Unruhe um Obdachlose aus Osteuropa

Obdachlose in der Stadt

Unruhe um Obdachlose aus Osteuropa

Von Nina Magoley

  • Zahl der Obdachlosen in NRW wächst
  • Vor allem Männer aus Osteuropa sorgen für Unruhe
  • Viele sind betrunken und aggressiv

Immer wieder bekomme er Anrufe oder E-Mails mit derselben Beschwerde, sagt Andreas Hupke, Innenstadtbürgermeister von Köln: Betrunkene und aggressive Obdachlose aus Osteuropa an einschlägigen Orten in der Innenstadt. Sie würden herumpöbeln, aggressiv betteln und Passanten verunsichern.

Mehr Menschen aus Rumänien und Bulgarien

Auch aus anderen Städten in NRW gibt es solche Meldungen. Tatsächlich ist die Zahl der Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien seit dem EU-Beitritt der beiden Länder Anfang 2007 stetig gestiegen. Im April 2017 zählte die Stadt Dortmund rund 8.000 Personen, in Duisburg waren mehr als 17.000 bulgarische und rumänische Staatsangehörige gemeldet.

Obdachlose in ganz Deutschland: Neue Schätzungen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat am 14. November 2017 ihre aktuellen Schätzungen über die Zahl der wohungslosen Menschen in Deutschland bekannt gegeben. Die zentralen Aussagen:

2016 waren 860.000 Menschen ohne Wohnung - seit 2014 ein Anstieg um 150 Prozent.

Bis 2018 werden 1,2 Millionen Wohnungslose in Deutschland leben - eine weitere Steigerung um etwa 40 Prozent.

Seit 2016 schließt die BAG W in ihre Schätzung die Zahl der wohnungslosen anerkannten Flüchtlinge ein.

Ohne Einbezug wohungsloser Flüchtlinge lag die Zahl der wohnungslosen Menschen 2016 bei gut 420.000.

Wohnungslose Flüchtlinge werden im Regelfall weiterhin in den Gemeinschaftsunterkünften geduldet.

Von den Wohnungslosen (ohne Flüchtlinge) leben etwas 52.000 ohne jede Unterkunft auf der Straße - seit 2014 ein Anstieg um 33 Prozent. Viele von diesen Menschen sind EU-Bürger.

Die BAG W schätzt die Zahl der Kinder und minderjährigen Jugendlichen auf 32.000, die Zahl der erwachsenen Männer auf 290.000, die der Frauen auf 100.000 (jeweils ohne Flüchtlinge) .

Ein Teil davon ist beruflich gut qualifiziert - etwa als Ärzte. Ein anderer Teil dagegen ist ohne jede Bildung, und ohne festen Wohnsitz. Wie viele Menschen das genau sind, darüber gibt es keine Zahlen. Dem Wohnungsnotfall-Bericht 2016 zufolge hatten von den im Juni 2016 insgesamt gut 25.000 Wohnungslosen in NRW mehr als 36 Prozent einen Migrationshintergrund.

"Die kamen schon als Alkoholiker hierher und wollen gar nicht arbeiten", vermutet der Kölner Innenstadt-Bürgermeister Hupke über die osteuropäischen Männer, die derzeit in Köln für Ärger sorgen. Wie die Situation in den Griff zu bekommen sei, wisse er auch nicht. Nur so viel: "Wir brauchen ein neues Elendsmanagement."

Fakt ist, dass Zugereisten aus anderen EU-Ländern in Deutschland zunächst keine Sozialleistungen zustehen. Hartz IV, Kindergeld oder eine vom Amt bezahlte Wohnung ist für Obdachlose aus Rumänien oder Bulgarien also ausgeschlossen.

"Die Leute kommen aber ohnehin in der Hoffnung, hier innerhalb weniger Tage Arbeit zu finden", sagt Ute Lohde vom Dortmunder Verein Grünbau, einem Sozialbeschäftigungsbetrieb, der mit dem Programm "Willkommen Europa" besonders Wohnungslosen aus Osteuropa weiterhelfen will. Entgegen häufig formulierter Meinung seien die allermeisten der Einwanderer "nicht darauf aus, hier Sozialleistungen zu bekommen", sagt Lohde.

Seit vielen Jahren berät Ute Lohde solche Menschen - alleinstehende Männer, Mütter mit Kindern und ganze Familien. Sie kämen aus den Elendsvierteln osteuropäischer Städte, viele von ihnen Roma, die dort systematisch von Bildung und dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen würden. Mehrmals ist Lohde dorthin gefahren, um sich selbst ein Bild zu machen.

"Nie zuvor habe ich solche Armut gesehen"

In Dortmund angekommen, kämen viele bei Verwandten unter, viele würden aber auch monatelang in ihren Autos schlafen oder Zelte in Grünanlagen aufschlagen - immer in der Hoffnung, am nächsten Tag eine Arbeit zu finden. "Nie zuvor habe ich solche Armut gesehen", sagt die Sozialarbeiterin.

Ihre Aufgabe ist es, den Menschen klarzumachen, dass ein langer, mühsamer Weg vor ihnen liegt, wenn sie hier ein Leben in Arbeit und mit Dach über dem Kopf beginnen wollen.

Unter diesen Voraussetzungen auf dem legalen Markt eine Wohnung zu finden, gleiche einem Kunststück, sagt Lohde. Bei der ohnehin auch in Dortmund angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt seien Bewerber aus Osteuropa "ganz unten in der Hierarchie" - besonders, wenn sie als Roma erkennbar sind. "Sie haben so gut wie keine Chance auf eine Wohnung."

Kein Unterschlupf mehr in "Problemhäusern"

Allerdings: Nur ein sehr kleiner Teil dieser Zugereisten ende betrunken und pöbelnd an öffentlichen Orten der Stadt, sagt Ute Lohde. Meistens seien das Männer, die ohnehin im Drogenmilieu verkehrten und früher oft in den Kellern der sogenannten "Problemhäuser" übernachtet hätten. Seitdem solche Häuser geräumt oder aufgerüstet wurden, fehlten diese Schlupflöcher. "Man sieht sie daher öfter im öffentlichen Raum."

Die bestehenden Projekte zur Wohnungslosenhilfe aber fühlen sich nicht zuständig für diese Männer, denn deren Angebot gilt nur für Menschen, die Sozialleistungen beziehen. "Ein großes Problem", sagt Lohde.

Stand: 14.11.2017, 06:00