Staatsschutz Bielefeld lässt jüdischen Zeugen alleine

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, Matitjahu Kellig

Staatsschutz Bielefeld lässt jüdischen Zeugen alleine

Von Jörn Seidel

  • Matitjahu Kellig sagte als Zeuge gegen Rechtsextremisten aus
  • Polizei Bielefeld verwehrte Kellig Personenschutz
  • Gerichtsurteil bestätigt Volksverhetzung

Offenbar aus Hass gegen Juden werden in Halle an der Saale zwei Menschen erschossen. Am Tag danach sagt am Landgericht Bielefeld ein jüdischer Zeuge gegen einen Rechtsextremen aus. Schon Tage zuvor fühlt sich der Gläubige bedroht, hat Angst vor Übergriffen. Er bittet um Personenschutz. Aber die Polizei lehnt ab.

Zeuge gegen Rechtsextremisten

Matitjahu Kellig heißt der Bielefelder Zeuge. Er ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold. Als "frechen Juden-Funktionär" hatte ihn der Rechtsextreme Sascha Krolzig bezeichnet - und wurde dafür 2018 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Krolzig ging in Berufung. Am Donnerstag (10.10.2019) rollte nun das Landgericht Bielefeld den Fall neu auf.

"Mir geht's ehrlich gesagt nicht gut."

"Mir geht's ehrlich gesagt nicht gut", sagte Kellig dem WDR vor Prozessbeginn am Donnerstagmorgen. "Das war gestern ein sehr aufreibender Tag für mich." Wegen der Vorbereitung auf den Prozess. Wegen des Jom-Kippur-Feiertags. Und wegen des Angriffs auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten.

Kellig beobachtet in der Gesellschaft schon lange eine zunehmende Rechtsradikalität, Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung. Auch deshalb bat er die Polizei Bielefeld vor einigen Tagen um Personenschutz. Aber das Gespräch mit dem Staatsschutz verlief anders, als er erwartet hatte. Personenschutz? Abgelehnt!

Ein Anschlag mit langer Vorgeschichte

WDR 4 Zur Sache 10.10.2019 02:38 Min. Verfügbar bis 09.10.2020 WDR 4

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Ein Satz, der in Erinnerung bleibt

Schließlich habe es auch beim ersten Prozess gegen Krolzig keine Probleme gegeben, sagte eine Polizeisprecherin später. Ein Satz des Staatsschutzes bleibt Kellig besonders in Erinnerung. "Es wird schon nichts passieren", habe man ihm gesagt.

Es gab aber auch Anlass, vom Gegenteil auszugehen: Der Rechtsextreme Sascha Krolzig hatte als Bundesvorsitzender der Partei "Die Rechte" zum Prozess Unterstützer eingeladen. Nicht selten sei es bei Prozessen wie diesem in der Vergangenheit zu "Einschüchterungs- oder Bedrohungslagen" gekommen, sagte Dario Schach von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus.

Antisemitismus: "Zu wenig Zivilcourage"

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Landgericht bestätigt Volksverhetzung

Am Donnerstagnachmittag dann das Urteil: Das Landgericht Bielefeld bestätigte die Entscheidung aus dem vergangenem Jahr. Krolzig muss wegen Volksverhetzung für sechs Monate ins Gefängnis. Kellig ist erleichtert, bestätigte er auf Nachfrage. Sein Engagement gegen rechtes Gedankengut wolle er auch weiterhin nicht aufgeben.

Auf dem Weg vom Gericht zurück zum Wagen wurde Kellig von Polizisten begleitet. Tatsächlich ist dem jüdischen Gemeindevorsitzenden auch diesmal nichts passiert, genau wie es der Staatsschutz vorausgesagt haben soll. Aber es blieb dabei: Personenschutz bekam er nicht.

Stand: 10.10.2019, 19:41

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