Streitbare Theologin Uta Ranke-Heinemann ist gestorben

Streitbare Theologin Uta Ranke-Heinemann ist gestorben

Von Marion Menne-Mickler

Rastlos, zweifelnd, aufmüpfig bis zum Schluss: Uta Ranke-Heinemann, die weltweit erste Professorin für katholische Theologie, starb im Alter von 93 Jahren in ihrer Heimatstadt Essen.

In den vergangenen Jahren war es ruhiger um die streitbare Frau geworden, die sich in der Öffentlichkeit immer wieder in einem grünen Lederkostüm ("meine Erkennungsmelodie") und mit melierter Perücke zeigte.

Immer wieder Nein und Amen

Aber wenn sie sich zu Wort meldete, dann so scharfzüngig wie eh und je: Die Wahl des Argentiniers Bergoglio zum Papst sei "keine frohe Botschaft", schrieb sie. "Politisch repräsentiert Franziskus das Reaktionärste, was die katholische Kirche momentan zu bieten hat." Denn ändern werde sich mit diesem "Klon" des Papstes Benedikt gar nichts.

Uta Ranke-Heinemann war für ihre provokanten Formulierungen bekannt, an denen sie offenkundig selbst ihre Freude hatte. Den Papst nannte sie "sexistisch", den Klerus "frauenfeindliches Homosexuellen-Biotop". Und das Christentum war für sie eine "2000 Jahre alte Märchenreligion".

Auch an die biologische Jungfräulichkeit Mariens wollte sie nicht glauben, was sie die Lehrerlaubnis kostete. In Talk-Shows präsentierte sie sich witzig und mit komödiantischem Talent. Gern zeigte sie ihre Beine ("das Schönste an mir"). Ihre Kritiker nannten das "kabarettreif".

Bilder aus dem Leben von Uta Ranke-Heinemann

Rastlos, zweifelnd, aufmüpfig bis zum Schluss: Uta Ranke-Heinemann, die weltweit erste Professorin für katholische Theologie, starb im Alter von 93 Jahren in ihrer Heimatstadt Essen.

Uta Ranke-Heinemann in ihrem grünen Kostüm

Liebe ja, Hoffnung ja, aber Glaube? Uta Ranke-Heinemann, die streitbare Theologin und Bestsellerautorin aus Essen, wollte wissen und nicht nur glauben. Mit markiger Kirchenkritik machte sie Furore, so dass ihr sogar die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Die Tochter des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann starb am 25.03.2021 im Alter von 93 Jahren.

Liebe ja, Hoffnung ja, aber Glaube? Uta Ranke-Heinemann, die streitbare Theologin und Bestsellerautorin aus Essen, wollte wissen und nicht nur glauben. Mit markiger Kirchenkritik machte sie Furore, so dass ihr sogar die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Die Tochter des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann starb am 25.03.2021 im Alter von 93 Jahren.

Sie war die weltweit erste Professorin für katholische Theologie. Zweifelnd, rastlos und rebellisch liebte sie öffentliche Auftritte. Wie einstudiert setzte sie Spitzen und Pointen. Den Papst nannte sie sexistisch, den Klerus "frauenfeindliches Homosexuellen-Biotop" und das Christentum "eine 2.000 Jahre alte Märchenreligion".

Markenzeichen: lindgrünes Lederkostüm. Fast jeden öffentlichen Auftritt bestritt sie im ähnlichen Aufzug, ihrer "Erkennungsmelodie", wie sie sagte. In der WDR-Sendung "Zimmer frei" erzählte sie dem Moderatoren-Duo Christine Westermann und Götz Alsmann, sie habe das Kostüm 1987 im Schlussverkauf für 450 Mark erstanden.

Als Tochter aus gutem Hause wuchs sie im Ruhrgebiet auf und besuchte als einziges Mädchen das angesehene Burggymnasium in Essen, wo sie ein Spitzenabitur ablegte. Später studierte sie zunächst evangelische Theologie, unter anderem in Bonn und Oxford. Das Bild zeigt sie in jungen Jahren mit einem Begleiter auf dem Bundespresseball.

Nachdem der Vater 1969 zum Bundespräsidenten gewählt worden war, begleitete die Tochter (links) ihn oft bei Staatsbesuchen, etwa 1971 in Bukarest. 

Die Vater-Tochter-Beziehung gestaltete sich jedoch schwierig, nachdem die Tochter im Jahr 1953 auf der Suche nach einer toleranteren Kirche zum Katholizismus überwechselte - sei es wegen oder trotz des streng protestantischen Elternhauses. Der fromme Vater war immerhin Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Auch Mutter Hilda Heinemann, die ihre intelligente Tochter "Grübelköpfchen" nannte - so schreibt ihr Biograf Werner Alberts -, war evangelisch. Gustav Heinemann hatte versucht, die Ehe mit dem Katholiken Edmund Ranke zu verhindern. Ohne Erfolg. Die eigenwillige Tochter studierte fortan in München katholische Theologie und heiratete Edmund, den sie sich auf dem Burggymnasium ausgeguckt hatte.

