Ortskräfte sitzen in Afghanistan in der Falle: "Niemand hat sich für sie interessiert"

Ortskräfte sitzen in Afghanistan in der Falle: "Niemand hat sich für sie interessiert"

NRW will 1.800 Ortskräfte der Bundeswehr und gefährdete Frauen aus Afghanistan aufnehmen - aber die müssen es auch erst mal zum Flughafen schaffen. Die Situation sei zum Verzweifeln.

Die Bilder vom Flughafen Kabul sind unerträglich und sie belegen eindrucksvoll das Scheitern einer 20 Jahre währenden Aufbaumission in Afghanistan. Aber wie geht es den Menschen dort jetzt, den Ortskräften und den Frauen, die in Todesangst vor den Taliban leben? NRW hat zugesagt, 1.800 bedrohte Menschen und deren Familien aufzunehmen. Voraussetzung: Sie schaffen es überhaupt aus dem Land raus.

Taliban gehen von Haus zu Haus

Hunderte Menschen versammeln sich am Flughafen von Kabul.

Sven Fiedler vom Patenschaftsnetzwerk afghanischer Ortskräfte kennt die Situation nach dem Einzug der Taliban in Kabul. Die Ortskräfte, die der Bundeswehr im Land geholfen haben, müssten sich verstecken, sagt er im WDR: "Sie haben nach wie vor Angst. Es gibt Berichte, dass Taliban gezielt von Haus zu Haus gehen, um die Ortskräfte zu identifizeren", sagte Fiedler bei Cosmo.

Er sieht die Chancen der Ortskräfte, ohne ausländische Hilfe das Land verlassen zu können, mehr oder weniger bei Null. "Es ist ohne ausländische Reisedokumente nicht möglich, zum Flughafen zu kommen, weil die Taliban sie aufhalten. Wenn es so bleibt wie bisher, werden nicht viele Ortskräfte das Land verlassen können", so Fiedler.

Deshalb macht er den deutschen Behörden schwere Vorwürfe: "Spätestens als 60 oder 70 Prozent des Landes von den Taliban besetzt wurden, war klar, dass Kabul nicht bis Ende des Jahres in der Hand der Regierung bleibt", erklärt er. "Hier hätte man schnell handeln müssen." Für die Ortskräfte habe sich aber niemand wirklich eingesetzt.

"Das braucht jetzt keiner erzählen, er hätte sich eingesetzt"

Das Patenschaftsnetzwerk versucht, den Afghanen in Deutschland den Start zu erleichtern. Nach Deutschland bringen kann es die Bundeswehrhelfer nicht. "Aber wir haben seit dem Abzug der Bundeswehr überall an der Tür geklingelt und gesagt: 'Bitte erleichtert die Visabedingungen für die Ortskräfte'. Da haben wir eigentlich keine Antwort bekommen. Da braucht jetzt keiner kommen und erzählen, er hätte sich für die Ortskräfte eingesetzt."

"Diese Tage sind der blanke Horror"

Einer von denen, die mit Frau und Kindern zurückgelassen wurden, ist Ahmad. Ein Bild von ihm zeigen wir nicht, um ihn nicht zu gefährden, aber seine Verzweiflung ist unüberhörbar. "Ich fühle mich von den Taliban sehr bedroht", sagt er. "Diese Tage sind der blanke Horror."

Ahmad war Reporter für die Bundeswehr. Er hat jahrelang für die Deutschen gearbeitet und sofort versucht, eine Ausreise zu organisieren, als er vom geplanten Truppenabzug hörte. Weil er bei einem Subunternehmer angestellt war, fühlte sich die deutsche Armee offensichtlich nicht zuständig. Wochen und Monate vergingen: "Ich habe die Rechte der Deutschen am Hindukusch verteidigt. Wie können sie mich jetzt einfach zurücklassen?"

Immerhin: Heute kam die Bestätigung, dass Deutschland ihn ausfliegen wird. Jetzt versucht er, mit seiner Familie zum Flughafen zu kommen. Die nächste Sorge: "Das ist lebensgefährlich, weil die Taliban ihre Waffen und Tränengas nutzen." Aber er muss die Chance wahrnehmen.

"Da hinten wird geschossen"

Wie gefährlich der Versuch ist, sich durch das Chaos zu kämpfen, hat auch Aylin erlebt. Seit Stunden steckt sie mit etlichen Kindern im Stau und meldet sich über Whatsapp: "Da hinten wird geschossen, hört man das?" Die Kinder "haben Angst, schwitzen, es wird Tränengas verwendet". Sie muss irgendwie auf das Flughafen-Gelände, in die Nähe der Kontrollposten. Sie ist Deutsche und steht auf einer der Evakuierungslisten - aber sie kommt nicht durch: "Es wurde jemand am Flughafen erschossen danach haben wir es aufgegeben."

Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale, sieht mittlerweile "klar ein politischer Willen", Frauenrechtlerinnen aus der Region auszufliegen. Sie hätten jahrelang Mädchen und Frauen in Afghanistan geholfen - und müssten nun selbst geschützt werden.

Das größte Problem: Es gäbe keinen sicheren Korridor, wo Fahrzeuge geschützt werden und sicher am Flughafen ankommen können. Dieser müsse geschaffen werden, denn das Zeitfenster schließe sich. Es wäre laut Hauser zudem wichtig, die Frauen direkt nach Deutschland zu holen. Nachbarstaaten von Afghanistan seien, unter anderem wegen "nicht frauenfreundlicher" Gesinnung, keine Lösung.

Afghanistan: "Frauenrechtlerinnen massiv gefährdet"

WDR 5 Morgenecho - Interview 20.08.2021 05:44 Min. Verfügbar bis 20.08.2022 WDR 5


Download

Die Uhr tickt

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will die Menschen aufnehmen. Aber er weiß, dass am Hamid-Karzai-Flughafen Chaos herrscht. Es gebe Bemühungen, "Druck auszuüben auf die Taliban, dass weitere Menschen an den Flughafen herankommen", sagt er. Aber: "Das ist nicht heute und nicht morgen erreichbar."

Stand: 20.08.2021, 08:34

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen