Flüchtlings-Katastrophe auf Lesbos: "Wir haben gesehen, dass die Leute das Abwasser trinken"

Eine Mutter hält ihr Kind in den Armen, beide wurden nach Kontakt mit Tränengas zur Linderung mit Wasser übergossen.

Flüchtlings-Katastrophe auf Lesbos: "Wir haben gesehen, dass die Leute das Abwasser trinken"

Die Lage der Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos ist nach den Bränden im Lager Moria katastrophal. Tausende Menschen campieren unter freiem Himmel. WDR-Reporter sind vor Ort.

WDR-Reporterin Isabel Schayani fand in der Aktuellen Stunde am Samstagabend deutliche Worte: "Die Versorgungslage ist so, dass man denkt: Das ist nicht Europa. Wir haben gesehen, dass die Leute das Abwasser trinken." Die Verzweiflung der Menschen im Bezug auf die europäische Politik sei groß: "Die haben die Wahrnehmung, dass sie im Gefängnis waren, jetzt wieder im Gefängnis sind und dass sie nicht gehört werden."

Angespannte Stimmung auf Lesbos

"Die Stimmung ist schon sehr aggressiv. Die Geflüchteten haben seit Tagen kaum was gegessen, kaum was getrunken. Es wird fast nichts geliefert", schildert WDR-Reporter Bamdad Esmaili die Situation auf Lesbos am Samstagmittag. Auf der griechischen Insel kam es am Samstag zu Ausschreitungen. Die Polizei setzte Tränengas gegen eine Gruppe von Migranten ein, die nach dem Brand des Lagers Moria ihren Unmut über ihre verzweifelte Lage zeigten.

Kinder und Schwangere bekommen Tränengas ab

Esmaili habe den Ort des Geschehens daraufhin verlassen müssen. Unter den Menschen, die das Tränengas abbekamen, sollen auch Kinder und schwangere Frauen gewesen sein. Die Spannungen brachen aus, als hunderte Migranten auf einer Straße zum Hafen von Mytilene marschierten und "Freiheit" sowie "Kein Lager" skandierten.

150 Geflüchtete aufnehmen - der richtige Weg?

WDR 5 Morgenecho - Interview 12.09.2020 07:50 Min. Verfügbar bis 12.09.2021 WDR 5


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Durch den Brand des überfüllten Lagers Moria am Mittwoch wurden bis zu 13.000 überwiegend aus Afrika und Afghanistan stammende Menschen obdachlos. Die meisten harren seitdem im Freien aus. Nun wird ein neues vorübergehendes Zeltlager aufgebaut.

Menschen versuchen mit Wasser das Tränengas zu übergießen.

Tränengaseinsatz auf Lesbos

Derzeit gibt es aber kein Lager und keine gesicherte Versorgung. Die Menschen müssten auf nicht sauberes Wasser zurückgreifen, so dass immer mehr von ihnen krank werden. Am Freitag habe er mit seinem Team sichergestellt, dass eine Frau medizinisch versorgt werde, so Esmaili. Flüchtlinge hätten dies selbst versucht, seien aber von der Polizei abgewiesen worden.

Griechische Inselbewohner errichten Blockaden

"Wir haben dafür gesorgt, dass ein Krankenwagen kommt, und wir haben beobachtet, dass die Sanitäter wenig Interesse hatten, irgendwas für diese Frau zu tun. Einfach lustlos haben sie diese Frau dann in ihren Krankenwagen transportiert", berichtet der WDR-Reporter. Ihr Mann wisse bis dato immer noch nicht, wo seine Frau ist und wie es ihr geht.

Die Flüchtlinge sind allerdings nicht die einzigen, die gegen die Errichtung eines neuen Camps protestieren. Die griechischen Inselbewohner gehen auch dagegen vor. Es gäbe Straßenblockaden wütender Bürger: "Die wollen nicht, dass den Leuten geholfen wird. Die wollen auch nicht, dass es ein Camp gibt. Die wollen einfach, dass die Leute weggehen", so Esmaili.

Horrorbilder sollen Flüchtlinge abschrecken

Die WDR-Reporterin Isabel Schayani ist von den Zuständen auf der Straße entsetzt: "Ich konnte das überhaupt nicht glauben. Wir sind sozusagen von einem schlafenden Menschen in den nächsten gestolpert." Der Umgang mit Flüchtlingen verfolge ein klares Ziel: "Europa hat eben diese Inseln, um Menschen den Weg nach Europa zu versperren. Der Weg führt hier durch diese Gesetzlosigkeit und man kann im Moment für den humanitären Zustand hier sagen, durch diese Hölle."

Das Zeichen, das Bilder von der jetzigen Lage in die Welt senden sollen, ist laut Schayani klar: "Die griechische Regierung versucht, mit Horrorbildern die Menschen davon abzuhalten, ihren Weg weiter nach Europa zu suchen." Die UNO sei völlig überfordert, Griechenland versuche, einfach nur abzuschrecken, und die 12.000 Menschen auf der Straße seien das "Faustpfand".

Europas Flüchtlingspolitik in Schutt und Asche

WDR 5 Polit-WG 12.09.2020 32:26 Min. Verfügbar bis 14.09.2021 WDR 5


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Essener Initiative schickt Medikamente nach Lesbos

Drei Männer stehen vor einem Paket mit Hilfsgütern, auf dem Paket liegt eine Maske mit der Aufschrift "Hilfe für Moria"

Am Samstag ist in Essen ein Transport mit Hilfsgütern auf die Insel Lesbos gestartet. Freiwillige bringen COVID-Schutzkleidung und Medikamente im Wert von rund 100.000 Euro nach Moria. Am Sonntag soll auch noch eine Hilfslieferung per Flugzeug starten. Hinter der Aktion stehen die Caritas und die Essener Initiative "Ein Herz für Moria".

Stand: 12.09.2020, 19:53

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