Polizei in NRW an der Grenze der Belastung

Polizisten im Einsatz vor dem Kölner Stadion

Polizei in NRW an der Grenze der Belastung

Von Peter Fischer

  • Beamter spricht über seine Arbeit
  • Gewerkschaft sieht kein Ende der Belastung
  • 5,5 Millionen Überstunden in NRW

Die Polizei in NRW ist im Dauer-Einsatz: Protestaktionen von Kurden, der Schutz jüdischer Einrichtungen, Risiko-Fußballspiele - und Demonstrationen von Neonazis und Gegen-Kundgebungen.

Polizist: Freizeit kaum planbar

Nils Jäger ist Kradfahrer bei der Dortmunder Polizei und seit zehn Jahren im Dienst, unter anderem in Hundertschaften. Als engagiertes Mitglied der Polizei-Gewerkschaft GdP ist der 31-Jährige einer von wenigen Beamten, die sich öffentlich zu den derzeitigen Belastungen äußern. Jäger beklagt vor allem die Häufigkeit und Spontanität der Einsätze.

Ob er den Geburtstag seiner Mutter feiern kann - oder ob er wieder kurzfristig ran muss, er weiß es nicht. Auch Freundschaften pflegen ist schwierig: "Die Freunde haben nicht den Tiefblick in die Arbeit der Polizei und können das vielleicht zwei, dreimal verstehen, dass ich Termine kurzfristig absagen muss. Aber beim achten, neunten, zehnten Mal fängt das Verständnis an zu bröckeln."

5,5 Millionen Überstunden in NRW

Die folgenden Zahlen machen das deutlich: Bis Mitte Oktober gab es in Dortmund 576 Demonstrationen. Das sind schon 18 mehr als im ganzen letzten Jahr. Zwar stellt die Polizei landesweit pro Jahr etwa 2.500 neue Beamte ein.

Gleichzeitig gehen aber viele der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Dazu kommt eine schier unfassbare Zahl an Überstunden: Etwa fünfeinhalb Millionen Überstunden schieben die 41.000 Polizeibeamten in NRW vor sich her. Diese haben sich über die Jahre angehäuft.

Polizeipräsident: Trotzdem Erfolge bei Kriminalitätsbekämpfung

Marcus Schweminski von der GdP in Dortmund sieht für die Beamten deshalb auch kein Ende der Belastung. Durch Neueinstellungen wird es wohl eine Entlastung geben - aber erst, wenn alle neu ausgebildeten Polizisten für den täglichen Dienst zur Verfügung stehen. Das sei aber erst in mehreren Jahren der Fall.

Auch Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange versucht gar nicht erst, das Problem kleinzureden. Bei den Anforderungen durch Demonstrationen, Kundgebungen und Schwerpunkt-Einsätze in der Nordstadt sei die Polizei im roten Bereich. Trotzdem sei es gelungen, die Kriminalität in Dortmund in den letzten vier Jahren kontinuierlich zu senken.

Angst spielt eine Rolle

Mit der Zahl der Einsätze nimmt auch die Aggressivität zu: Nils Jäger und seine Kollegen werden immer häufiger attackiert – verbal und auch körperlich. Da spiele Angst natürlich auch eine Rolle. Aber die Ausbildung und die kontinuierliche Betreuung der Polizisten helfe dabei, die häufigen und oft brenzligen Einsätze zu bewältigen, sagt Nils Jäger.

Einsätze bei Hochrisikospielen: Wer trägt die Polizeikosten?

WDR 2 26.03.2019 03:23 Min. Verfügbar bis 25.03.2020 WDR Online

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Stand: 25.10.2019, 06:00

Kommentare zum Thema

15 Kommentare

  • 15 Andreas Hantke 25.10.2019, 21:37 Uhr

    Es werden weniger Polizisten eingestellt und ausgebildet (und noch viel weniger schaffen überhaupt die Ausbildung zu beenden), als aktuell in den Ruhestand gehen. Da hätte man wohl früher dran arbeiten müssen. Kann man ja berechnen. Jetzt zu sagen, dass es ja noch dauert, bis der eingestellte Nachwuchs ausgebildet ist, zeugt von Unkenntnis. Und wenn das nicht der Fall ist, dann wird der Bürger hier bewusst belogen bzw. für dumm verkauft. Leider kann man aber die Einstellungszahlen auch nicht noch weiter erhöhen, da die Zulassungskriterien schon jetzt dafür sorgen, dass die Durchfallquoten immer weiter steigen. Man sollte doch besser darüber nachdenken, geeigneten Nachwuchs mit mittlerer Reife zusätzlich zu bewerben, um wieder für den mittleren Dienst auszubilden. Ansonsten: alle schämen für nicht gemachte Hausaufgaben in der Vergangenheit! So was nennt man Organisationsversagen.

