OECD-Studie: Wie wird Bildung in Deutschland gerechter?

Eine Schulklasse mit Mundnasenschutz beim Unterricht

OECD-Studie: Wie wird Bildung in Deutschland gerechter?

Laut des neuen Bildungsberichts der OECD bleibt Bildungsungerechtigkeit auch in Deutschland ein Problem. Ein Forscher erklärt, woran das liegt und was für eine gerechtere Bildung in Schulen und Kitas sorgen könnte.

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat am Donnerstag in Paris ihren jährlichen Bericht "Bildung auf einen Blick" vorgestellt. Der Bericht vergleicht statistische Bildungsdaten aus über 40 Ländern weltweit miteinander.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Schulschließungen auf die Bildungsgerechtigkeit seien Grund zur Sorge, erklärte die OECD. In Deutschland sind vor allem die Bildungschancen für Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen deutlich schlechter als anderswo.

Zahl der Geringqualifizierten bleibt bei 13 Prozent

Unter den 25- bis 34-Jährigen in Deutschland gibt es 13 Prozent Geringqualifizierte, also Menschen, die höchstens einen Realschulabschluss haben, aber keine Ausbildung und keinen weiteren Schulabschluss. Diese Zahl ist in anderen Ländern gesunken, in Deutschland aber nicht.

Marcel Helbig im Portrait

Marcel Helbig

Marcel Helbig, Bildungsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, sagt, dass das an der grundsätzlichen sozialen Ungleichheit hier liege. Die ergebe sich aus kulturellen und familiären Unterschieden. "Kinder aus gehobenen Schichten hören zum Beispiel laut amerikanischen Studien von frühester Kindheit an viel mehr Wörter am Tag", erklärt Helbig.

Forscher: Bildungsungleichheit entsteht aus sozialer Ungleichheit

Soziale Ungleichheit führe dann auch zu Bildungsungleichheit, so Helbig. Das bedeutet, Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien haben von Beginn an Nachteile, die sich im Lebensverlauf weiter vergrößern. Damit zusammenhängende Probleme sind laut Helbig "die frühe Trennung nach der vierten Klasse der Grundschule in 'Gut' und 'Schlecht'" und der Lehrermangel: Von dem seien Grund-, Real-, Haupt- und Gesamtschulen viel stärker betroffen als Gymnasien.

Was kann man tun, wie lässt sich die Lage für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten verbessern? "Das gesamte System ist nicht auf sozialen Ausgleich ausgerichtet, sondern verstärkt unter dem Deckmantel der Leistungsgerechtigkeit soziale Ungleichheiten", betont Helbig. "Viele Akademiker wollen ihre Kinder doch gar nicht länger als vier Jahre mit Kindern aus anderen Schichten beschulen."

Mehr Kita-Betreuung und mehr Schul-Unterricht könnten helfen

Er nennt aber auch mögliche Ansatzpunkte: Mehr Kita-Betreuung und mehr Schul-Unterricht - in Richtung Ganztagsschule - könnte vor allem unteren Schichten helfen, die Ungleichheiten auszugleichen. "Man kann auch außerschulische Angebote integrieren", sagt Helbig. Damit meint er zum Beispiel Musikunterricht in Kitas und Schulen - oder Auslandsaufenthalte für Schülerinnen und Schüler, die nicht aufs Gymnasium gehen.

Mehr Bildungsstiftungen in strukturschwachen Regionen

Was außerdem wichtig sei: Bildungsstiftungen seien oft nicht dort, wo man sie wirklich brauche. "Es gibt zig Stiftungen in München und Hamburg, aber kaum welche in strukturschwachen Regionen." Und die Stiftungen seien kaum vernetzt: "Sinnvoll wäre mal eine Initiative, die sich anschaut, wo in Deutschland die Stiftungen sitzen und an welchen Schulen sie aktiv sind. Dann sieht man auch die dunklen Flecken, wo sich keiner kümmert."

Marcel Helbig betont aber auch, wie wichtig Schule an sich für Bildungsgerechtigkeit sei: "Das muss man fairerweise dazu sagen. Ohne das System Schule wäre die Lage noch viel schlimmer."

Stand: 16.09.2021, 14:46

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