Droh-E-Mails an Politiker: Debatte um Anonymität im Netz

Droh-E-Mails an Politiker: Debatte um Anonymität im Netz

  • Reul: Absender von Drohungen kaum zu ermitteln
  • Täter verschleiern Identität mit vielen Maßnahmen
  • Fall wirft neue Fragen zu Anonymität im Netz auf

"Wie lange wollen wir diese Anonymität im Netz so laufen lassen?" Diese Frage stellte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag (20.06.2019) in der Aktuellen Stunde im WDR Fernsehen. Hintergrund sind E-Mails mit Morddrohungen, die NRW-Politiker erhalten hatten.

Reul erklärte, dass die Ermittlungen gegen die Absender äußerst schwierig seien: "Man kommt nicht zu einem Ergebnis - weil man den Absender nicht kennt." Auf Twitter kritisierten daraufhin Nutzer die Möglichkeit einer Klarnamen-Pflicht, die in den letzten Woche bereits nach Vorstößen von Wolfgang Schäuble und Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) diskutiert wurde.

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Gedanken nicht vorschnell abtun

WDR-Digitalexperte Jörg Schieb meint, es könne auch ohne Klarnamenpflicht weniger Anonymität geben. "Dann müsste man eine offizielle Registrierungspflicht einführen. Das könnte über eine europaweite Zertifizierungsstelle laufen", so Schieb am Freitag (21.06.2019).

Dies wäre zwar ein herber Eingriff. Das müsse aber nicht unbedingt falsch sein. Schieb fordert, diese Debatte zu führen, anstatt sie direkt empört abzutun.

"Maride" vom Chaos Computer Club Düsseldorf meint, eine Klarnamenpflicht sei mit technischen Mitteln kaum umsetzbar. Zumal der Abbau von Anonymität auch Gefahren wie zusätzliche Überwachung berge.

Völlige Anonymität im Netz sei auch gar nicht möglich. Aber die Absender von Droh-E-Mails könnten ihre Identifikation äußerst schwierig machen.

Die rechte Szene in NRW: Extrem bis zum Mord?

WDR RheinBlick 21.06.2019 33:58 Min. Verfügbar bis 21.06.2020 WDR Online

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Digitale Identifikationspflicht: Der richtige Weg?

WDR 5 Morgenecho - Interview 11.04.2019 05:43 Min. Verfügbar bis 10.04.2020 WDR 5

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Wie gehen die Täter vor?

"Die Absender gehen beispielsweise in ein Internetcafé und suchen sich dort einen Mail-Anbieter, der außerhalb der europäischen Rechtssprechung liegt. Dann richten sie sich dort einen Account ein."

Derjenige, der die Drohbotschaft bekommt, muss nun klären: Woher kam die E-Mail? Im Anschluss wird der Mail-Anbieter um die Daten des Absenders gebeten. "Wenn man sie erhält, dann hat man die Adresse des Internetcafés." Dieses müsste man wiederum um Überwachungs-Aufnahmen zum fraglichen Zeitpunkt bitten - wenn es sie denn gibt. Einfach ist anders.

Noch schwieriger wird es, wenn die Absender ihre Identität über eine VPN-Verschlüsselung oder das Tor-Netzwerk verbergen.

VPN

VPN (virtuelles privates Netzwerk) baut verschlüsselte Verbindungen von einem Server zu einem anderen auf. Die Technik kann beispielsweise dazu genutzt werden, um Mitarbeitern im Home Office Zugriffe auf das Netzwerk ihres Arbeitgebers zu ermöglichen. Die Technologie dient aber auch dazu, höhere Anonymität im Internet herzustellen.

Kauft jemand beispielsweise einen Zugang zu einem Server in Mexiko, wird dessen gesamte Aktivität zuerst nach Mexiko und dann ins Internet geschickt. Es gäbe somit nur wenige Möglichkeiten, herauszufinden, dass die Person nicht in Mexiko sitzt. Zudem ist nicht ersichtlich, was sie genau tut - verschickt sie eine Mail oder surft sie im Netz?

Tor (Netzwerk)

Tor ist ein Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Die Daten werden dabei über drei Server verschickt.

Der Nutzer schickt seine Daten an den ersten Server. Dieser "weiß" dementsprechend noch, wer der Absender des Datenpaket ist. Der erste Server versendet das Paket dann aber an einen zweiten Server. Dieser Server kennt bereits den wahren Absender der Daten nicht mehr - er "sieht" nur, dass das Datenpaket vom ersten Server verschickt wurde. Der zweite Server leitet die Daten dann nochmals an einen dritten Server weiter. Dieser Server kennt nur das Ziel - den Empfänger - der Daten. Der Absender ist über diesen verschachtelten Weg aber kaum noch nachvollziehbar.

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Stand: 21.06.2019, 09:44

Kommentare zum Thema

4 Kommentare

  • 4 Heinzb aus nrw 21.06.2019, 19:41 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er sich nicht auf das Thema der Diskussion bezieht. (die Redaktion)

  • 3 Ansgar 21.06.2019, 16:09 Uhr

    Das Problem ließe sich lösen, indem E-Mails über einen zentralen Dienst bzw. Server (der z. B. politikmail.org heißen könnte) verwaltet werden: der Lokalpolitiker Max Muster erhält z. B. eine E-Mailadresse mit Max.Muster@politikmail.org. Wer Max Muster per E-Mail seine Meinung sagen will, muss sich vorab bei politikmail.org mit einer dort hochgeladenen Ausweiskopie verifizieren und mit seiner eigenen E-Mailadresse registrieren. Unregistrierte E-Mails werden künftig über politikmail.org einfach nicht zugestellt. Fertig! Im übrigen ist es wenig zielführend, die gesamte Internetanonymität aufheben zu wollen. Und selbst wenn man es könnte, dann käme wohl wieder der klassische Brief zum Einsatz. Und dann? Dauervideoüberwachung eines jeden Briefkastens und Briefmarken nur noch mit registrierten Nummern und unter Personalausweisvorlage verkaufen, um den Absender später eindeutig ermitteln zu können? Das macht man noch nicht mal in China und da wollen wir auch nicht hin, oder vielleicht doch?

    Antworten (2)
    • Heinzb aus nrw 21.06.2019, 19:24 Uhr

      Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

    • S. 21.06.2019, 19:36 Uhr

      Weil es Verbrecher gibt, soll ich meine Rechte immer mehr beschneiden lassen???? Der Staat ist auf dem rechten Auge blind. Jetzt wird so getan als würde man uns vor diesen Extremisten beschützen, in dem man uns bestraft, abhört, unsere Privatsphären immer mehr zerstört.

  • 2 Manfred 21.06.2019, 15:36 Uhr

    So einfach, wie Sie den Fall mit dem Internetcafe darstellen ist es nicht. Sie bekommen vom ausländischen Mail-Provider den Namen, mit dem der Nutzer sich angemeldet hat. Das kann Donald Duck sein. Auf dem Wege der Rechtshilfe bekommen sie vielleicht die letzte Einlogg-IP, so ein Rechtshilfeersuchen kann aber schon mal ein Jahr dauern. Mit der IP können Sie das Internet-Cafe nicht ermittlen, weil die Daten nicht mehr vorliegen. Selbst wenn der Mail-Provider freiwillig sofort die letzte IP mitteilt, kann das Internetcafe u.U. nicht ermittelt werden, weil der Provider nicht zur Speicherung (sogenannte Vorratsdatenspeicherung, richtig allerdings: Verkehrsdatenregister) verpflichtet ist. Das haben wir, wenn man den Medien glauben will, alle so gewollt.

  • 1 Ralf Binder 21.06.2019, 15:36 Uhr

    Orwells „1984“ braucht dringend ein Update. Wir brauchen mehr Anonymität und nicht weniger. Allein auf dieser Seite sehe ich 4 Tracker und 4 Scripte von Drittanbietern. Tracker: Website-Analytics, AB Tasty, INFOnline und NetRatings SiteCensus; Scripte von abtasty.com, edgekey.com, imrworldwide.com und ioam.de. Ich will nicht ausprobieren was noch dazu kommt, wenn ich mit mit Anzeige von Twitter-Inhalten einverstanden erklären würde. Die „Zwei-Klick-Lösung“ ist gut, der Text verschweig aber, dass noch Daten an Twitter gesendet werden und außerdem halten sich nicht alle daran (Sandra Maischberger). Diese ganze Spionage reicht noch nicht? Vor allem ist es Unsinn, weil es die echten Straftäter kaum trifft. Das ist unter „Wie gehen die Täter vor?“ ganz gut beschrieben. Außerdem bleibt ja noch der Weg anonymer Briefe „nach alter Väter Sitte“. Es ist immer das Gleiche, einer macht etwas und alle werden in „Sippenhaft“ genommen nach dem Freiheitsverständnis von Russland und China.

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