Wilfried Fesselmann will das Bistum Essen auf Schadensersatz verklagen

Sexualisierte Gewalt: Erstmals will Betroffener katholische Kirche verklagen

Stand: 25.02.2022, 07:03 Uhr

Wilfried Fesselmann will als Betroffener sexualisierter Gewalt die katholische Kirche in Deutschland auf Schadensersatz verklagen. So etwas gab es bis jetzt noch nie.

Von Carmen Krafft

Wilfried Fesselmann geht in die Offensive. In den nächsten Tagen will der 53-Jährige beim Landgericht Essen eine Zivilklage einreichen. Er fordert eine echte Entschädigung dafür, dass der Essener Priester Peter H. ihn als Messdiener Ende der 70er Jahre im Pfarrhaus missbraucht hat. 12.000 Euro, mit denen man ihn über einen kirchlichen Fonds abfinden wollte, empfindet er als erneute Demütigung.

"Wir wollen keine Bittsteller sein"

Bistum Essen, Dom  außen

Dem Bistum Essen droht eine Zivilklage

"Wir werden immer als Bittsteller dargestellt, dabei haben wir Anspruch auf Schadensersatz. Das soll jetzt ein Gericht klären, nicht die Kirche selbst". Fesselmann ist Opfer des wohl bekanntesten Täters: Priester Peter H. wurde jahrzehntelang versetzt, obwohl bekannt war, dass er immer wieder übergriffig wurde.

Das Bistum soll als Arbeitgeber haften

Damals war Bischof Franz Hengsbach Chef der Essener Diözese. Er schickte H. 1980 von Essen nach Bayern. Vor Gericht soll geklärt werden, welche Verantwortung der Bischof und andere Vorgesetzte hatten. Das Bistum könnte dann als Institution haften - auch wenn der Fall strafrechtlich verjährt ist.

Schadensersatz über ein weltliches Gericht

Markus Elstner (Mitte): Demo vorm Essener Dom

Markus Elstner (li), Wilfried Fesselmann: Demo vorm Essener Dom

"Wenn wir uns vor Gericht treffen, ist nicht auszuschließen, dass wir darauf verzichten uns auf eine Verjährung zu berufen", kündigte jetzt das Bistum Essen dem WDR gegenüber an. Damit wäre es die erste Diözese, die öffentlich sagt, sie wolle es Betroffenen leichter machen. Leichter mehr Schadensersatz zu bekommen - mehr als man Opfern bisher zugestehen wollte. Auch der Bottroper Markus Elstner, Betroffener von H., will zeitgleich mit Wilfried Fesselmann klagen.

"Es gäbe den nächsten Skandal"

Rechtswissenschaftler Dietrich Herzberg, Emeritus Ruhruni Bochum

Rechtswissenschaftler Dietrich Herzberg, Emeritus Ruhruni Bochum

Für den Rechtswissenschaftler Dietrich Herzberg, Emeritus der Ruhr-Universität Bochum, bleibt der katholischen Kirche allerdings gar nichts anderes übrig: "Sie würde den nächsten Skandal hervorrufen, wenn sie einerseits ständig von Reue redet, dann aber bei Gericht mit dem Argument 'verjährt' alles vom Tisch wischen will."

Einigkeit bei den Bischöfen

Kirchenkenner wie WDR-Redakteur Theo Dierkes wissen, dass dieses Zugeständnis bei der Bischofskonferenz schon länger diskutiert wird. "Man hört, dass sich die Bischöfe darauf verständigt haben, dass bei Zivilklagen die Verjährung nicht ziehen soll."

Außergerichtlich gescheitert

Wilfried Fesselmann will vor Gericht für eine sechsstellige Summe streiten. Jahrelang war er in Therapie und arbeitslos. Der Versuch, sich mit dem Bistum Essen außergerichtlich auf rund 90.000 Euro Schadensersatz zu einigen, war im Januar gescheitert.

Über dieses Thema haben wir am 24. Februar 2022 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19:30 Uhr

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