Reporter-Legende Gerd Ruge ist tot - "ein Mensch, vor dem man den Hut zieht"

Stand: 16.10.2021, 20:17 Uhr

Teil 3/3 - Lesen Sie im dritten Teil über den "Mensch hoher Moral"

Von Marion Menne

Peking, Bonn, Köln

Gerd Ruge mit Monika Piel (WDR-Intendantin 2007 bis 2013)

Gerd Ruge mit Monika Piel (WDR-Intendantin 2007 bis 2013)

In der Zwischenzeit berichtet er unter anderem aus den USA und für die Zeitung "Die Welt" aus Peking, leitet das WDR-Studio Bonn, initiiert den ARD-"Weltspiegel" und ist Chef des Fernsehmagazins "Monitor". Schließlich bekleidet er auch den Posten des Chefredakteurs beim WDR Fernsehen. Am Kölner Schreibtisch hält es ihn jedoch nicht lange.

Nach seiner Zeit als Moskauer Studio-Leiter geht er am 1. September 1993 in den Ruhestand. Mit Auszeichnungen wird er überschüttet. Neben dem Bundesverdienstkreuz bekommt er drei Grimme-Preise und den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.

Amnesty International würdigt ihn im Jahr 2011 zum 50-jährigen Bestehen als Mitbegründer und Pionier der deutschen Abteilung der Hilfsorganisation.

Gerd Ruge privat

Aber Ruhestand? Ist Ruge jemals in Rente? "Nicht so richtig, aber immer mal wieder", sagt er selbst einmal. Er schreibt immer weiter, nimmt die Leser mit auf eine Reise nach Moskau und legt 2013 seine politischen Erinnerungen vor - Titel, natürlich: "Unterwegs".

Manchmal ist er zu Gast in Talkshows, "eine lebende Legende des Metiers", der mit der Abgeklärtheit seiner Erfahrung Ruhe in die aufgeregten Runden bringt. Noch lieber besucht er alte Orte, um zu sehen, was sich verändert hat.

"Als Rentner ist er ein Versager." Gerd Ruges Frau Irmgard Eicher

"Als Rentner ist er ein Versager", meint auch Ruges Frau Irmgard Eicher, mit der er bis zu ihrem Tod 2021 in München lebt und gerne zwei Monate im Jahr im eigenen Strandhaus auf Zypern verbringt.

Zum 80. Geburtstag am 9. August 2008 gratuliert ihm der WDR mit einem Porträt, das auch die privaten Seiten der Reporter-Legende zeigen soll. Die Autoren begleiten ihn auf Zypern. Aber der private Ruge entzieht sich. Er sei "höflich, aber unzugänglich", stand schon in seinem Schulzeugnis.

Vor Ruges Mikrofon war keiner sicher

Vor Ruges Mikrofon war keiner sicher

Das Fernseh-Team darf ihn beim Plausch in der Küche seines Lieblingsrestaurants filmen und wie er sich seine drei bis vier Tageszeitungen täglich kauft. Homestorys sind ihm immer zu nah gewesen. Von sich aus gibt er preis, dass er eigentlich Förster werden wollte, die Natur liebt, sich mit Vögeln auskennt und auf dem Wasser entspannt.

Morgens braucht er Kaffee, um wach zu werden, nachdem er nach 60 Jahren - ohne Probleme übrigens - mit dem Rauchen aufgehört hat. Ruge hat drei Mal geheiratet. Boris und die Tochter Elisabeth stammen aus erster Ehe.

Gorbatschow: "Ein Mensch, vor dem man den Hut zieht"

2014 wird Ruge - hier mit WDR-Intendant Tom Buhrow - mit dem Deutschem Fernsehpreis ausgezeichnet

2014 wird Ruge - hier mit WDR-Intendant Tom Buhrow - mit dem Deutschem Fernsehpreis ausgezeichnet

2014 wird Ruge, der bereits mit dem Bundesverdienstkreuz wie auch dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, Ehrenpreisträger des Deutschen Fernsehpreises – als "Reporter-Legende", die für "Qualitätsjournalismus par excellence steht", wie es WDR-Intendant Tom Buhrow nennt.

Was er selbst vom Journalismus heute hält, sagt er sehr offen: Die Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen habe viel Farbe und Emotionen, aber "wenig kühle Analyse". Schon in den 70er-Jahren beklagt er, dass der tagesaktuelle Druck kaum noch Zeit für Analyse und Reflexion lasse.

Zu Ruges Hoch-Zeiten ist auch das Verhältnis zu den Politikern ein anderes. Während heute "das gegenseitige Misstrauen viel größer ist", so Ruges Einschätzung, ist einer wie er oft auch privat mit prominenten Politikern in Kontakt.

"Gerd Ruge ist ein Mensch hoher Moral. Ein Mensch, vor dem man den Hut zieht." Sowjetischer Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow

Mit Robert Kennedy zum Beispiel oder Michail Gorbatschow. Der sowjetische Staats- und Parteichef hat große Achtung vor seinem Duz-Freund, dem deutschen Korrespondenten, der den Menschen das Ende des Kalten Krieges mit seinen Analysen und Reportagen erklärt. Er sagte einmal: "Gerd Ruge ist ein Mensch hoher Moral. Ein Mensch, vor dem man den Hut zieht."

Anlässlich des Todes von Gerd Ruge ändert der WDR am Samstag (16.10.2021) das Programm: Um 21.45 Uhr sendet das WDR Fernsehen die lange Gerd Ruge Nacht "In 80 Jahren um die Welt" und im Anschluss eine seiner letzten Reportagen "Gerd Ruge unterwegs - Sommer am Colorado".

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