Nachruf: Anatols "Arbeitszeit" ist zu Ende

Joseph Beuys, bildender Künstler, wird am 20.01.1973 von seinem Studenten Anatol Herzfeld und anderen in einem Einbaum über den Rhein gefahren

Nachruf: Anatols "Arbeitszeit" ist zu Ende

Von Dominik Reinle

Beuys-Schüler und Polizist – der Düsseldorfer Bildhauer und Maler Anatol Herzfeld hat ein ungewöhnliches Künstlerleben geführt. Jetzt ist er mit 88 Jahren gestorben.

1973 schreibt der Student Anatol Herzfeld mit der Fluxus-Aktion "Heimholung des Joseph Beuys" Kunstgeschichte: In einem selbst geschnitzten Einbaum rudert er seinen Professor von Oberkassel zum anderen Rhein-Ufer vor der Düsseldorfer Kunstakademie.

Beuys hatte dort gegen die Größen-Begrenzung seiner Klassen protestiert und war danach entlassen worden.

Trauer um Bildhauer Anatol Herzfeld

WDR 3 Kultur am Mittag 13.05.2019 04:29 Min. Verfügbar bis 12.05.2020 WDR 3

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Puppentheater und Verkehrserziehung

Herzfeld, der sich nach einer Romanfigur von Tolstoi den Künstlername Anatol gibt, lernt Beuys 1964 kennen und wird sein Meisterschüler. Zu diesem Zeitpunkt ist er längst berufstätig.

Als Düsseldorfer Verkehrspolizist kümmert er sich unter anderem mit einem Puppentheater um die Verkehrserziehung an Schulen. Parallel zum Polizeidienst studiert Anatol Bildhauerei und Architektur.

Skulpturen von Anatol Herzfeld

Plastiken, Installationen, Zeichnungen: Die Arbeiten des am 10.05.2019 verstorbenen Bildhauers und Malers Anatol Herzfeld sind vielfältig – wie dieser Überblick über seine Skulpturen zeigt.

Anatol Herzfeld, Bildhauer und Maler, neben dem von ihm geschaffenen Granit-Kopf von Joseph Beuys

Das künstlerische Schaffen von Herzfeld, der sich den Künstlernamen Anatol gab, ist von seinem Lehrer Joseph Beuys geprägt. Ihm zu Ehren hat er 2008 ein Porträt aus Granit geschaffen. Das zwölf Tonnen schwere Denkmal steht am Rheinufer in Mönchenwerth, nördlich von Düsseldorf.

Das künstlerische Schaffen von Herzfeld, der sich den Künstlernamen Anatol gab, ist von seinem Lehrer Joseph Beuys geprägt. Ihm zu Ehren hat er 2008 ein Porträt aus Granit geschaffen. Das zwölf Tonnen schwere Denkmal steht am Rheinufer in Mönchenwerth, nördlich von Düsseldorf.

1982 hat der Künstler sein Atelier auf der Museumsinsel Hombroich bezogen. Die Auen- und Parklandschaft am Niederrhein beherbergt Ausstellungspavillons, in denen Teile der Privatsammlung von Karl-Heinz Müller untergebracht sind. Dieser hatte außerdem Ateliers für Künstlerfreunde bauen lassen.

Die Skulptur "Die Wächter" steht im Park der Museumsinsel Hombroich. Anatol, der parallel zu seinem künstlerischen Schaffen als Verkehrspolizist arbeitete, behandelte das Wächter-Motiv über Jahrzehnte in Großplastiken. Eine davon befindet sich in der 2011 in Selm–Bork im Kreis Unna errichteten Gedenkstätte für Polizisten, die im Dienst umgekommen sind.

"Die Wächter der Kinder" heißt die Figurengruppe im Casinogarten von Viersen. Der Künstler hatte 1977 seinen einzigen Sohn Heico bei einem Motorradunfall verloren.