  • 14 Heinzb aus nrw 25.10.2019, 18:00 Uhr

    Es ist an der Zeit aufzuhören , dass der Steuerzahler und die Polizei aufkommen müssen für die Sicherheit von Fußballspiele . Die Vereine kassieren Gelder der Öffentlichen Rundfunkanstalten und zahlen zig Millionen Euros für die Balltreter , dann werden sie es auch finanzieren können , für die Sicherheit der Spiele aufzukommen durch bezahlte Ordner usw. . Und das eingesparte Gelder sollten verwendet werden zur Sicherung der Grenzen Deutschland , um nicht jeden Verbrecher frei Tür und Tor rein zu lassen , andere EU-Staaten machen es vor , bewaffnen sogar das eigene Volk , um Sie zu schützen vor Verbrechern im Land . Oder macht Grenzkontrollen wie Schweden , Kanada , Australien und die USA und viele Staaten der Welt . Das entlastet die Polizei im Inneren Deutschland's

  • 13 Roger 25.10.2019, 16:01 Uhr

    Viele Situationen sind doch durch „normale“ Polizeikräfte längst nicht mehr zu bewältigen, sondern nur noch überfordert bzw. resignierend zu verwalten (Spuckmasken!). Das (überwiegend straffrei) betriebene Out-Law-Spiel der organisierten Banden, Familien-Clans, Drogendealer, religiösen Fanatiker, etc. mit all dem albern-martialischen Gepose und Drohgebaren, ist vielmehr eine Form des "urbanen Terrorismus", worunter eine überwiegend friedliche Bevölkerung und natürlich auch die Beamten der "Streifenpolizei" zu leiden haben ("No-Go-Areas", "Angsträume"). Auch dieser Terrorismus muss bekämpft werden: gezielte, regelmäßige (nicht nur vor irgendwelchen Wahlen oder sporadische, medial begleitete) Großeinsätze von Spezialkräften in den Problembezirken, würden dem Spuk ein jähes Ende bereiten. Dies setzt jedoch einen auf innere Sicherheit wertlegenden Rechtsstaat voraus, der auch Willens ist, diese Zustände schnellstens zu erkennen, offen zu benennen und kompromisslos zu unterbinden.

  • 12 Tarrio 25.10.2019, 14:51 Uhr

    Ein witz wie einige Herren hier die sog. "Willkommenskultur" dafür verantworltich macht. Das derzeitige problem hierbei ist wie in anderen Branchen auch, zu viel Arbeit für zu wenige Menschen. Mit einer Priorisierung und trennung von verantwortung wäre schon viel getan. Warum müssen Polizisten bei Fußballspielen eingesetzt werden? Dafür reichen Private Secus. Warum muss bei jeder Baumbesetzung sofort ne Hunderschaft anrücken? Lasst die Menschen doch demonstrieren. Warum müssen dutzende Polizisten durch die Innenstadt wandern um (falsche) Sicherheit zu sugerieren? Bewaffnete Menschen egal welchen Berufes hegen bei mir unwohlsamkeit. Der Polizeiapperat ist eine Verwaltungsstruktur und hat demendsprechende Bürokratische aufgaben, auch hier kann viel Arbeit eingespart werden. Bei einem Ordnungsruf muss nicht gleich ne Streife ran, das Ordnungsamt oder der KOD reicht da völlig aus. Auch bei Demonstrationen braucht es keine polizei, die sind dafür nicht (mehr) richtig ausgebidlet

    Antworten (1)
    • Herr Wunderlich 25.10.2019, 15:33 Uhr

      ... und genau diese "bewaffneten Menschen" (die Polizei) sorgen dafür, dass sie ruhig schlafen können ! Gewalt im Stadion für sie ok ?, Hausfriedensbruch für sie ok ? Was noch ? Die Polizei erfüllt hoheitsrechtliche Aufgaben, an die Security und Ordnungsamt nicht ran dürfen.

  • 11 Gordon Shumway 25.10.2019, 14:26 Uhr

    Wie immer ist es so, dass der Fisch im Kopfbereich am meisten stinkt. Besonders stark ist der öff. Dienst im Bereich der inneren Sicherheit mit dieser Fehlentwicklung belastet, aber diese gibt es natürlich auch in der freien Wirtschaft. Der Rechtsstaat erodiert zunehmend, wenn auch schleichend, aber aus heutiger Sicht unaufhaltsam. Die Zustände werden nicht besser und die Nachsteuerung hat niemals das gleiche Tempo, sodass die Richtung klar ist. Nachwuchsgewinnung ist ein immer größer werdendes Problem. Das Interesse der jungen Menschen am öff. Dienst hat stark nachgelassen, denn wer nur einigermaßen informiert ist, wird wissen was auf ihn zukommt, wenn er einen solchen Beruf ergreift. Die sichere Existenz mit Beamtenstatus spielt für die junge Generation heutzutage eher eine untergeordnete Rolle. Alles in allem keine guten Zukunftsaussichten und ich bin noch Optimist.