Edmund Ranke, der 2001 starb, war "die Liebe meines Lebens", wie sie oft sagte. Er kam krank aus dem Krieg zurück und kümmerte sich um den Haushalt und die beiden Söhne Johannes und Andreas, die 1958 und 1960 geboren wurden.

Nach dem Studium folgte 1969 Uta Ranke-Heinemanns Habilitation und eine Lehrtätigkeit in Neuss, Duisburg und Essen. Die Professorin engagierte sich zudem in der Friedensbewegung. 1974 besuchte sie etwa in Düsseldorf mit Jane Fonda einen Basar für vietnamesische Waisenkinder.   

Ausgerechnet im Marienwallfahrtsort Kevelaer sagte sie in einer Live-Sendung im WDR-Fernsehen die Sätze, die sie die Lehrerlaubnis kosteten: Sie bezweifelte die Jungfräulichkeit Marias und bezeichnete diese katholische Lehre als "zeitbedingtes Vorstellungsmodell". Schon vorher hatte sie der katholischen Kirche Sexual- und Frauenfeindlichkeit bescheinigt.

Uta Ranke-Heinemann hatte ihren Lehrstuhl an der Essener Universität 1987 verloren, aber noch im selben Jahr einen kirchenunabhängigen für Religionsgeschichte bekommen. Den damals zuständigen Essener Bischof Franz Hengsbach nannte sie seither ein "theologisches Kleinlebewesen".

Zwei ihrer Werke, in denen sie die Kirche anklagte, wurden zum Bestseller: "Eunuchen für das Himmelreich" (1988) über die kirchliche Sexualmoral und ihr theologisches Hauptwerk "Nein und Amen" (1992), dem sie in der Neuauflage den Untertitel gab "Mein Abschied vom traditionellen Christentum".

Am besagten Küchentisch ließ sich Uta Ranke-Heinemann dann Ende der 90er Jahre von Gregor Gysi einladen, für die PDS ins Rennen um das Bundespräsidentenamt zu gehen. Am 23. Mai 1999 saß sie mit ihrer Nichte, Christina Rau, und deren Kindern im Plenarsaal des Berliner Reichstags und wartete auf das Wahlergebnis.

Am Ende gewann Johannes Rau - der angeheiratete Neffe der streitbaren Frau aus Essen. Ranke-Heinemann bekam nur wenige Stimmen, aber sie hatte mal wieder ein Zeichen gesetzt, für die Friedensbewegung.

Zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2007 hatte sich die am 2. Oktober 1927 geborene Professorin auf ihrem Balkon ablichten lassen, natürlich nicht ohne Buch. Seit dem Tod ihres Mannes kreisten ihre theologischen Gedanken vor allem um dieses eine Thema: "Ein Wiedersehen mit den geliebten Toten." Zweifel, Liebe, Hoffnung - die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod hatte sie nie aufgegeben.

Auch verletzlich und warmherzig

Ranke-Heinemann in ihrer kleinen Küche

Aber wenn die Theologin Journalisten zum Interview in die kleine, mit Kitsch geschmückte Küche ihres Essener Hauses einlud, gab sie auch ihre verletzliche, warmherzige Seite preis.

Auf die Frage, was sie sich am meisten wünsche, sagte sie einmal, dass sie zu ihrem Mann wolle. Edmund Ranke, "die Liebe meines Lebens", der Vater ihrer zwei Söhne, ist im Jahr 2001 gestorben. Wenn es nach ihrem Tod ein Wiedersehen mit dem geliebten Mann gebe, dann sei ihr Leben sinnvoll gewesen. "Wenn nicht, war alles vergebens."

Uta Ranke-Heinemanns Leben war eines der Extreme: Schon als Kind war sie außergewöhnlich strebsam, las Bibelgeschichten, lernte Sprachen, wurde als einziges Mädchen am Burggymnasium Essen aufgenommen und machte Abitur mit Auszeichnung.

Dem Vater Gustav Heinemann war die Wissbegier der Tochter nicht geheuer. Er versprach der kleinen Uta damals 50 Pfennig für jede Fünf, die sie schrieb, und zehn Pfennig für ein "sehr gut". Verhindern wollte der strenggläubige Protestant aber vor allem die Liebe der Tochter zu dem katholischen Klassenkameraden Edmund Ranke - vergeblich.

Stand: 25.03.2021, 12:41

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