Archivbild: Eine Person drückt den Knopf "Kirchenaustritte" für eine Wartenummer beim Amtsgericht Köln (2009)

Welle der Kirchenaustritte "wird Folgen haben" - für alle

Stand: 12.04.2022, 15:46 Uhr

Das Rekordhoch der Kirchenaustritte trifft die beiden großen Kirchen weiter hart. Erstmals seit Jahrhunderten ist weniger als die Hälfte der Deutschen katholisch oder evangelisch. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Katholisch oder evangelisch? Kommunion oder Konfirmation? Auf diese Frage hatte bis vor wenigen Jahren noch fast jedes deutsche Kind eine Antwort parat. Denn zu einer der beiden Kirchen gehörten die meisten Menschen.

Doch die Zeiten ändern sich und die nicht enden wollenden Skandale um Missbrauch und Verschwendung haben dem Ansehen der Kirche enorm geschadet. Die Menschen kehren ihr den Rücken, in Massen.

Riesiger Aderlass seit 1990

Waren noch 1990 mehr als 72 Prozent der deutschen Bevölkerung Mitglied in einer der großen Kirchen, ist die Zahl im Frühjahr 2022 erstmals seit Jahrhunderten unter 50 Prozent gefallen. Dies geht aus einer Hochrechnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hervor.

Kirchenaustritte werden Folgen haben

"Es ist eine historische Zäsur, da es im Ganzen gesehen seit Jahrhunderten das erste Mal in Deutschland nicht mehr "normal" ist, Kirchenmitglied zu sein", sagt Sozialwissenschaftler Carsten Frerk von der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid).

"Das wird nicht ohne Folgen bleiben", blickt WDR-Kirchenexperte Theo Dierkes auf die Zahlen. "Die Kirchen sind mit 1,3 Millionen Angestellten nach der öffentlichen Hand der größte Arbeitgeber im Land. Das wird die Gesellschaft spüren. Das Krankenhaussystem verändert sich bereits, Konzerne übernehmen. Es wird auch Kindergarten- und Schulschließungen geben", so Dierkes.

Allein im Bistum Köln gibt es 32 kirchliche Gymnasien. Zwar zahle die Kirche nur einen geringen Teil der Gehälter, doch in der Summe wende sie dafür jedes Jahr viele Millionen auf.

Theo Dierkes

WDR-Kirchenexperte Theo Dierkes

Geld, das in der Vergangenheit auch da war. "Denn 2019 hatte die Kirche mit knapp 13 Milliarden Euro Rekordeinnahmen an Steuern. Dieses Hoch wird sie aber nie wieder erreichen", sagte Dierkes im Gespräch mit WDR.de. Und so werden auch Kirchen geschlossen werden müssen. Weil fast niemand mehr Pfarrer werden will, werde es schon bald sehr viel weniger Pfarreien geben. So soll es im Erzbistum Köln 2030 nur noch zwischen 50 und 60 Pfarreien geben – momentan sind es noch mehr als 500.

Die Motive für den Kirchenaustritt sind vielfältig

Die Motive für den Austritt reichten vom Steuern sparen bis zu Protest gegen die Amtskirche und ihren Umgang mit Missbrauchsfällen, analysiert Robert Stephanus, Vorsitzender des überkonfessionellen Vereins REMID (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst).

In Köln treten die Menschen in Scharen aus

Menschen sitzen während eines Gottesdienstes auf den Kirchenbänken.

Wenige Menschen sitzen während eines Gottesdienstes auf den Kirchenbänken.

Besonders viele Gläubige verliert die Domstadt Köln. Das dortige Amtsgericht zählte allein im ersten Quartal dieses Jahres 5.780 Austritte. Das seien mehr Fälle als im gesamten Jahr 2016, so das Gericht. Ein Rekordhoch erreichte die Zahl der Kirchenaustritte auch schon im vergangenen Jahr: Da kehrten 19.372 Christen der Kirche in Köln den Rücken.

So gibt es mittlerweile in Deutschland mehr als 40 Prozent Konfessionslose. Eine Projektion der Kirchen geht sogar davon aus, dass 2060 nur noch 30 Prozent der Menschen in Deutschland katholisch oder evangelisch sein werden.

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