Im Selbstversuch nur Verschwörung: "Eine Diktatur voller Abgründe"

Mann tippt auf seinem Smartphone

Im Selbstversuch nur Verschwörung: "Eine Diktatur voller Abgründe"

Der Journalist Hans Demmel hat im Selbstversuch ein halbes Jahr lang nur "alternative Medien" gelesen. Was das mit ihm gemacht hat – und warum man auf die Szene "große Scheinwerfer" richten muss.

Hans Demmel hat sich ein halbes Jahr ausschließlich dort informiert, wo sich die "Querdenker"-Szene und Corona-Leugner tummeln. Jetzt hat er zusammen mit Friedrich Küppersbusch ein Buch darüber geschrieben, welche Spuren diese Welt der "alternativen Medien" bei ihm hinterlassen hat.

WDR: Wie haben Sie Deutschland in dieser Zeit wahrgenommen?

Hans Demmel: Als dunkel, düster und bedrohlich. Es ist ein Staat, in dem nichts mehr funktioniert. Eine Diktatur voller Abgründe. Das Bild war ein ganz anderes, als ich von Deutschland hatte - und glücklicherweise auch wieder habe.

WDR: Was hat das mit Ihnen emotional gemacht?

Demmel: Mich hat das tief betrübt. Es gab Momente tiefer Verzweiflung. Ich habe häufiger überlegt, den Versuch abzubrechen. Ich dachte: "Das kannst du weder dir noch deiner Familie antun." Meine Frau war wirklich eine große Stütze. Als ich den Versuch begonnen habe, konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass so was auf mich zukommt.

WDR: Welche Erwartungshaltung hatten Sie denn zu Beginn des Experiments? Haben Sie zum Beispiel befürchtet, dass die rechten Medien Sie auch überzeugen könnten?

Hans Demmel, Vaunet

Hans Demmel

Demmel: Die Furcht war sicherlich da, aber offen gestanden nicht sonderlich stark. Ich bin 40 Jahre als Journalist und Medienmanager tätig. Mit einem gesunden Urvertrauen in die deutschen Medien. Und ich habe ein sehr gefestigtes Weltbild. Zumal mein Freund und Mitautor Friedrich Küppersbusch an meiner Seite war, der mich in zahlreichen Gesprächen geerdet hat.

Außerdem ist vieles, was in diesen Medien geschrieben wird, völlig absurd - sofern man dem kritisch gegenüber steht. Wenn man allerdings nicht an den Klimawandel, Corona oder die Demokratie glaubt, dann findet man dort Bestätigung. Das ist das Gefährliche an dieser Welt. Man muss auf die Szene, die sich dort im Dunkeln bewegt, große Scheinwerfer richten.

WDR: Wie hat sich Ihre Einstellung im Laufe des halben Jahres gegenüber den Medien, die Sie gelesen haben, entwickelt?

Demmel: Ausschließlich negativ. Ich hab es nicht so hanebüchen erwartet. Durch Algorithmen kommt man allerdings schnell in diese irre Welt. Und ich muss ehrlich sagen: Mir war die Gefahr, die über diese Medien ausgeht und die Radikalisierung derer, die sich dort herumtreiben, nicht bewusst. 

WDR: Verfolgen Sie noch immer manche dieser Medien?

Demmel: Ja. Ich muss sagen: Ich komme nicht ganz davon los. Das ist so etwas wie die Faszination des Grauens. Wie bei einem Autounfall, bei dem man - eigentlich - nicht hingucken will. Und wenn ich nun Interviews gebe, sehe ich, was in diesen Medien und in den Kommentaren dazu geschrieben wird. Da ist das schon ein Schlag in die Magengrube. Da sind Bedrohungen erkennbar. Ich bin nicht ängstlich, aber ich mache mir Gedanken.

WDR: Hat die Erfahrung auch Ihren Blick auf Ereignisse verändert, beispielsweise auf die Tat in Idar-Oberstein?

Demmel: Das ist leider eine traurige Bestätigung. Wahrscheinlich standen am Anfang radikale Worte. Denn wäre die Welt wirklich so, wie rechte Medien sie beschreiben, müsste man in der Tat Widerstand leisten. Und dann folgen radikale Taten. Man muss sich überlegen: Es gibt im Internet rund 300 rechte Webseiten, die oft als solche nicht erkennbar sind. Und 11 Prozent der Deutschen sind nach einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung überzeugte "Verschwörungstheoretiker". Die Gefahr, dass sie sich weiter radikalisieren, ist in diesen sogenannten alternativen Medien groß.

WDR: Gibt es Folgen für Ihren Alltag, die vielleicht immer noch nachwirken?

Demmel: Ich habe das erste Mal in meinem langen Berufsleben das Gefühl, politisch aktiver und engagierter werden zu müssen. Und ich bin misstrauischer geworden. Vor allem Menschen in meinem Umfeld gegenüber, bei denen ich merke, dass sie ähnliche Thesen wie in den rechten Medien vertreten. Aber ich misstraue auch Informationen mehr - völlig egal, wo die herkommen. Davon muss ich mich langsam wieder befreien. Ich habe in 40 Jahren als Journalist nie bewusst etwas Falsches geschrieben oder gelogen. Und ich weiß aus Erfahrung, wie praktisch alle meine Kollegen in den Mainstream-Medien ihrer Aufgabe und Verantwortung gerecht werden. Umso mehr bin ich verwundert und entsetzt, wie einige von ihnen in diese rechte, verschwörungstheoretische Szene abgeglitten sind.

WDR: Was hat dieses Experiment mit Hans Demmel gemacht? Emotional, als Mensch, als Journalist?

Demmel: Als Journalist hat es dazu geführt, dass ich nochmal genauer hingucke. Und mir mehr Gedanken über die Wirkung meiner Arbeit mache. Als Mensch hat es mich tief getroffen und deprimiert. Weil ich ein halbes Jahr lang in einem tiefen Sumpf geraten bin. Nicht einmal wegen der Schmähungen und all der Hetze. Es lag an dieser tief dunkel erscheinende Welt - und an den Menschen, die das glauben.

Das Interview führte Claudia Wiggenbröker.

Stand: 22.09.2021, 20:18

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