Männlich, weiblich oder divers: Gesetz für "drittes Geschlecht"?

Illustration: Geschlecht "intersexuell" ist angekreuzt

Männlich, weiblich oder divers: Gesetz für "drittes Geschlecht"?

  • Bundestag entscheidet über Änderung des Personenstandsgesetzes
  • Dritte Geschlechtsoption "divers" möglich
  • Sozialwissenschaftlerin erklärt Hintergründe und Auswirkungen der bisherigen Praxis

Geschätzt 100.000 Kinder in Deutschland werden mit einem uneindeutigen Geschlecht geboren. Der Bundestag entscheidet am Donnerstag (13.12.2018) darüber, was künftig ins Geburtenregister einzutragen ist. Sozialwissenschaftlerin Lena Klatte erklärt die Hintergründe.

Männlich, weiblich oder divers

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft 13.12.2018 05:30 Min. WDR 5

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WDR: Ist die geplante Gesetzesänderung ein Meilenstein für Betroffene oder nur ein kleiner, längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung?

Lena Klatte: Es ist ein kleiner, längst überfälliger Schritt. Es gab vorher nur die Option, gar kein Geschlecht eintragen zu lassen. Das Bundesverfassungsgericht hat aber entschieden, dass es einen positiven dritten Eintrag geben muss. Letztlich ist man einig geworden, dass der Eintrag "inter" oder "divers" lauten kann.

Lena Klatte

Lena Klatte arbeitet in der Transberatung Düsseldorf. Die Sozialwissenschaftlerin hat selbst einen Trans-Hintergrund. Damit bietet die Beratung eine Peer-to-Peer-Betreuung - eine Kommunikation unter Gleichen. "Ich kann mich auf Augenhöhe mit Menschen unterhalten, die zu uns kommen", sagt die 48-Jährige.

WDR: Gibt es Zahlen darüber, über wie viele Menschen wir überhaupt sprechen?

Klatte: Das wird statistisch nicht erfasst. Bei der Geburt werden Menschen anhand der äußeren Genitalien einem Geschlecht zugewiesen, es wird aber keine Chromosomen-Analyse gemacht oder der Hormonhaushalt untersucht. Oft stellt es sich erst später heraus, ob jemand intergeschlechtlich ist.

WDR: Was passiert heute, wenn ein Kind ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommt?

Klatte: Das ist eine Frage, die viel wichtiger ist als der Eintrag in das Personenstandsregister. Aus Sicht vieler intergeschlechtlicher Menschen werden Kinder - fremdbestimmt von Eltern oder Ärzten - operiert, ohne sich frei entwickeln zu können.

Eine Studie zeigt, dass Eltern immer noch zu einer schnellen Operation geraten wird. Ärzte argumentieren mit dem Schutz der Kinder, aber Kinder können sehr wohl intergeschlechtlich aufwachsen, ohne darunter zu leiden.

WDR: Was kann betroffenen Eltern, die ja erst mal völlig überfordert sind, am besten helfen?

Klatte: Ganz wichtig ist es, nichts zu überstürzen und sich unabhängig betraten zu lassen. Gute Mediziner verweisen auch an entsprechende Beratungsstellen.

Was macht die Transberatung in Düsseldorf?

Das Angebot ist in erster Linie für Menschen, die man traditionell als transsexuell, transident oder transgender bezeichnet. Aber auch für solche, die erst mal nur das Gefühl haben, in ihrem Geburtsgeschlecht nicht zu Hause zu sein - und mit jemanden darüber reden wollen.

"Thematisiert werden aber auch andere Lebensbereiche von trans Personen. Zum Beispiel, wenn es Schwierigkeiten auf der Arbeit gibt oder sie in der Schule gemobbt werden", so Beraterin Lena Klatte. Das Beratungsangebot richtet sich ebenfalls an Eltern und Angehörige, aber auch an Fachkräfte wie Lehrer, Sozialarbeiter und Therapeuten.

WDR: In dem Gesetz geht es aber nicht um Menschen, die zwar mit eindeutigem Geschlecht geboren sind, sich aber darin im Laufe ihres Lebens nicht zugehörig fühlen?  

Klatte: Das Bundesverfassungsgericht wollte diese Gruppe eigentlich auch mit einfassen, das Innenministerium aber nicht. Damit wird eine Chance vertan. Der Gesetzesentwurf greift damit zu kurz.

Besonders kritikwürdig ist, dass ein Attest über Intergeschlechtlichkeit verlangt wird. Dieser Nachweis ist oft schwer zu führen und schafft neues Unrecht. Wir als Community können damit nicht zufrieden sein.

Das Gespräch führte Katja Goebel.

Stand: 13.12.2018, 06:00

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