Krise um Woelki weitet sich aus: Papst schickt Prüfer ins Erzbistum Köln

Krise um Woelki weitet sich aus: Papst schickt Prüfer ins Erzbistum Köln

Papst Franziskus hat eine Überprüfung des Erzbistums Köln von Rainer Maria Kardinal Woelki angeordnet. Das größte deutsche Bistum befindet sich seit Monaten in der Krise.

Das Erzbistum Köln bekommt es nach allerlei Kritik aus Deutschland nun auch mit Rom zu tun. Papst Franziskus schickt eine Delegation, um das Bistum Köln zu überprüfen, wie die vatikanische Botschaft in Berlin am Freitag mitteilte. Diese soll sich in der ersten Juni-Hälfte "vor Ort ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum Köln machen." Das habe die Nuntiatur in Berlin mitgeteilt.

Zur Überprüfung ("Visitation") hat der Papst Kardinal Anders Arborelius aus Schweden und den Bischof von Rotterdam, Johannes van den Hende, nach Köln beordert. Die Bischöfe von Rotterdam und Stockholm werden im Maternushaus wohnen. Sie werden am kommenden Sonntag oder Montag eintreffen. Das teilte ein Sprecher des Erzbistums dem WDR am Sonntag (30.05.) auf Anfrage mit. Ob Hans van den Hende aus Rotterdam und Anders Arborelius aus Stockholm allein oder mit einem Mitarbeiterstab kommen, werde gerade abgestimmt.

Die Delegation soll vor allem auch untersuchen, ob der Kölner Kardinal Woelki, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße - ehemals Personalchef im Erzbistum Köln - und die Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff Fehler beim Umgang mit Fällen von sexuellen Missbrauch gemacht haben.

"Schwarze Woche für Kardinal Woelki"

WDR 5 Diesseits von Eden 30.05.2021 05:22 Min. Verfügbar bis 28.05.2022 WDR 5 Von WDR 5


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Kölner Kardinal Woelki im Fokus - der begrüßt die Untersuchung

Kardinal Woelki nahm am Freitagabend Stellung zur Anordnung von Papst Franziskus. "Es ist gut und richtig für die Aufarbeitung und die Folgen, dass es jetzt durch die Visitation auch einen nüchternen und differenzierten Blick von außen auf unser Erzbistum gibt", sagte Woelki.

Und weiter: "Ich habe mir nicht vorstellen können, welche immensen Auswirkungen die Aufarbeitung von Schuld nach sich zieht. Ich bin jedoch der tiefen Überzeugung, dass wir als Christen nicht die Zukunft gewinnen können, wenn wir uns nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen."

Er wolle mit den Menschen im Kölner Erzbistum stärker in den Dialog kommen, sagte Woelki. "Das ist zurzeit nicht ganz so einfach, weil wir wie überall in der Gesellschaft eine starke Tendenz zu Polarisierung haben. Dieses Gift der Polarisierung, dieses ausschließende 'Du oder ich' müssen wir als Christen überwinden."

Kirchenrechtler Thomas Schüller: "Gelb-Rote Karte" für Kardinal Woelki

Was die Untersuchung für Kardinal Woelki bedeutet, erklärte Kirchenrechtler Thomas Schüller dem WDR: "Die Bischöfe sind im Auftrag des Herrn, des Papstes, unterwegs. Das bedeutet: Der Kardinal und die bischöfliche Kurie, also die Verwaltung, haben alle Schränke zu öffnen, alle Akten herauszugeben. Sie haben auch dafür zu sorgen, dass die Personen, mit denen die beiden Bischöfe sprechen wollen, informiert werden. Sie dürfen nichts geheim halten."

Die Überprüfung sei eine "Gelb-Rote Karte" an Kardinal Woelki, so Schüller. Anordnungen wie diese würden nur dann umgesetzt, wenn der begründete Eindruck entstehe, dass ein Bischof nicht mehr in der Lage ist, seine Diözese seriös zu leiten.

"Diese Voruntersuchungen geschehen vollkommen objektiv. Es findet keine Vorverurteilung statt, aber alle Indizien und auch die Tatsache der Visitation deutet darauf hin, dass die Römer das Zutrauen in Kardinal Woelki verloren haben", sagte Schüller.

Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln hofft auf Einbindung

Auch der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln äußerte sich positiv zur Anordnung. Deren Vorsitzender Tim Kurzbach sagte in einem Statement: „Wir begrüßen die Entscheidung des Papstes. Eine Apostolische Visitation kommt sehr selten vor. Die Anordnung der Visitation unterstreicht, dass auch in Rom verstanden wird, dass im Erzbistum Köln unter der Leitung von Kardinal Woelki der Kontakt zwischen Gemeinden und Bistumsleistung schwer geworden ist."

Man gehe davon aus, dass "die Gespräche mit den Visitatoren selbstverständlich gemeinsam mit der Bistumsleitung, den Mitarbeitervertreterinnen und -vertretern und den Laienvertreterinnen und -vertretern geführt werden".

Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln: Patrick Bauer begrüßt Entscheidung von Papst Franziskus

Patrick Bauer, der im Betroffenenbeirat der deutschen Bischofskonferenz sitzt, sagte dem WDR zur Entscheidung: "Lieber zu spät als nie, dennoch viel zu spät hat Rom jetzt endlich erkannt, dass es handeln muss. Dass es so nicht weitergehen kann. Ich bin froh darüber, dass die Visitatoren nach Köln kommen. Und ich habe die Hoffnung, dass es dazu führt, dass endlich ein Prozess der Selbstreflexion in der Bistumsleitung angeregt wird."

Dennoch habe er wenig Hoffnung, dass sich etwas ändern werde, sagte Bauer. "Meine große Befürchtung ist, es wird auch diesmal drauf hinauslaufen, dass gesagt wird: 'Kirchenrechtlich gibt’s keine Verfehlungen. Das müssen wir jetzt einfach abwarten.'"

Er hoffe, dass die Visitatoren nicht nur mit den Bischöfen, sondern auch mit den Betroffenen reden, sagte Bauer weiter. "Zum Beispiel mit den Betroffenen, die aus Protest gegen das Handeln von Kardinal Woelki und Generalvikar Hofmann aus dem Betroffenenbeirat ausgetreten sind. Das wäre mal ein Zeichen der Offenheit und Ehrlichkeit."

Maria 2.0 kritisiert Rom

Die Theologin Maria Mesrian von der Protestbewegung Maria 2.0 zeigte sich im WDR-Interview erleichtert: "Wir hatten diese Visitation bereits im Januar gefordert. Die Lage hatte sich so dramatisch zugespitzt und ist so eskaliert, dass es jetzt nur dazu führen kann, dass es zu einer Deeskalation kommt. Und dass mittel- und langfristig ein Neuanfang in diesem Bistum gelingen kann."

Gleichzeitig kritisierte Mesrian Rom. Es hätte sehr viel Schaden abgewendet werden können, wenn Rom früher reagiert hätte. "Sie haben jetzt bis zur letzten Sekunde gewartet, bis es so eskaliert ist, wie es jetzt in Köln passiert ist."

Vertrauenskrise in Bistum Köln sitzt tief

Das größte deutsche Bistum befindet sich seit vielen Monaten in einer Glaubwürdigkeitskrise, die sich in einer beispiellosen Welle von Kirchenaustritten niederschlägt.

Die Krise war ausgelöst worden, weil Woelki ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang von Bistums-Verantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester lange Zeit zurückgehalten hatte.

Dafür führte er rechtliche Bedenken an. Ein zweites Gutachten, das im März veröffentlicht wurde, sprach den 64-Jährigen von Pflichtverletzungen frei.

Rote Karte für Woelki

Protestierende in Düsseldorf

Zuletzt hatte es wegen einer Firmungsfeier in Düsseldorf-Gerresheim Ärger um Kardinal Woelki gegeben. 140 Gemeindemitglieder forderten Woelki in einem Brief auf, dieser Firmung fernzubleiben. Woelki sprach am Donnerstagabend in Düsseldorf mit Vertretern der Gemeinde. Rund 100 Protestierende hatten vor der Gemeinde rote Plakate hochgehalten und dem Kardinal so symbolisch die Rote Karte gezeigt.

Sollte es dabei bleiben, dass Woelki an der Firmungsfeier teilnimmt, wollen seine Kritiker in der Gemeinde aber auf weitere Proteste verzichten.

Stand: 30.05.2021, 19:36

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