Mehrere Menschen demonstrieren ohne Maske gegen die geltenden Corona-Maßnahmen

Expertin über Corona-Leugner: "Es braucht eine klare politische Abgrenzung"

Stand: 22.09.2021, 15:50 Uhr

Die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun erklärt im Interview, wie sich die Corona-Leugner-Szene zunehmend radikalisiert - und was dagegen getan werden kann.

Der tödliche Angriff eines Maskenverweigerers auf einen Tankwart in Idar-Oberstein könnte in Verbindung zu einer offenbar radikalisierten Corona-Leugner-Szene stehen. In der Szene spielen Verschwörungserzählungen eine große Rolle. Katharina Nocun ist Politikwissenschaftlerin und Autorin eines Buches über solche Verschwörungsmythen. Im WDR-Interview erklärt sie mögliche Zusammenhänge und gibt einen Ausblick darauf, wie sich die Leugner-Szene nach der Pandemie entwickeln könnte.

WDR: Inwiefern hängt der tödliche Angriff in Idar-Oberstein mit dieser offenbar stattfindenden Radikalisierung von bestimmten Gegnerinnen und Gegnern der Corona-Maßnahmen zusammen?

Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren lächelt in die Kamera

Die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun.

Katharina Nocun: Also erstmal muss man da natürlich vorsichtig sein und den Stand der laufenden Ermittlungen abwarten. Es gibt Hinweise darauf, dass der Täter verschwörungsideologische und rechtsextreme Inhalte online verbreitet hat. Wenn sich diese Hinweise bestätigen, ist der politische Kontext der Tat sehr wichtig.

Eine Demonstrantin steht bei einer Kundgebung der "Querdenken"-Bewegung mit einem Plakat mit der Aufschrift "Willkommen in Diktatur - Sie verlassen Demokratie", das einem Ortsschild nachempfunden ist (17.04.2021).

Auch der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes warnt vor der Radikalisierung von bestimmten Gegnern der Corona-Maßnahmen.

Es handelt sich bei einigen Gegnerinnen und Gegnern der Corona-Maßnahmen um eine sehr stark radikalisierte Gruppe, die zunehmend gewalttätige Sprache verwendet und zu Gewalt aufruft. Die Angriffe der letzten Zeit auf die Presse, das Impfzentrum in Sachsen und die Morddrohungen gegen Virologinnen und Virologen stehen für diese Radikalisierung.

WDR: Die Bewegung ist inzwischen ja kleiner geworden. Was sind das für verbleibende Menschen, die sich - unter anderem im Rahmen der "Querdenken"-Initiative - radikalisiert haben und weiter radikalisieren?

Nocun: Das sind sehr unterschiedliche Gruppen und es ist schwierig, sie genau zu beschreiben. Denn durch ihre Wissenschaftsfeindlichkeit sind sie häufig nicht offen für Studien. Fest steht, dass sie gemeinsame Feindbilder haben: also Medien, Wissenschaft und Politik.

WDR: Und wie ausgeprägt ist die Verbindung von diesen radikalisierten Maßnahmen-Gegnern in die rechtsextreme Szene?

Nocun: Es gibt eine Verbindung. Rechtsextremisten haben den Täter aus Idar-Oberstein verteidigt und ihm applaudiert. Und man kann ganz klar sagen, dass bei einigen Anhängern von Corona-Verschwörungserzählungen die Bereitschaft fehlt, sich von Rechtsextremen abzugrenzen. In einigen Gruppen werden Inhalte von Reichsbürgern und antisemitische Inhalte geteilt. Nicht wenige reichweitenstarke Akteure haben selbst eine rechtsextreme Grundhaltung - wie Attila Hildmann. Er spricht von einer angeblichen "jüdischen Weltverschwörung" - das ist hart rechtsextrem, da gibt es nichts zu deuten.

WDR: Es ist gut möglich, dass die Corona-Pandemie künftig weniger gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommt - etwa wenn alle Maßnahmen mal aufgehoben sein könnten. Wie könnte sich die Szene um die Anhängerinnen und Anhänger von Corona-Verschwörungstheorien dann entwickeln?

Nocun: Es wäre ein kolossaler Fehlschluss zu glauben, dass die Szene sich auflöst, wenn Corona kein Thema mehr ist. Es gab schon vor Corona Verschwörungserzählungen. Und die Narrative einer angeblichen Medien- und Wissenschaftsverschwörung in den Köpfen werden bleiben. Es ist ein langer und schwieriger Prozess, solche Überzeugungen zu verändern. In entsprechenden Gruppen werden zudem längst auch zahlreiche Narrative jenseits von Corona verbreitet.

WDR: Müssen wir weiterhin und auch nach Corona mit Gewalttaten von radikalisierten Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungserzählungen rechnen?

Nocun: Also man kann sagen, dass Verschwörungserzählungen als Radikalisierungsbeschleuniger wirken können. Das sieht man zum Beispiel an den rechtsextremistischen Anschlägen in Halle, Hanau und im neuseeländischen Christchurch. Auch der Sturm auf das Kapitol in Washington aus dem Januar hängt mit Verschwörungserzählungen zusammen. Hierzulande unterstützt nur eine kleine Minderheit Gruppierungen wie "Querdenken" und die sehr radikale "QAnon"-Verschwörungserzählung hat im Vergleich zu den USA sicherlich weniger Anhängerinnen. Aber wir sollten trotzdem nicht die Fehler anderer Länder im Umgang mit solchen Narrativen wiederholen.

WDR: Was fordern Sie von Politik und Gesellschaft – gerade mit Blick auf die Tat in Idar-Oberstein - um der Radikalisierung dieser Corona-Maßnahmen-Gegner entgegenzuwirken?

Nocun: Es braucht eine ganz klare Abgrenzung im politischen Raum. Und mehr Geld: etwa für Prävention an Schulen oder für Beratungsstellen für Angehörige von Anhängern von Verschwörungsideologien. Weiterhin ist eine konsequente Strafverfolgung sehr wichtig. Es gibt Akteure, die dazu aufrufen, einzelne Journalisten oder Politikerinnen hinzurichten - und das hat oft keine oder kaum Konsequenzen. Das ist ein fatales Signal.

Das Interview führte Anna Palm.

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