  • 10 Gordon Shumway 25.10.2019, 14:00 Uhr

    Alles Ergebnisse einer völlig fehlgeleiteten Politik und inkompetenten Entscheidern. In nahezu allen Bereichen des öffentlichen Dienstes ist es das Gleiche. Immer jünger werdende Vorgesetzte, die nach ihrem Studium losgelassen werden und glauben, sie hätten Weisheit mit Löffeln gefressen. Reden überall mit, schaffen ständig neue Veränderungen, die oftmals nur schlecht durchdacht, in der Praxis kaum umzusetzen sind und trauen sich nicht Entscheidungen zu treffen, denn das könnte ja der Karriere schaden. Das erfahrene Personal bricht wegen Überlastung weg, sodass die damit verbundene Erfahrung nicht mehr regulierend eingreifen kann. Der öffentliche Dienst wird permanent mit zusätzlichen Aufgaben belastet, besonders die Polizei. Das kostet Personal und auch viel Geld. Durch etliche Jahrgänge,die damals aus Einspargründen nicht eingestellt wurden, tun sich nun die Probleme auf und das Ergebnis fällt der Politik jetzt auf die Füße.

  • 9 Max 25.10.2019, 13:51 Uhr

    (5500 000 / 41 000)/52~2,6 2,6 Überstunden pro Woche. Nicht schön, klingt aber auch nicht schlimm

    Antworten (2)
    • Max 25.10.2019, 16:03 Uhr

      Die Rechnung ist richtig, doch die "Umstände" sind nicht bekannt. Daher, in den Hundertschaften ist es nicht selten, das es Polizisten gibt, die um die 400 Überstunden haben, Teilweise sogar um die 1500 (ich war selber 12 Jahre in einer Einsatzhundertschaft, bin selbst mit 700 Überstunden dort raus) Dann gibt es Dienststellen im Land, dort machen die Polizisten ihren regulären, geplanten Dienstplan und kommen nicht auf die Mindestarbeitszeit. Dort werden dann Fortbildungen usw. auf die freien Tage gelegt, damit man +/- 0 am Monatsende dasteht. Wiederum gibt es Kommissariate, dort werden nur wenig Stunden aufgebaut, in anderen kommt man mit der Arbeit nicht hinterher und es regnet Überstunden. Was ich sagen will, die Verteilung ist sehr unterschiedlich. Deswegen klappt diese einfache Rechnung nicht.

    • max 25.10.2019, 18:29 Uhr

      Danke für die Erläuterungen

  • 8 Werner 25.10.2019, 13:30 Uhr

    Genau das sind die, die gemeint waren bei „wir schaffen das“. Sprüche rauslassen ist einfach, die Realität nicht.

  • 7 Hilde Blake 25.10.2019, 12:57 Uhr

    Drogen geregelt legalisieren, da könnten auch Kräfte frei werden. Mehr Personal?

    Antworten (1)
    • hi 25.10.2019, 13:18 Uhr

      vielleicht könnten wir Fauschschläge auch legaliesieren, das würde noch mehr Kapazitäten schaffen.

  • 6 Hilde Blake 25.10.2019, 12:52 Uhr

    Dann vielleicht mal endlich Drogen geregelt legalisieren, da werden Kräfte frei.99

  • 5 Frank 25.10.2019, 12:49 Uhr

    Ich habe viel Verständnis, muss aber sagen, dass es in anderen Berufen genauso ist. Ich habe lange Jahre als IT-Manager mit ca. 60 km Fahrtweg gearbeitet. Zum einen passierte ständig zum Feierabend etwas, sodass ich länger bleiben musste, zum anderen konnte ich sicher sein, dass ich immer dann, wenn ich abends etwas vorhatte, im Stau gestanden habe. Familienfeiern, Essen mit Freunden, etc. fanden immer ohne mich statt. Verabredungen einzuhalten, war fast unmöglich. Wir haben leider insgesamt in Deutschland eine Arbeitskultur, die wenig Freizeit lässt. In anderen Ländern bedeutet Feierabend auch Feierabend, da wird pünktlich der Stift fallengelassen, hier wird jemand, der so arbeitet, vom Arbeitgeber aufs Abstellgleis geschoben.

    Antworten (1)
    • Buneru 25.10.2019, 13:29 Uhr

      ja da gebe ich Ihnen Recht Frank, ich beobachte diese Misere der Mehrarbeit für weniger Geld, mit mehr Aufgaben bei weniger Personal bei vielen meiner Freunde und Bekannten auch in der freien Wirtschaft und in anderen Verwaltungen. Ein Elend. Gerne weniger Geld, dafür weniger arbeiten und eine verlässliche Freizeit mit der Familie, das wäre mein Wunsch

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