Missbrauchsfälle in Bergisch Gladbach: Die Perspektive der Kinder

Symbolbild Kindesmissbrauch

Missbrauchsfälle in Bergisch Gladbach: Die Perspektive der Kinder

  • 13 betroffene Kinder in NRW im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach
  • Pro Klasse werden ein bis zwei Kinder Opfer von sexueller Gewalt
  • Kinder brauchen besondere Hilfe
  • Interview mit der Leiterin Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V.

Statistisch gesehen sind pro Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen. Die ärztliche Kinderschutzambulanz in Remscheid kümmert sich um Kinder, die Opfer von Missbrauch geworden sind. Die Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees spricht im Interview über Konsequenzen und Ansprechpartner.

WDR: Was benötigen die Kinder jetzt als Erstes?

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V.

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V.

Birgit Köppe-Gaisendrees: Das Erste, was Kinder brauchen, ist das Ohr, was ihnen zuhört. Das sind Menschen, die ihnen das Gefühl vermitteln, dass Kinder sich mitteilen können und dass ihnen geglaubt wird. Bei den meisten Kindern geht es darum, ihnen erst einmal eine Sprache zu geben für das, was möglicherweise passiert ist und was sie bislang noch nicht erzählen konnten. Im Regelfall geht es immer darum, die Kinder zu stabilisieren.

WDR: Welche Schritte werden eingeleitet, wenn ein Kind missbraucht wird, möglicherweise sogar in der eigenen Familie?

Köppe-Gaisendrees: Es gibt in Deutschland klare Vorlagen, wie mit Hinweisen einer Kindeswohlgefährdung umgegangen werden muss. Primär geht es so, dass sich das Jugendamt einen ersten Einblick verschaffen muss und das Jugendamt dann die Möglichkeit hat, verschiedene Aufträge zu delegieren, davon sind wir einer.

WDR: Woran arbeiten Sie besonders mit den Kindern?

Köppe-Gaisendrees: Viele der Kinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, entwickeln das Gefühl, dass an ihnen selbst etwas nicht in Ordnung wäre. Es geht also auch darum zu erarbeiten, dass die Zuweisung für die Verantwortung für das, was passiert ist, nicht beim Kind liegt.

WDR: Wie viele Ansprechpartner hat ein betroffenes Kind?

Köppe-Gaisendrees: Es hat immer was damit zu tun, ob man sich im strafrechtlichen Rahmen bewegt, ob ein familienrechtliches Verfahren anhängig ist, oder ob es "nur" das Jugendamt ist. Normalerweise kann man schon davon ausgehen, dass ein Kind mehrere Ansprechpartner hat, dass es mit dem Jugendamt spricht, mit dem Kinderarzt, dass es bei strafrechtlichen Verfahren auch eine Anhörung bei der Kripo gibt und dass es mit Gutachtern spricht.

WDR: Wie sehen Sie es, dass sich betroffene Kinder mehreren Personen anvertrauen müssen?

Köppe-Gaisendrees: Für viele Kinder ist das erst mal eine Belastung. Ein Kind, das sich bereits einmal mitgeteilt hat, erkennt im Regelfall nicht die Notwendigkeit, warum es das jetzt noch mal unterschiedlichen Personen erzählen soll. Zumal die Inhalte nach sexuellen Übergriffen ja sehr intim und sehr persönlich sind.

WDR: Woran hapert es Ihrer Meinung nach bei uns im System, um diese Kinder optimal aufzufangen?

Köppe-Gaisendrees: Es gibt sicherlich immer noch einen Bedarf die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu verbessern. Also, dass die Systeme, die sich mit Kindern beschäftigen, auch in den Fällen von Kindeswohlgefährdung eng zusammenarbeiten. Es darf keine Berührungsängste zwischen der Jugendhilfe, dem Gesundheitssystem und der Justiz geben. Also ich glaube, für einen effektiven Kinderschutz braucht man eine gute Kooperation der Berufsgruppen, die letztendlich den Kinderschutz auch gewährleisten können.

Das Gespräch führte Cosima Gill.

Stand: 19.11.2019, 06:00

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