Intensivstationen müssen Kinder abweisen

Intensivstationen müssen Kinder abweisen

Von Karin Bensch, Marius Brüning und Christopher Ophoven

  • NRW-Kliniken mit zu wenig Pflegepersonal
  • Betten auf Kinder-Intensivstationen bleiben leer
  • Zu wenig Gehalt, zu hohe Arbeitsbelastung
  • Zehn Prozent mehr Auszubildende gefordert
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Visite auf der Kinder-Intensivstation der Uniklinik Münster. Ein Team aus Ärzten und Pflegern schaut sich die kleinen Patienten an. Schwerkranke Säuglinge und Kleinkinder, die zum Beispiel Organversagen hatten. Hier gibt es 16 Betten. In der Regel können aber nur zehn belegt werden. Sechs Betten stehen also meistens leer. "Das liegt daran, dass es einen deutlichen Mangel an Pflegekräften gibt", sagt Professor Dr. Heymut Omran. Deshalb könne man pro Jahr mehr als einhundert Kinder nicht versorgen, obwohl man sie versorgen möchte.

Ein Dilemma: Aufnehmen oder ablehnen?

Welche schwerkranken Kinder nimmt die Intensivstation auf? Welche muss sie ablehnen? Ein Dilemma. Man stehe ständig zwischen unterlassener Hilfeleistung und einem Übernahmeverschulden, so der Kinderarzt. "Ich nehme einen Patienten zusätzlich, obwohl ich eigentlich nicht genug Personal habe, um ihn vernünftig zu versorgen. Oder ich nehme den Patienten nicht auf, und er muss zum Beispiel hunderte von Kilometern in eine andere Intensiveinheit transportiert werden. Während des Transports kann etwas passieren, wertvolle Zeit verstreicht", erklärt Professor Dr. Heymut Omran.

Mit diesem Problem ist die Uniklinik Münster nicht allein. Nach WDR-Recherchen stehen auch in anderen Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen Betten auf Kinder-Intensivstationen leer, weil Pflegepersonal fehlt. Zum Beispiel in Köln, Hamm, Aachen, St. Augustin, Lippstadt und Düsseldorf. In manchen Kliniken können bis zu 55 Prozent der Betten nicht für die Intensivbehandlung genutzt werden, weil nicht ausreichend Personal vorhanden ist. 

Die Klinikkrise rund um Bonn

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen 08.08.2019 03:50 Min. Verfügbar bis 06.08.2020 WDR 5 Von Anne Burghard

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Anja Hengselmann arbeitet seit sechs Jahren als Krankenpflegerin auf der Kinder-Intensivstation. Sie mag ihren Job, weiß aber auch um die Belastungen. "Erstens der Schichtdienst, dieses hohe Arbeitspensum. Viele Überstunden, selten pünktlich Feierabend. Viele sagen, dass man Geld einfacher verdienen kann", erzählt sie.

Mehr Gehalt und mehr Freizeit

Im Durchschnitt arbeiten Kinderkrankenpfleger acht bis zehn Jahre auf der Intensivstation. Wenn sie wechseln, geht viel Wissen und Erfahrung verloren. Mehr Arbeitsschutz, mehr Gehalt und mindestens zehn Prozent mehr Auszubildende, fordert Birgit Pätzmann-Sietas, die Vorsitzende des Berufsverbandes Kinderkrankenpflege. Das müsse zügig umgesetzt werden, damit der Pflegeberuf attraktiver wird und die Leute lange in dem Beruf bleiben.

Korrektur

In einer früheren Version des Diagramms hatten wir beim Evangelischen Krankenhaus in Hamm eine Zahl von 25% nicht belegter Betten angegeben - dieser Wert ist nicht richtig. Wir entschuldigen uns für den Fehler und haben ihn nun auf 8% korrigiert.

Stand: 15.08.2019, 10:51

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7 Kommentare

  • 7 Thomas 17.08.2019, 23:15 Uhr

    Es ist kein Wunder, dass diesen Beruf niemand mehr ausüben will! Zwangspflegekammern, hohe Arbeitsbelastung, Anrufe im frei, Überstunden, durch DRG höherer Patientenumschlag, unfreundliche Patienten, Übergriffe von Leuten, die unser System in D nicht akzeptieren, QM steht im Weg, alles wird isoliert, aber kein Personal da! Als Ex-Pfleger rate ich jedem zu kündigen! Jeder muss sehen, dass er sich selbst der Nächste ist! Auf die Pflege wird Seiten der Politik geschi..en!

