Rassismus in der Sprache: "Andere Formen des Sprechens einüben"

Prof. Theresa Koloma Beck

Rassismus in der Sprache: "Andere Formen des Sprechens einüben"

Ein schneller Spruch, ein vermeintlich gut gemeintes Kompliment: Diskriminierung findet häufig unbewusst statt. Wie man das vermeiden kann, erklärt Prof. Teresa Koloma Beck.

Wie transportiert unsere alltägliche Sprache Diskriminierung und Rassismus? Anlässlich des WDR-Themenschwerpunkts haben wir darüber mit Prof. Teresa Koloma Beck von der Helmut Schmidt Universität in Hamburg gesprochen.

WDR: Frau Prof. Koloma Beck, was ist gemeint, wenn wir von Rassismus sprechen?

Teresa Koloma Beck: Rassismus bezeichnet historisch gewachsene Wahrnehmungen, Denk- und Handlungsmuster, die auf der Annahme beruhen, dass Menschen durch Herkunft und äußere Erscheinung bestimmten Gruppen angehören. Es wird also von einer Unterschiedlichkeit der Menschen ausgegangen. Es sind Strukturen, die das Denken, das Wahrnehmen und das Handeln beeinflussen, und zwar unbewusst.

WDR: Nennen Sie uns bitte ein Beispiel?

Koloma Beck: Am Anfang der Pandemie hieß es, das Corona-Virus kommt aus Asien. Und Menschen, die als ost-asiatisch gelesen werden könnten, haben verschiedenste Formen von Diskriminierung erlebt. Das muss nicht mal das Anpöbeln auf der Straße sein. Es geht um den Umstand, dass ich jemanden als ost-asiatisch lese und automatisch einen Bogen um die Person mache. Das sind Handlungen, die wenig reflektiert werden. Und die passieren vielen Menschen.

Alltagsrassismus: "Es geht um Fragen von Leben und Tod"

WDR 5 Morgenecho - Interview 18.03.2021 06:45 Min. Verfügbar bis 17.03.2022 WDR 5


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WDR: Was können wir denn ändern, wenn diese Rassismen unterbewusst so fest verankert sind?

Koloma Beck: Es ist wichtig, dass man Formen des Sprechens einübt, die es möglich machen, auf etwas aufmerksam zu machen, ohne dass der Andere sich davon beleidigt oder angegriffen fühlt. Es muss möglich sein zu kommunzieren: 'Das ist für mich aus diesem oder jedem Grund sensibel.' Ich möchte eigentlich immer noch gerne glauben, dass Menschen grundsätzlich bereit sind, sich auf diese Art von zwischenmenschlichem Kontakt einzulassen.

WDR: Aber eine Liste von Do's and Dont's gibt es nicht?

Koloma Beck: Natürlich gibt es bestimmte Vokabeln, die aus dem Wörterbuch des Imperialismus stammen, die kann man einfach weglassen. Wer sich dagegen sträubt, will es einfach nicht verstehen. Aber dann gibt es den viel wichtigeren Bereich wie das Thema Komplimente. Indem ich ein Kompliment mache nur wegen bestimmter äußerer Merkmale oder der Herkunft der Eltern, marschiere ich diese rassistisch gelesenen Grenzen entlang.

WDR: So etwas anzusprechen, kann ja für beide Gesprächspartner unangenehm sein. Wie können wir damit umgehen?

Koloma Beck: Ich glaube, dass man das gut einbetten kann, wenn allen am Sprechen Beteiligten klar ist: 'Wir verhandeln hier etwas, das hat nicht nur mit Dir und mir zu tun. Wir verhandeln hier eine Struktur, die uns die Geschichte auferlegt hat.'

Das Interview führte Melisa Gürleyen.

Alltagsrassismus: "Das ist kein Kompliment"

Rassismus drückt sich oft in Sprache aus - manchmal in Komplimenten. Zum WDR-Themenschwerpunkt Rassismus zeigen sechs Menschen mit internationalen Biografien typische Beispiele.

Lea Hsu, Medizinstudentin, bekam dieses Kompliment von einer Ärztin, die zuvor sogar ihren Impfpass gesehen hat. Geburtsort: Heilbronn.

Was sie lieber gehört hätte:

Özkan Çetinkaya ist BWL-Student und hat dieses Kompliment öfter als Kind bekommen. Heute merkt er, dass er es problematisch findet.

Denn eigentlich geht es darum:

Safiya Yon ist Mental Health Coach für Menschen mit Migrationsgeschichte.

Das wünscht sich Safiya:

Julia Lisowska ist Lehramtsstudentin und findet, dass ein Doppelstandard in der Anerkennung von Zweisprachigkeit herrscht. Sie ist mit Polnisch und Deutsch aufgewachsen.

Für sie sollte man auch die Sprachen der größten Migrationsgruppen Deutschlands anerkennen.

Dieses Kompliment bekommt Lehramtsstudent Volkan Turan öfter von Männern.

Statt der Exotisierung der Herkunft seiner Eltern wünscht er sich lieber Komplimente, die wirklich an ihn gerichtet sind.

Hatice Tahtalı ist Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeitsassistentin. Sie stört es, dass Menschen davon ausgehen, sie sei wegen der Herkunft ihrer Eltern automatisch strenger erzogen worden.

Das wäre sie lieber gefragt worden:

Stand: 18.03.2021, 14:04

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