Nach Putins Drohung: Warum ein Atomkrieg eher unwahrscheinlich ist

Stand: 01.03.2022, 21:44 Uhr

Staatschef Wladimir Putin hat Russlands Abschreckungswaffen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Das weckt die Angst vor einem Atomkrieg. Doch wirklich realistisch ist das anscheinend nicht.

Von Frank Menke

Wegen des Einmarsches in die Ukraine haben sich die westlichen Verbündeten auf weitere harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland verständigt. Deutschland hat zudem wie inzwischen etliche NATO-Staaten Waffenlieferungen an die ukrainische Regierung angekündigt.

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin hat daraufhin die strategischen Abschreckungswaffen, zu denen auch die nuklearen gehören, in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Für ihn ist das ein Akt der "Selbstverteidigung". Was bedeutet dieser Schritt konkret?

Welche Alarmstufen für Abschreckungswaffen hat Russland?

 Carlo Masala, Militärexperte der Bundeswehruniversität in München

Militärexperte Carlo Masala

Laut Carlo Masala, Militärexperte der Bundeswehruniversität in München, gibt es vier Stufen: von "normal" über "erhöhte Alarmbereitschaft" zu "militärischer Gefahr" bis "sozusagen voll". "Voll bedeutet, die Raketen sind mit Koordinaten versehen und werden abgefeuert", sagte er im ARD-Brennpunkt.

Die Eskalationsstufen des russischen Sicherheitssystems
StufeFolgen
1: NormalFriedenszeiten - Waffen sind geparkt, kommen nicht zum Einsatz
2: Erhöhte AlarmbeitschaftEinheiten bleiben dauerhaft in den Kasernen, um sie schnell mobil machen zu können
3: Militärische GefahrWaffen werden scharfgemacht, Sprengköpfe und Raketen zusammengeführt, auch atomare
4: Höchste StufeKrieg mit Nuklearwaffen

Was bedeutet erhöhte Alarmbereitschaft?

Stufe zwei, also die ausgerufene erhöhte Alarmbereitschaft, sei noch "weit entfernt von einer konkreten Drohkulisse, bei der man befürchten muss, dass Nuklearwaffen jetzt auf irgendwelche Ziele irgendwo im Westen oder den USA abgefeuert werden“, so Masala. Es sei eine Warnung, aber noch keine nukleare Eskalation. Eine solche Situation habe es schon 2014 bei der Annexion der Krim gegeben.

Wie begründet Putin die nächste Eskalationsstufe?

Putin nennt als Grund die "Selbstverteidigung". Aus russischer Sicht handelt es sich um eine defensive Maßnahme für den Fall, dass die USA von ihrem in ihrer Militärdoktrin verankerten Erstschlagrecht Gebrauch machen.

Wie ist Putins Drohung mit Atomwaffen einzuschätzen?

Der Journalist und Militär- und Verteidigungsexperte Thomas Wiegold hält Putins Schritt für "eine Drohgebärde gegenüber dem Westen". Dem WDR sagte er: "Es geht im Grunde genommen darum, dass es zu keiner direkten Konfrontation zwischen der NATO und russischen Streitkräften kommt." Würde die Drohgebärde umgesetzt, würde sie allerdings NATO-Gebiet treffen.

Ex-NATO-General Hans-Lothar Domröse hält auch für möglich, dass Putin von dem nur schleppend vorangehenden Einmarsch in die Ukraine frustriert ist.

Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse

Ex-NATO-General Hans-Lothar Domröse

"Er scheint hängen zu bleiben mit diesem meterhaften Vorgehen. Wenn er verzweifelt ist, weil er ja wahrscheinlich nicht aufgeben will, ist das eine schlechte Nachricht. Deshalb droht er ja mit den Nuklearwaffen. Es ist so ein gemischtes Gefühl, was ich habe", sagte er in der ARD-Sendung "Hart aber fair".

Wie zerstörerisch sind Russlands Atomwaffen?

Russland ist die weltweit größte Nuklearmacht, verfügte Anfang 2021 laut Friedensforschungsinstitut "Sipri" über 6.255 Atomwaffen, die USA über 5.500. Die Langstreckenraketen könnten Ziele in den USA erreichen, die Mittelstreckenraketen Westeuropa, taktische Kurzstreckenraketen mit geringerer Sprengkraft die Ukraine.

Dr. Frank Sauer von der Bundeswehr-Akademie

Politikwissenschaftler Frank Sauer

Mit der Formulierung "geringerer Sprengkraft" müsse man aber sehr vorsichtig umgehen, gab Politikwissenschaftler Frank Sauer von der Bundeswehr-Akademie dem WDR zu bedenken: "Geringe Sprengkraft heißt immer noch, dass diese Sprengköpfe, wenn sie detonieren, ein Vielfaches der Hiroshima-Bombe mit sich bringen an Explosionswirkung."

Wie viele Nuklearwaffen lagern in europäischen NATO-Staaten?

Dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Nach Schätzung des US-Forschungsinstituts "Center for Arms Control and Non-Proliferation" sind es ungefähr 100 US-Atomwaffen in fünf europäischen NATO-Staaten: Deutschland, Belgien, Niederlande, Italien und Türkei. Außerdem besitzt Großbritannien laut "Sipri" 225 Atomwaffen und Frankreich 290.

Könnte Putin Atomwaffen alleine zünden?

Nein, das kann er nicht - es gibt nicht den berüchtigten einen roten Knopf. Die Russen haben drei Atomkoffer. Einen hat der Staatspräsident, die anderen beiden sind beim Verteidigungsminister und beim Generalstabschef. "Dieses System dient als Absicherung gegen einen beliebigen Fehler bei der Anwendung von Atomwaffen", sagte der russische Generalmajor Boris Solowjow der Zeitung "Komsomolskaja Prawda".

Übrigens: Die USA haben den "Nuclear Football", der mit dem Präsidenten reist.

Wie wahrscheinlich ist ein Atomkrieg tatsächlich?

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Matthew Koenig von der Georgetown University und Experte für Fragen der internationalen Sicherheit und Atomwaffen, sagte dazu der "New York Times": "Staaten mit Atomwaffen können keinen Atomkrieg führen, weil sie damit ihre Auslöschung riskieren würden, aber sie können damit drohen und tun es auch."

Es sei eine Art Spiel, um das Kriegsrisiko zu erhöhen, "in der Hoffnung, dass die andere Seite einen Rückzieher macht und sagt: 'Oh je, das ist es nicht wert, einen Atomkrieg zu führen.'"

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