  • 6 Trauriger_Gebührenzahler 16.08.2019, 00:25 Uhr

    S.g. WDR, (1) Fehlerkorrektur nur teilweise in der gelinkten Tabelle ist Ihre Korrektur für das EvK Hamm leider nicht berücksichtigt. Dort sind 25% der Betten nicht belegbar, obwohl Sie per Fehlerkorrektur am 15.08.2019 um 10:51 dies richtig gestellt haben. Die Tabelle stammt vom 15.08.2019 06:00. (2) Recherchetiefe unzureichend So richtig gehen Sie dem Problem ja nicht nach. Spätestens bei Ihrem Bericht über die drohende Schließung Kinderklinik St. Augustin wirft sich die Frage auf, wo die Kinder, welche dort noch versorgt werden, eigentlich hin sollen. Und wie passt hier das Überangebot an Krankenhauskapazitäten (vgl. ARD Bericht)? Bringt BM Spahn aus Südosteuropa und Fernost die fehlenden Pflegekräfte mit? Was hat die alte NRW-Regierung (Uni-Klinika sind NRW-Einrichtungen) gemacht? Was macht die neue ? Ist unzweifelhaft Daseinsfürsorge (Art. 72 Abs. 2 GG i. V. m. Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG)? Wer 45 min für Bertelsmann-Kram hat ... sollte auch 45 min hierfür haben. Wer außer ÖRR?

  • 5 Maria 15.08.2019, 23:41 Uhr

    Es ist viel wichtiger das die Leute die diesen Beruf ausüben auch ordentlich bezahlt werden und auch sehr notwendig das die Arbeitszeiten flexibler gestaltet werden,vorallem da viele Frauen diesen Beruf ausüben die evtl.eine Familie haben oder gar kleine Kinder, für solche Frauen ist dieser Beruf total unangenehm und unattraktiv da er nicht Familien freundlich ist. Sehr schade eigentlich. Wenn man Net kann da Kind krank ist oder sagt Wochenende oder geteilt oder Spätschichten nicht drinnen hat man null Chancen in diesem Beruf, da die Begründung dann vom Chef lautet das kann er Net tun wäre unfair den Kollegen gegenüber. Also wo fängt man hier an und wo hört man auf.?

  • 4 Kira 15.08.2019, 23:03 Uhr

    Ich mache eine Ausbildung als Gesundheits und Krankenpfleger und die Belastung ist aufgrund des Personalmangels doppelt so hoch. Ich werde mir einen anderen Job suchen weil ich mir sicher bin, dass die Bezahlung dafür nicht besser wird und der Stress wird auch nicht weniger. Die Lehre werde ich deshalb nicht abbrechen, damit ich Durchhaltevermögen, sehr gute Kommunikative Fähigkeiten, gute Menschenkenntnis, Belastbarkeit und körperliche Fitness für den weiteren Beruf als Vorteil nutzen kann.

  • 3 Olaf Walter 15.08.2019, 18:54 Uhr

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll — zum einen wird das Mosaik eines seit 1949 vermurksten Gesundheitswesen in Deutschland mit einem weiteren Steinchen sichtbarer zum anderen werden in Sachen Organspende ("Widerspruchslösung") den politischen Wegbereitern samt ihren Mittragenden und Helfern, Organentnahmepersonen schwerer zugänglich gemacht. Olaf Walter (58), Tuttlingen

  • 2 Heinzb aus nrw 15.08.2019, 13:10 Uhr

    Ein Armutszeugnis für ein angebliches reiches Land wie Deutschland . Geld ist angeblich da , aber wohl nicht da, um Fachkräfte einzustellen, auszubilden und vor allen Dingen anständig und angemessen zu bezahlen . Wir sehen im Fernsehen Berichte über das Elnd in der Dritten Welt , es wird aufgerufen auf Spenden für Afrika , es kommt wohl in naher Zukunft , da werden in der Dritten Welt gesammelt Spenden für Deutschland .

  • 1 st 15.08.2019, 12:50 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

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