Angela Merkel trifft junge Frau mit Down-Syndrom

Natalie Dedreux in den Redaktionsräumen des Magazins Ohrenkuss

Angela Merkel trifft junge Frau mit Down-Syndrom

  • Angela Merkel besucht Natalie Dedreux in Köln
  • Frau mit Down Syndrom ist Autorin des Magazins Ohrenkuss
  • Reportage von einer Redaktionssitzung in Bonn

Während einer ARD-Wahlarena im letzten Bundestagswahlkampf versprach Angela Merkel der jungen Natalie Dedreux, sie zu besuchen. Die 19-Jährige mit Down Syndrom arbeitet im Kölner Café Querbeet und ist Autorin der Zeitschrift Ohrenkuss. In dieser erscheinen ausschließlich Texte von Menschen mit Down Syndrom.

Die junge Frau hatte die Kanzlerin in einer Wahlsendung eine Frage zum Thema Spätabtreibung gestellt: Sie fragte Merkel, wie sie es finde, dass in Deutschland neun von zehn Babys mit Down-Syndrom nicht zur Welt kämen.

Bevor Natalie Dedreux die Kanzlerin am Mittwoch (18.07.2018) traf, war sie am Vorabend noch bei der Redaktionssitzung des Ohrenkuss-Teams.

Ein Redaktionsbesuch beim Ohrenkuss-Team

Von Sabine Tenta

Zweimal im Jahr erscheint die Zeitschrift Ohrenkuss. Die Texte stammen von Menschen mit Down Syndrom.

In den Redaktionsräumen des Magazins Ohrenkuss: Team sitzt an einem großen Tisch

Hier schreiben ausschließlich Menschen mit Down Syndrom. Ihre Texte sind pointiert, poetisch und immer wieder überraschend: "Jeden Tag gucke ich aus dem Fenster. Es ist verschieden unwichtig." Und ein Satz wie "Perfektion - Mein Danke" liest sich wie eine trotzige Kampfansage an alle, die Menschen mit Trisomie 21 mit Vorbehalten begegnen. Menschen mit Down Syndrom haben das 21. Chromosom dreifach und damit 47 statt 46 Chromosomen.

Hier schreiben ausschließlich Menschen mit Down Syndrom. Ihre Texte sind pointiert, poetisch und immer wieder überraschend: "Jeden Tag gucke ich aus dem Fenster. Es ist verschieden unwichtig." Und ein Satz wie "Perfektion - Mein Danke" liest sich wie eine trotzige Kampfansage an alle, die Menschen mit Trisomie 21 mit Vorbehalten begegnen. Menschen mit Down Syndrom haben das 21. Chromosom dreifach und damit 47 statt 46 Chromosomen.

Wer die sympathische Ohrenkuss-Redaktion in Bonn besucht, erfährt gelebte Normalität. Chefredakteurin des Magazins ist die Humanbiologin Katja de Bragança. Das Redaktionsteam besteht aus Autoren mit Down Syndrom und einigen Assistentinnen.

Zu Beginn der Redaktionssitzung am Dienstag (17.07.2018) stellen sich alle kurz vor und sagen, wie es ihnen geht. Natalie Dedreux ist voller Vorfreude auf ihr Treffen mit der Bundeskanzlerin. Angela Merkel (CDU) hat sich für Mittwoch zu Besuch auf ihrer Arbeitsstelle im Café Querbeet in Köln angesagt und löst damit ein Versprechen aus dem Wahlkampf ein.

Das Redaktionsteam freut sich, Jeanne-Marie Mohn aus Frankfurt am Main an diesem Abend begrüßen zu können. Sie ist eine "Fernkorrespondentin". So werden beim Ohrenkuss die Autorinnen genannt, die weiter weg wohnen und nur selten oder gar nicht zu den Redaktionssitzungen kommen können.

Dann wird die große Gruppe in Kleingruppen aufgeteilt, um dort konzentriert und begleitet von Assistentinnen am nächsten Heft mit dem Thema "Ozean" zu arbeiten. Während Ansgar Peters (im Bild sich im Notebook spiegelnd) sich mit Katja de Bragança dem Thema Überfischung widmet, arbeitet Christiane Zimmermann (rechts im Bild) in einer anderen Gruppe zum Unteraspekt Flüchtlinge. Sie ist ein sehr politischer Mensch, schaut regelmäßig die Tagesschau und meint: "Ich finde es nicht gut, dass sich CDU und CSU immer bekrabbeln wegen der Flüchtlingskrise."

Gespräche auf Augenhöhe prägen die Arbeits-Atmosphäre: Hier diskutiert die Assistentin Anne Leichtfuß (links) mit der Autorin Anna-Lisa Plettenberg. Anne Leichtfuß arbeitet auch als Simultan-Übersetzerin für Leichte Sprache.

Die Texte zum Heft werden unterschiedlich zugeliefert: Einige schreiben ihre Beiträge von Hand, andere mit dem Computer. Wieder andere diktieren den Assistentinnen oder sie schicken eine E-Mail oder Sprachnachricht per Messengerdienste. Ein Fernkorrespondent aus Oberbayern schickt seine Texte auf Kassetten.

"Man hört und sieht ganz vieles. Das meiste davon geht zum einen Ohr hinein und sofort zum anderen Ohr wieder hinaus. Aber manches ist auch wichtig und bleibt im Kopf – das ist dann ein Ohrenkuss." So erklärt das Redaktionsteam den Namen der Zeitschrift, die zweimal im Jahr erscheint.

In der Redaktion in Bonn-Beuel hängt ein Mobile mit Weltkugeln. Es ist bezeichnend für die Auswahl der Themen, die keine Grenzen kennt: Es gibt Hefte über Mütter, Väter, die Schweiz, Humor, Inseln, Superkräfte oder das Abenteuer Liebe.

Seit 20 Jahren gibt es die Zeitschrift. Das werbefreie Heft finanziert sich über seine 2.700 Abonnenten, Lesungen und Veranstaltungen.

Katja de Bragança und Anne Leichtfuß haben auch das Forschungsprojekt "Touchdown 21" ins Leben gerufen. Zahlreich sind die Auszeichnungen, die Ohrenkuss und "Touchdown 21" bereits erhalten haben. Urkunden zieren die Wände und Trophäen stehen lässig auf der Fensterbank. Darunter sind mehrere Designpreise für das Layout des gedruckten Hefts von Maya Hässig.

Die jüngste Auszeichnung ist das "Goldene Chromosom" des Deutschen Down Syndrom Infocenters. Das bekommen eigentlich nur Menschen mit Trisomie 21. Da aber das ganze Team ausgezeichnet wird, sagen Katja de Bragança und Anne Leichtfuß stolz: "Jetzt haben wir auch 47 Chromosomen."

Stand: 18.07.2018, 13:42

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