Pro und Contra Bundeswehr-Auslandseinsätze - Im Zweifel auch alleine?

Bundeswehrsoldat mit Waffe in Afghanistan

Pro und Contra Bundeswehr-Auslandseinsätze - Im Zweifel auch alleine?

Nach dem Scheitern der westlichen Afghanistan-Politik und der Machtübernahme der Taliban stellt sich die Frage: Sollen Bundesregierung und Parlament die Bundeswehr künftig noch in Auslandseinsätze schicken? Ein Pro und Contra unserer Korrespondenten.

Pro: WDR-Korrespondent Philipp Menn in Berlin

Philipp Menn

WDR-Korrespondent Philipp Menn

20 Jahre lang war die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Doch jetzt stiehlt sich Deutschland aus der Verantwortung und lässt tausende verbündete Afghaninnen und Afghanen im Stich. Das Argument: Ohne den Schutz der US-Armee ist deren Rettung leider nicht zu machen.

"Die Bundeskanzlerin hat sich in den ganzen Jahren kaum für den Krieg in Afghanistan interessiert." Philipp Menn, WDR-Korrespondent (Berlin)

Es ist die gleiche Ausrede wie beim Ende des ISAF-Einsatzes. Als könnte Deutschland diese Luftbrücke nicht auch alleine führen, im Zweifel mit Unterstützung europäischer Verbündeter. Was fehlt, sind nicht die militärischen Fähigkeiten, sondern der politische Wille. Die Bundeskanzlerin hat sich in den ganzen Jahren kaum für den Krieg in Afghanistan interessiert. Das Gleiche gilt für die meisten Bürgerinnen und Bürger.

Terror made in Afghanistan wurde gestoppt

Gern gesehen waren die Soldaten beim Brunnen bohren und Schulen bauen. Dass sie zusammen mit Amerikanern auch in Höhlen geklettert sind und Terroristen erschossen haben, dass sie dabei selbst getötet oder verstümmelt wurden, darüber wird bis heute ungern gesprochen. Dabei war das wohl der einzige Erfolg des Einsatzes: Der Terror made in Afghanistan wurde gestoppt. Das hat die Kanzlerin gestern im Bundestag betont.

Fast 50 Milliarden Euro geben wir inzwischen für die Bundeswehr aus - jedes Jahr. Wer soviel Geld für seine Armee ausgibt, sollte sich darüber klar sein, warum eigentlich? Was soll unsere Armee können? Welche Interessen soll sie verteidigen? Welchen Zweck erfüllen? Menschen evakuieren, die Deutschen im Krieg geholfen, übersetzt und gekämpft haben. Das wäre nicht der schlechteste Grund.

Verantwortung übernehmen

Doch dafür müsste die Bundesregierung Verantwortung übernehmen, statt sich davonzustehlen. Sie müsste den Bürgern erklären, warum das richtig ist und das dabei Soldaten getötet werden können. Das gilt heute in Kabul und morgen woanders. Es wäre an der Zeit, darüber zu diskutieren, statt irgendwann in den nächsten Einsatz reinzustolpern.

Contra: WDR-Korrespondentin Helga Schmidt in Brüssel

Helga Schmidt

WDR-Korrespondentin Helga Schmidt

Tausende Afghanen werden vermutlich zurückbleiben, den Taliban ausgeliefert, bitter enttäuscht, weil sie den Deutschen vertraut haben. Vergeblich. Der Gedanke ist schwer zu ertragen und weil das so ist, kommt jetzt die Frage auf, ob Deutschland nicht auch allein in der Lage sein müsste, solche Militäreinsätze im Ausland zu einem guten Ende zu bringen - unabhängig von den Amerikanern, die sich immer mehr zurückziehen aus ihrer Rolle als Weltpolizist.

"Die Gefahr hat sich kein kriegsmüder amerikanischer Präsident ausgedacht, wie manche deutschen Strategieexperten jetzt suggerieren." Helga Schmidt, WDR-Korrespondentin (Brüssel)

Der Gedanke ist vielleicht plausibel, aber nur auf den ersten Blick. Wer jetzt eine Verlängerung der Luftbrücke verlangt, der übersieht, wie gefährlich die Situation am Flughafen in Kabul ist. Die Gefahr hat sich kein kriegsmüder amerikanischer Präsident ausgedacht, wie manche deutschen Strategieexperten jetzt suggerieren, kein Präsident, der nur seine Truppen nach Hause holen wollte und mit etwas gutem Willen die Rettungsflüge verlängern könnte.

Das Leben tausender Soldaten ist gefährdet

Die Gefahr ist real, das Leben tausender Soldaten ist gefährdet. Und das sind bestens ausgebildete amerikanische Elitesoldaten mit Spezial-Fähigkeiten vor allem in der Gefahrenabwehr am Boden und in der Luft. Sie verfügen über Fähigkeiten, die kein einziges anderes NATO-Land besitzt.

Milliarden-Löcher im Bundeshaushalt

Astronomische Summen wären nötig, um die Bundeswehr in einen solchen Zustand der Einsatzfähigkeit zu versetzen. Ein gigantisches Aufrüstungsprogramm - absurd in einer Zeit, in der die Corona-Maßnahmen und Hochwasserschäden Milliarden-Löcher in den Bundeshaushalt gerissen haben.

Aus dem gescheiterten Afghanistan-Krieg sollten wir eine ganz andere Lehre ziehen. Die Reform einer Gesellschaft, der Aufbau eines Staates mit halbwegs demokratischen Strukturen, all das ist mit militärischen Mitteln von außen nicht möglich. Nicht mal das größte Militärbündnis der Welt, die NATO, hat das geschafft.

Diese Erfahrung sollte sich jede Bundesregierung von jetzt an vor jedem möglichen Auslandseinsatz in Erinnerung rufen.

Stand: 26.08.2021, 18:59

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