Gladbacher in Minneapolis: "Positives Denken zerrüttet"

Gladbacher in Minneapolis: "Positives Denken zerrüttet"

  • Interview mit Joachim Berndt, Bäcker in Minneapolis
  • Geschäfte geplündert, Scheiben eingeschlagen
  • Hoffnung, dass sich die Lage um die Anti-Rassismus-Proteste beruhigt

Joachim Berndt kommt gebürtig aus Mönchengladbach und betreibt in Minneapolis eine Bäckerei. In der Stadt war am Montag (25.05.2020) ein Schwarzer nach einem brutalen Polizeieinsatz ums Leben gekommen. Seit einer Woche gibt es vielerorts in den USA Proteste. Die Gewalt eskaliert.

WDR: Was bekommen Sie von Ausschreitungen in Minneapolis mit?

Joachim Berndt: Die Proteste konzentrieren sich auf den Süden der Stadt. Meine Bäckerei ist im Nordosten. Aber einer meiner Mitarbeiter und auch Kunden von mir wohnen da unten. Es muss die absolute Katastrophe sein. Es ist furchtbar, wirklich schrecklich.

WDR: Was berichten die Ihnen?

Der Bäcker Joachim Berndt

Joachim Berndt, Bäcker in Minneapolis

Berndt: Ein Kunde erzählte mir, dass in seiner Nachbarschaft Geschäfte geplündert und abgebrannt wurden - auch sein Lieblingsrestaurant.

WDR: Was erleben Sie rund um Ihre Bäckerei?

Berndt: Freitagnacht wurden hier in der Nachbarschaft die Scheiben von ein paar Läden eingeschlagen. Bei mir zum Glück nicht. Ich hatte die ganze Nacht gearbeitet und daher Licht an. Da, wo ich wohne, im Norden von Minneapolis, ist eine Tankstelle abgebrannt.

Der 65-jährige Joachim Berndt stammt gebürtig aus Mönchengladbach und lebt seit Ende der 90er-Jahre mit seiner US-amerikanischen Frau in den Vereinigten Staaten. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise verlor der Architekt 2009 seinen Job in der Baubranche. Danach eröffnete er in Minneapolis die Bäckerei "Aki's BreadHaus", wo er deutsches Brot verkauft.

WDR: Wie reagiert die Nachbarschaft?

Berndt: Die hat sich über Facebook mobilisiert, hält Wache. Es soll aber auch Auto-Konvois von bewaffneten Leuten der White Supramacy gegeben haben, also von rassistischen Weißen, die glauben, allem überlegen zu sein.

WDR: Gibt es nicht eine Ausgangssperre?

Berndt: Ja, die gab es mehrmals abends und nachts. Aber viele Leute nehmen die nicht ernst.

WDR: Bekommen Sie Rassismus auch im Alltag zu spüren?

Berndt: Nein, eigentlich nicht. Ich kenne hier natürlich Gegenden mit besonders vielen arbeitslosen Schwarzen - gerade jetzt in der Corona-Krise. Aber die Gegend meiner Bäckerei ist sehr bunt. Die Leute hier kommen aus Somalia, Jordanien, Thailand, Ecuador oder auch aus dem Libanon. Da erlebe ich keinen Rassismus.

WDR: Was geht da in Ihnen vor angesichts dieser Unruhen?

Berndt: Ich lebe hier in einem Land, wo man als Ausländer wirklich willkommen ist. Ich habe da immer ein sehr positives Denken gehabt. Das ist jetzt ein bisschen zerrüttet.

WDR: Wie, glauben Sie, geht es in den nächsten Tagen weiter?

Berndt: Ich hoffe sehr, dass sich die Lage beruhigt, nachdem jetzt einer der Polizisten angeklagt wurde, die an dem tödlichen Einsatz beteiligt waren. Aber die Behörden hier haben noch extreme Probleme, die Lage in den Griff zu kriegen.

Leider hilft da der Präsident mit seinen Kommentaren nicht weiter. Die Kritik aus Washington bringt überhaupt nichts.

Das Gespräch führte Jörn Seidel.

Stand: 01.06.2020, 20:00

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