Der Kölner Dom bei Nacht.

Kaum Kontrolle von Missbrauchstätern in Bistümern

Stand: 07.03.2022, 13:21 Uhr

Die Kontrolle von Priestern, die Kindern sexualisierte Gewalt angetan haben und die noch im Dienst der katholischen Kirche stehen, ist unzureichend. Das ergab eine Recherche des WDR unter allen 27 katholischen Bistümern in Deutschland.

Von Christina Zühlke

Wenn ein Priester Kindern sexualisierte Gewalt antut, bekommt er von seinem Arbeitgeber, der Kirche, meist die Auflage, sich von Kindern fern zu halten. Doch wie wird so ein Kontaktverbot kontrolliert, so dass er sich auch daran hält? Dieser Frage ging der WDR nach und recherchierte bei allen 27 deutschen Bistümern.

Missbrauchstäter in Bistümern: Kaum Kontrolle

WDR 5 Morgenecho - Interview 07.03.2022 05:07 Min. Verfügbar bis 07.03.2023 WDR 5


Download

Keine Kontrolle in Köln

In einem Bistum gibt es keinerlei Kontrolle: in Köln. In elf weiteren Bistümern wird lediglich ein Vorgesetzter, etwa ein Kreisdechant, oder ein Priester im Ort informiert oder es finden Gespräche mit Mitarbeitern des Bistums statt. Die Beauftragten sind aber nicht speziell in der Kontrolle von Sexualstraftätern ausgebildet.

Die Gespräche finden zum Teil nur ein- oder zweimal jährlich statt. Das Bistum Mainz verpflichtet Beschuldigte sogar nur dazu, sich ihrerseits beim Bistum zu melden. Von unangemeldeten Kontrollen ist dagegen nicht die Rede.

Selten unabhängige Mitarbeiter

Auch die NRW Bistümer Münster und Aachen setzen keine externen Beauftragten ein, die die Täter kontrollieren. Das Bistum Münster gibt aber als einziges an, dass Tätern sogar verboten ist, die priesterliche Kleidung zu tragen. Wie diese Auflage genau kontrolliert wird, schreibt das Bistum Münster nicht.

Lediglich in Essen, Osnabrück, München und Dresden gibt es Menschen außerhalb der Kirchenstruktur, die Priester kontrollieren, die etwa die Auflage haben, sich Kindern nicht zu nähern. Zum Teil übernehmen diese Aufgabe Kommissionen, die mit Fachleuten - etwa Juristen, Kirchenrechtler, Psychologen oder Betroffene - besetzt sind.

Kirchlicher "Bewährungshelfer" kontrolliert in Essen

In Essen etwa besucht eine Art kirchlicher Bewährungshelfer wöchentlich die Beschuldigten, die außerdem auch Therapien machen müssen.

Insgesamt beantworteten 24 von 27 Bistümern die Fragen des WDR nach der Kontrolle von Priestern, die etwa die Auflage haben, sich von Kindern fernzuhalten. Das Bistum Fulda antwortete gar nicht. Die Bistümer Paderborn und Passau machen keine Angaben. In Berlin und Görlitz leben, nach Angaben der Pressestellen, derzeit keine Priester, die unter Auflagen stehen.

Kirchen-Interne sind oft überfordert

Der WDR hatte die Umfrage auch anlässlich des vor kurzem zu Ende gegangenen Prozesses gegen den Pfarrer Hans Bernhard U. gestartet. Der Serientäter war vom Landgericht Köln zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte im Erzbistum Köln über 40 Jahre lang Mädchen sexualisierte Gewalt angetan, ohne dass das Bistum ihn stoppte.

Eine der Rechtsanwältinnen im Prozess, Martina Lörsch, sagte dem WDR, dass es ihrer Meinung nach nicht ausreiche einen vorgesetzten Priester zu informieren. Der sei "in der Regel damit vollkommen überfordert". Es fehle dann an Wissen, beispielsweise über Täterstrukturen oder Dyamiken zwischen Tätern und potentiellen Opfern, kritisierte die Anwältin. "Das müsste normalerweise jemand kontrollieren, der sich auch damit auskennt."

Großes Unverständnis bei den Opfern

Zwei Nebenklägerinnen im Prozess, die Nichten des Priesters, Anke S. und Angelika V. sprachen im WDR und im "Kölner Stadt-Anzeiger" von "absolutem Unverständnis". Man habe spätestens seit 2010 in der Kirche gewusst, dass es Verdachtsfälle gibt. Dass nun, erst zwölf Jahre später, die Frage aufkomme "kann man etwas dagegen tun? Das verstehen wir einfach nicht".

"Schutz von Kindern nicht ernst genommen"

Opfer von Missbrauch: Porträt von Patrick Bauer

Patrick Bauer

Unverständnis zeigten auch andere Betroffene von sexualisierter Gewalt für den Umgang der Kirche mit den Tätern. Patrick Bauer erfuhr als Kind selbst jahrelang sexualisierte Gewalt. Heute ist er Gefängnisseelsorger im Erzbistum Köln und Mitglied im Betroffenen-Beirat der Deutschen Bischofskonferenz. Zur Situation in Köln sagte er dem WDR: "Es ist lächerlich, dass erst jetzt eine Kommission arbeitet, das hätte man 2010 schon machen können. Das Erzbistum ist damit viel zu spät." Insgesamt zeige die Situation in den Bistümern einmal mehr, dass die Anliegen der Betroffenen und der Schutz der Kinder nicht wirklich ernst genommen würden.

"Verantwortung ist nicht allen Bischöfen klar"

Der Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Anuth sagte, die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass immer noch nicht allen Bischöfen realisiert hätten, wie groß ihre Verantwortung sei, Kinder zu schützen. Der Fall Pfarrer U. habe gezeigt, dass weitere Menschen zu Schaden gekommen seien, als schon Vorwürfe im Raum standen. Das hätte eine wirksamere Kontrolle vielleicht verhindern können, sagte der Universitätsprofessor.

Transparente Konzepte gefordert

Ruth Habeland, die als Therapeutin und Sozialpädagogin seit Jahren mit Sexualstraftätern arbeitet und gleichzeitig Präventionsschulungen gibt, sagte dem WDR, Kontrolle könne nur funktionieren, wenn ein transparentes Konzept dahinter stehe. Externe Fachkräfte müssten die Täter kontrollieren. Sie sollten in einem Team arbeiten, damit niemand etwa auf die Schmeicheleien der oft charismatischen Täter hereinfalle.

Hinweis der Redaktion: Ursprünglich war von zwei Bistümern die Rede in denen keine Kontrolle stattfindet. Nachdem die Pressestelle des Bistums Würzburg ihre Angaben korrigiert hat, haben wir den Text angepasst.

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen