Nach Olympia-Drama: "Pferde sind keine Sportgeräte"

Nach Olympia-Drama: "Pferde sind keine Sportgeräte"

Eine verzweifelte Reiterin, ein gequältes Pferd - verstörende Bilder von den Olympischen Spielen in Tokio gehen um die Welt. Sollte beim Modernen Fünfkampf alles bleiben wie es ist? Drei Fragen an die deutsche Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke.

Die Bilder sind abstoßend. Der Schauplatz des Geschehens: Die Olympischen Spiele in Tokio. Die Kameras sind gerichtet auf die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu. Bittere Tränen weint die Berlinerin, weil der greifbar nah gewesene Traum von der Goldmedaille wie eine Seifenblase zerplatzte: Das ihr zugeloste Leih-Pferd Saint Boy verweigerte mehrfach.

Die 31-Jährige blieb ohne Punkte und kam am Ende auf Rang 31. Kritik gab es anschließend vor allem am Verhalten der Bundestrainerin Kim Raisner. "Hau mal richtig drauf! Hau drauf", brüllte sie Schleu zu und forderte sie damit auf, das Pferd mit der Gerte zu schlagen und so unter Kontrolle zu bringen. Seitdem schlagen die Wellen der Empörung hoch, die Rede ist von Tierquälerei.

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Niedersachsen, Luhmühlen: Die deutsche Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke auf Asha P steht bei der Siegerehrung als Gewinnerin der Deutschen Meisterschaft.

Ingrid Klimke

Wir sprechen darüber mit der deutschen Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke (Münster) - die amtierende Europameisterin ist bei den Olympischen Spielen in Tokio verletzungsbedingt nicht dabei.

WDR: Die Bilder aus Tokio waren für Zuschauer äußerst verstörend. Haben Sie das auch so empfunden?

Ingrid Klimke: Absolut. Das, was zu sehen war, hat mit Reitsport nichts mehr zu tun. Beim modernen Fünfkampf muss der Sportler oder die Sportlerin ja unter anderem einen Parcours mit mehreren Hindernissen durchreiten, wobei die Pferde vom Veranstalter gestellt und den Athleten zugelost werden. Die Kennenlernzeit vor dem Wettkampf beträgt gerade mal 20 Minuten. Genau das sind denkbar schlechte Voraussetzungen. Beim Reitsport sind Vertrauen und Harmonie zwischen Reiter und Pferd das A & O, aber wie sollen denn Vertrauen und Harmonie entstehen, wenn sich beide Seiten nur kurz kennen?

WDR: Wie bewerten Sie denn das Verhalten von Annika Schleu?

Klimke: Es tut mir für alle Beteiligten so leid! Annika Schleu stand unter einer ungeheuren Anspannung. Sie war hilflos und verzweifelt und hatte keine Chance, das Pferd auf ihre Seite zu bekommen. Der Stress und ihre Nervosität haben sich voll und ganz auf das Tier übertragen. Pferde haben ganz feine Antennen. Sobald der Reiter oder die Reiterin aufgewühlt und gestresst sind, überträgt sich das sofort aufs Pferd. Und, wie gesagt: Beim modernen Fünfkampf kennen sich ja Reiter und Pferd nicht, es fehlt jegliche Vertrauensbasis. Das ist einfach nicht gut.

WDR: Was muss sich ändern?

Klimke: Das Pferd ist unser Partner, es ist kein Sportgerät. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne sich auf ein Pferd setzen, losreiten und dann zum Beispiel Gold gewinnen. Beim Modernen Fünfkampf müssten nach meiner Meinung dringend die Regeln geändert werden. Reiter und Pferd kennen sich nicht und sollen gemeinsam Höchstleistungen vollbringen, das kann nicht funktionieren. Die Verbände müssen jetzt handeln.

Das Interview führte Sabine Meuter.

Stand: 07.08.2021, 16:13

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