt und mit der spiele ich auch regelmäßig.“

Sterbebegleitung darf und will sie nicht machen. Doch natürlich bekommt sie mit, wenn Leute sterben. Zu einer Frau, die elf Monate im Hospiz war, hatte Annika ein besonders gutes Verhältnis. „Mit ihr habe ich regelmäßig gespielt. Ich kannte sie zwar nicht wirklich persönlich, aber als ich mitbekommen habe, dass sie gestorben ist, fand ich das schade. Ich mochte sie sehr gerne.“

Die Idee, ehrenamtlich zu helfen, hat Annika von ihrer Mutter Monika. Die ist Leiterin des Pflegedienstes und hat das Hospiz im Januar 2020 eröffnet. „Ich habe gefragt, wie es im Hospiz ist und wollte einmal mitkommen. Und dann bin ich öfter gekommen“, sagt Annika. Ihre Mitschüler haben Respekt vor ihrem Engagement, eine Freundin hat sie sogar auch schon mitgenommen.

Ehrenamtliche Arbeit im Hospiz hat Annika verändert

Monika Meihack sagt, die Arbeit im Hospiz habe ihre Tochter verändert. „Annika freut sich jetzt auch über Kleinigkeiten wie einen Sonnenuntergang. Sie geht offen auf kranke oder behinderte Menschen zu und ihr wird bewusst, wie wertvoll jeder Tag ist. Sie merkt: Ich spiele mit der Oma zu Hause ‚Mensch ärgere dich nicht‘ und das ist nicht alltäglich. Denn auch diese Oma hat eine begrenzte Zeit.“

Aber kann man Kinder in diesem Alter so mit dem Thema Tod konfrontieren? Ja, findet Monika Meihack. „Man kann es nicht unerklärt lassen und muss die Kinder mitnehmen. Was ist ein Bestatter? Wie sieht ein Sarg aus? Das den Kindern zu erklären, nimmt ihnen viele Ängste.“ Oft seien es ohnehin die Eltern, die ihre Ängste auf die Kinder übertragen würden – weil sie sie schützen wollten.

Gäste sind im Durchschnitt nur 14 Tage im Hospiz

Horst Sieg freut es, dass Monika Meihack ihre Tochter Erfahrungen sammeln lässt. Annika ist der einzige junge Mensch, zu dem er noch Kontakt hat. Familie hat er keine mehr. Wenn der 67-Jährige über die gemeinsame Zeit mit Annika spricht, hellt sich sein Gesicht auf und seine Augen strahlen. „Das lässt mich noch mal richtig aufleben“, sagt er.

Ein Lächeln von den Gästen zu bekommen – zu sehen, dass sie trotz ihrer Krankheit glücklich sind – dafür geben Annika und das Pflegepersonal jeden Tag alles. Im Durchschnitt bleiben die Gäste nur 14 Tage im Hospiz, bevor sie sterben. Deswegen soll jeder Wunsch, den sie haben, erfüllt werden.

Hospizkräfte verabschieden Verstorbene mit einem Mosaikstein

Wenn ein Gast stirbt, ist er nicht einfach weg. Von jedem Verstorbenen verabschieden sich die Pflegekräfte mit einem Mosaikstein. Am Ende jedes Jahres werden die Steine der Verstorbenen zusammengeführt. Letztes Jahr entstand daraus ein Mosaikstern. Das soll symbolisieren: Ein Teil der Person bleibt im Hospiz.

Die Angehörigen können gemeinsam mit ihrer geliebten Person ein zweiteiliges Holzherz verzieren und bemalen. Ein Teil des Holzherzes bleibt bei den Angehörigen, ein Teil geht mit dem Verstorbenen ins Grab. Es sind auch diese kleinen, sensiblen Gesten, die Annika von der Arbeit im Hospiz überzeugt haben. Obwohl sie mit dem Sterben konfrontiert wird, bleibt ein gutes Gefühl. „Weil ich weiß, dass es die Leute hier gut hatten.“

Stand: 07.05.2021, 17:35