Aus Polyester, Holz und Draht baute Herzfeld 1977 "Das Traumschiff Tante Olga" für die Documenta 6. In ihm reiste er von einem Schleppkahn gezogen von der Nordsee über die Weser und die Fulda nach Kassel. Er war drei Mal auf der Documenta vertreten.

Neben Holz gehörten auch Eisen und Stein zu den Materialien, die der Künstler gern verwendete. Hier hatte er sein "Urhaus" auf Findlinge gestellt.

Anatol arbeitete auf der Museumsinsel Hombroich auch mit Fundstücken wie Scheunentoren, Metallschrott und Bauschutt - oder dieser Mooreiche, die er mit Blei ummantelte.

Er fertigte seine Skulpturen vor Ort im Freien an und diskutierte während dieser sogenannten Arbeitszeiten mit Besuchern. Somit lebte er die von ihm geforderte Aufhebung der Grenzen zwischen Künstler und Publikum.

Die Skulpturen stehen wie hier auf der Museumsinsel immer im engen Bezug zur Landschaft. So ließ Anatol zum Beispiel Skulpturen auch einwachsen oder rosten.

Ein Kreis mit zwölf Eisenstühlen, die um einen Baum gruppiert sind – auch die Installation "Parlament" gehört zu dem Gesamtkunstwerk "Mensch und Plastik", das Kultur und Natur zusammenführen will. Karl-Heinz Herzfeld, wie der Künstler mit bürgerlichem Namen hieß, starb am 10.05.2019 im Alter von 88 Jahren.

"Arbeitszeit" auf der Insel Hombroich

1972 nimmt er zum ersten Mal an der Kasseler Documenta teil. Drei Jahre später gründet er die "Freie Akademie Oldenburg", in Anlehnung an die "Freie Internationale Universität", die Beuys vorher initiiert hatte. Von 1979 bis 1981 ist Anatol Lehrbeauftragter an der Kunstakademie Düsseldorf.

Auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss, wo er 1982 sein Atelier einrichtet, beginnt seine "Arbeitszeit". Der von ihm geprägte Begriff zielt auf eine Verschmelzung ab: "Arbeit ist Kunst, Kunst ist Arbeit."

Wichtig ist ihm der gesellschaftliche Entstehungsprozess von Kunst. "Wenn ein Mensch einem anderen bei der Arbeit zuschaut, dann wird er zum Mitarbeiter", postuliert er.

Erinnerungen an den Krieg

Stein, Metall und Holz sind die bevorzugten Materialien des Künstlers, der nach der Schule eine Lehre als Kunstschmied machte. Auch über 6.000 Zeichnungen gehören zu Anatols Werk.

Anatol, der am 21. Januar 1931 im ostpreußischen Insterburg als Karl-Heinz Herzfeld geboren wird, wächst in der Nähe eines Konzentrationslagers auf: "Ich habe sogar die Öfen brennen sehen in Stutthof."

Als die Rote Armee vorrückt, muss er Zwangsarbeit in einem russischen Arbeitslager leisten. 1946 wird seine christlich geprägte Pflegefamilie, zu der ihn seine junge, ledige Mutter abgegeben hatte, vertrieben.

Überzeugter Christ

Leid und biblische Themen nehmen in Anatols Kunst einen besonderen Raum ein. Als Christ und langjähriges CDU-Mitglied beschäftigt er sich mit Kreuzesdarstellungen.

"Ich will 100 werden, weil ich noch so viel zu arbeiten hab‘." Dieses Ziel hat er nicht ganz erreicht. Anatol starb nach Angaben der Stiftung Insel Hombroich am 10. Mai 2019 im Alter von 88 Jahren. Seine Kunst aber bleibt.

West ART Meisterwerke: Anatol Herzfeld: Das Parlament - Museum Insel Hombroich WESTART Meisterwerke 22.05.2012 04:36 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR

Stand: 13.05.2019, 11:15

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