Islamismus-Experte Neumann: "Es wird mehr Flüchtlinge aus Afghanistan geben"

Bewaffnete Taliban-Kämpfer sitzen in der Provinz Laghman auf einem Fahrzeug.

Islamismus-Experte Neumann: "Es wird mehr Flüchtlinge aus Afghanistan geben"

Peter Neumann, Experte für islamistischen Terrorismus am Londoner King's College, sagt, dass der Westen in Afghanistan deutlich gescheitert ist. Dass dort unmittelbar durch die Taliban ein Terrorstaat entsteht, erwartet er nicht.

WDR: Wie ist der Vormarsch der Taliban und die Eroberung weiter Teile Afghanistans aus der Sicht des Westens zu bewerten?

Peter R. Neumann, Terrorismus- und Qanon-Experte

Peter R. Neumann, Terrorismus- und Qanon-Experte

Peter Neumann: Das bedeutet einmal ein Scheitern einer 20-jährigen Mission, bei der sehr viel Geld ausgegeben wurde und auch Blut geflossen ist. Wir sind ja angetreten, um das Land von den Taliban zu befreien und das ist deutlich gescheitert. Sicherheitspolitisch sind die Konsequenzen erst mal nicht so groß. Ich glaube nicht, dass die Taliban sofort den IS oder Al-Kaida ins Land lassen werden, weil sie unter verschärfter Beobachtung stehen. Aber man hat jetzt quasi den Westen besiegt. Wenn überhaupt, dann ist das ein moralischer Sieg – leider – für die Dschihadisten.

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WDR: Welche Verflechtungen gibt es zwischen den Taliban und dem internationalen Terrorismus?

Neumann: Es war in den 1990er Jahren so, dass die Taliban Al-Kaida Unterschlupf gewährt haben. Das hat ja dann auch dazu geführt, dass der Westen nach den Anschlägen vom 11. September in Afghanistan einmarschiert ist. Ich glaube schon, dass die Taliban diese Lektion gelernt haben und dass sie ihr Territorium nicht wieder so schnell internationalen Dschihadisten zur Verfügung stellen. In den 90ern waren die Taliban auf Unterstützung von Gruppen wie Al-Kaida angewiesen. Momentan sind sie sehr stark. Deswegen bin ich in diesem Punkt optimistischer. Zumal die Amerikaner auch Luftschläge angekündigt haben, sollten sie wieder eine große Präsenz von dschihadistischen Gruppen im Land sehen.

WDR: Also droht Afghanistan jetzt nicht zu einem Terrorstaat zu werden?

Neumann: Das kann man nicht auf alle Ewigkeit sagen. Aber ich glaube, dass es unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Taliban noch keine direkte Bedrohung geben wird. Es kommt dann darauf an, wer sich bei den Taliban durchsetzt. Sie sind ja eine ziemlich obskure Organisation, die bis heute keiner so richtig verstanden hat. Und es gibt auch innerhalb der Taliban Pragmatiker, aber auch Ideologen, die sagen, wir sind Teil des internationalen Dschihad. Und wer sich da durchsetzt, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

WDR: Was kann die internationale Gemeinschaft in der aktuellen Situation tun?

Neumann: Momentan sieht es so aus, dass die Taliban keinen großen Kampf um Kabul wollen, sondern die Stadt friedlich übernehmen wollen. Es gib keine Verhandlungen, es geht um eine möglichst reibungslose Kapitulation. Aber es ist trotzdem ein Angebot und ich glaube, das Beste, was die internationale Gemeinschaft jetzt tun kann, ist zu sagen, wir setzen uns an einen Tisch und schaffen es, möglichst viele Menschen, die auf den Westen gesetzt haben, aus Kabul, aus dem Land noch raus bekommen. Aber die Taliban wissen natürlich genau, dass der Westen wahrscheinlich nicht mehr nach Afghanistan zurückkommen wird.

WDR: Werden viele Menschen vor den Taliban fliehen?

Neumann: Wir sehen jetzt schon, dass die Straßen nach Pakistan gefüllt sind mit Leuten, die wir in den letzten 20 Jahren unterstützt haben. Die jetzt sagen, wenn die Taliban kommen, müssen wir um unser Leben fürchten. Es wird schon mehr Flüchtlinge aus Afghanistan geben. Und man muss sich vor Augen führen, dass das Flüchtlinge sind, die wir auch mit verursacht haben.

Das Interview führte Peter Neuhaus.

Stand: 15.08.2021, 15:54

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