Reporter-Legende Gerd Ruge ist tot - "ein Mensch, vor dem man den Hut zieht"

Stand: 16.10.2021, 20:17 Uhr

Teil 2/3 - Lesen Sie im zweiten Teil über die emotionalen Höhepunkte von Ruges Karriere

Von Marion Menne

Zwei Attentate, viele Emotionen

Ruge vor dem Weißen Haus

Ruge berichtete fünf Jahre lang für die ARD aus Washington

Am 16. Juni 1968 sagt ein um Fassung ringender Ruge in die Fernsehkamera: "Sie werden mir verzeihen, dass ich das nicht so geschliffen erzählen kann, das ist alles noch wie ein Alptraum." Das tödliche Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy, den er privat kennt, hat er eben selbst miterlebt.

Die Bilder seines Kamera-Assistenten vom Chaos danach sind auch im US-Fernsehen immer wieder zu sehen. Im selben Jahr berichtet Gerd Ruge von der Ermordung Martin Luther Kings. Er steht auf dem Balkon des Hotelzimmers in Memphis, wo der Bürgerrechtler zuvor erschossen wurde.

Er deutet mit seinem eigenen Körper an, wie King erst über die Brüstung nach vorn taumelte und dann rückwärts zu Boden fiel. Die beiden Attentate, die er so emotional schildert, sind für ihn die einschneidendsten Erlebnisse seines Journalistenlebens, wie er später oft erzählt.

Ruges Karriere begann beim NWDR

Die Ruge-Karriere hat mit einer Ausbildung an der Rundfunkschule des damaligen Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) begonnen. Schon zwei Jahre später, 1950, kommt der erste große Auftrag für den jungen Redakteur. Er erhält als erster deutscher Journalist ein Visum für Jugoslawien.

1956 geht er - wiederum als erster deutscher Korrespondent - nach Moskau. Seither gibt es kaum ein wichtiges Ereignis auf dem Globus ohne Ruge.

"Ich mag die Menschen sehr gern. Sie sind zum großen Teil sehr warmherzig, die verrückten Reichen wie die Armen." Reporter-Legende Gerd Ruge

Russland lag ihm am Herzen

Gerd Ruge 1987 mit Kollegin Gabriele Krone-Schmalz in Moskau

Ruge 1987 mit Kollegin Gabriele Krone-Schmalz in Moskau

Von den vielen Einsatzorten liegt ihm Russland am meisten am Herzen. "Ich mag die Menschen sehr gern. Sie sind zum großen Teil sehr warmherzig, die verrückten Reichen wie die Armen", lautet die Begründung. 14 Jahre verbringt er als Korrespondent in Moskau.

In den Anfangsjahren kommt es zu einer Begegnung, die er bis zum Schluss als persönlichen Höhepunkt bezeichnet: Die Begegnung mit dem russischen Schriftsteller Boris Pasternak. 1957 trifft er ihn in dessen Datscha in einem kleinen Örtchen bei Moskau. Mit diesem gebildeten, offenen Mann habe er zum ersten Mal "das andere Russland" kennengelernt.

Ruge auf dem roten Platz in Moskau

Russland war sein wohl prägendster Einsatzort

Aus beruflichem Interesse wird Freundschaft. Ruge nennt sogar seinen Sohn Boris nach dem Dichter. Pasternak fällt in Moskau in Ungnade und muss später auf Druck des Kremls seinen Literaturnobelpreis abgeben.

Ruge wird wegen des Kontakts mit ihm bespitzelt und verlässt zwei Tage vor seiner Zwangsausweisung Russland, um 30 Jahre später als Leiter des Moskauer ARD-Studios zurückzukehren.

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen