Was Missbrauchsopfern bei der Bewältigung hilft

Ein kleines Mädchen sitzt allein auf dem Fußboden und hat den Kopf gesenkt

Was Missbrauchsopfern bei der Bewältigung hilft

Von Frank Menke

Was Urteilssprüche in Missbrauchsprozessen für die Opfer bedeuten und wie sie solche Verbrechen verarbeiten können, schildert Psychologin Julia von Weiler, Leiterin des Kinderschutzvereins "Innocence in Danger".

Zwölf Jahre plus Sicherungsverwahrung lautete am Dienstag das Urteil im Missbrauchsprozess Bergisch Gladbach. Was lösen solche Urteile bei den Opfern aus, wie können sie ihre Traumata verarbeiten und was kann die Politik tun, um Kinder besser zu schützen? Antworten von Psychologin Julia von Weiler. Sie ist Leiterin von "Innocence in Danger", einer weltweit tätigen Bewegung gegen sexuellen Missbrauch von Kindern.

Kann ein Urteil missbrauchten Kindern bei der Verarbeitung des Missbrauchs helfen?

"Solche Urteile sind tatsächlich enorm wichtig, weil sie den akut Betroffenen, aber auch allen anderen Betroffenen das eindeutige Signal geben, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder verboten ist. Es gibt keine Entschuldigung und verantwortlich für die Tat ist der Täter und nicht das Opfer. Die Betroffenen begreifen, der Täter oder die Täterin wird von der Gesellschaft tatsächlich zur Verantwortung gezogen."

Worauf kommt es an, dass ein Kind sexuellen Missbrauch verarbeiten kann?

"Es kommt sehr darauf an, wie das Umfeld darauf reagiert. Wie sehr unterstützen Eltern, Großeltern und andere Verwandte, wenn der Täter oder die Täterin aus der Familie kommt, das Kind. Wie sehr stützt Schule. Wie gut hat das Kind Zugang zu Therapie und Beratung. Sind da gute, fitte Leute, die Ahnung haben von diesem Thema und auch keine Angst, mit dem Kind über diese Themen zu sprechen und das auszuhalten."

"Und ganz wichtig ist, dass wir als Gesellschaft diese Mädchen und Jungen nicht auf den Opferstatus reduzieren und sie damit total stigmatisieren. Dass wir sie nach wie vor als Gesamtkunstwerk betrachten und sie in ihrer Kraft und ihrem Überlebenswillen stärken. Und sie sehen als das, was sie sind, nämlich ein facettenreicher Mensch auf dem Weg ins Leben."

"Sexuelle Gewalt verändert das Leben unwiederbringlich. Nichts wird jemals so werden wie es hätte sein können, wenn diese Gewalt nicht erlitten worden wäre. Das ist ein Fakt. Das bedeutet aber nicht, dass die betroffenen Mädchen und Jungen unglückselige Erwachsene werden müssen. Es bedeutet nicht, dass sie jeden Tag, jede Minute an diese Tat zurückdenken. Sondern es bedeutet, dass sie ein großes Hindernis in ihre Entwicklung geworfen bekommen haben durch den Täter oder die Täterin."

Wie kann die Politik Kinder besser schützen?

"Politik kann die Mittel bereitstellen. Ich erwarte in der psychosozialen Versorgung, in den Jugendämtern, in den Fachberatungsstellen, aber auch in den Familien- und Erziehungsberatungsstellen ausreichend viel und vor allen Dingen ausreichend gut qualifiziertes Personal. Das in der Lage ist, mit einer Vermutung oder der tatsächlichen Mitteilung eines Missbrauchs umzugehen und adäquat zu handeln. Kommunalpolitik, Landespolitik und Bundespolitik müssen begreifen, dass dieses Thema nicht vorüberziehen wird in zwei bis vier Jahren, sondern dass das eine Daueraufgabe ist, der man sich verschreiben muss."

Stand: 06.10.2020, 20:51

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