Mordprozess Solingen: Aussagen des überlebenden Jungen

"Halbzeit" im Kindermord-Prozess Solingen 03:18 Min. Verfügbar bis 07.07.2022

Mordprozess Solingen: Aussagen des überlebenden Jungen

Von Wolfram Lumpe

Am 9. Verhandlungstag im Prozess um die Kindermorde von Solingen war die Aussage des überlebenden Jungen Thema. Seine Mutter muss sich wegen Mordes an ihren fünf anderen Kindern verantworten.

Am Vormittag des 3. September 2020 soll die Solingerin die Kinder zunächst betäubt und dann erstickt oder ertränkt haben. Ihren Sohn hatte sie am Mittag des Tattages aus der Schule zum Hauptbahnhof beordert und war mit ihm per Bahn zum Düsseldorfer Hauptbahnhof gefahren.

Komischer Gesichtsausdruck

Großmutter und Vormund des Jungen hatten in dessen Namen die Aussage im Prozess verweigert. Sie erlaubten aber, dass die Vernehmungsbeamtin der Polizei über dessen Vernehmung berichtete. Das Treffen am Bahnhof habe der Junge als seltsam empfunden. Die Mutter hatte einen komischen Gesichtsausdruck, "als wäre sie betrunken“. Im Zug habe sie ihm dann seine Krankenkassen-Karte gegeben. Warum? Das habe er nicht beantworten können.

Alle Geschwister tot

Dass seine Halb-Brüder und Schwestern tot waren, hatte die Angeklagte ihm da schon erzählt. Was beide ansonsten auf der Zugfahrt noch besprochen hätten, das wisse er nicht mehr. Die Polizistin: „Nur, dass sie wollte, dass er mit ihr vor einen Zug springt, daran erinnerte er sich“. Die Frau hatte ihren Sohn schließlich mit einem weiteren Zug zu seiner Großmutter nach Mönchengladbach geschickt. Sie selbst war im Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen einfahrenden Zug gesprungen, hatte sich aber nur leicht verletzt.

Ein sehr enges Netz

Der Vorsitzende Richter betonte, es gebe ein enges Netz um den 12-Jährigen. Gestützt und betreut würde er von seiner Oma, einer Psychosozialen Betreuung, der Nebenklage-Anwältin und einer Notfall-Seelsorgerin. „Mit ihr hat sich eine enge Situation entwickelt.“

„Mir glaubt keiner“

Das Gericht verlas mehrere Briefe, die die Angeklagte aus der Haft an ihre Mutter geschickt hatte. Darin schreibt sie: „Unschuldig so behandelt zu werden ist hart. Mir glaubt ja keiner, nicht mal der Anwalt“.

Die angeklagte Mutter mit einem ihrer Verteidiger (Archiv)

Die angeklagte Mutter mit einem ihrer Verteidiger

Die Frau schweigt im Prozess, beharrt aber gegenüber psychiatrischen Gutachtern und auch gegenüber ihren drei Verteidigern darauf, unschuldig zu sein. Am Tattag sei ein fremder Mann in die Wohnung gekommen und habe die Kinder getötet. So lautet ihre Version.

Richter wendet sich an die Angeklagte

Der Vorsitzende Richter zog eine Art Zwischenbilanz und wandte sich auch direkt an die Angeklagte. Es sei ein Freispruch möglich, gekoppelt mit der dauerhaften Unterbringung in einer Psychiatrischen Einrichtung. Genau so aber auch eine lebenslange Haftstrafe mit besonderer Schwere der Schuld.

Justitia

Am Landgericht Wuppertal

Die Staatsanwaltschaft sage: Es könne nur sie, die Angeklagte, die Mörderin sein. „Das ist der Punkt,  über den sie nachdenken sollten“. Sie habe das in der Hand und solle mit ihren Verteidigern sprechen - auch darüber, ob sie ihren überlebenden Sohn mit einer Lebenslüge hinterlassen wolle. Der Prozess wird am 14. Juli fortgesetzt. Für den 11. August ist das Psychiatrische Gutachten geplant. Danach sollen bald Plädoyers und Urteil folgen.

Stand: 07.07.2021, 19:49

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