Messer-Angriff in Dresden: Schwulenfeindlichkeit als Tatmotiv?

Dresden: Ein Kriminaltechniker stellt ein Messer am Tatort sicher.

Messer-Angriff in Dresden: Schwulenfeindlichkeit als Tatmotiv?

Von Karin Bensch

Zwei Männer aus NRW wurden in Dresden von einem mutmaßlichen Islamisten mit einem Messer angegriffen. Einer der beiden starb, er wird heute in Krefeld beigesetzt.

Es sind bewegende Worte, die in der Traueranzeige stehen. "Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht, kann er frei seine Flügel entfalten und die Stille der Sterne durchspalten". Sie gelten dem 55-jährigen Mann aus Krefeld, der Anfang Oktober nach einem Messerangriff in der Dresdener Altstadt starb. In der Traueranzeige steht auch der Name seines Lebensgefährten: Ein 53-jähriger Kölner, der bei dem Angriff schwer verletzt wurde, aber überlebt hat.

Mutmaßlicher Täter war Behörden bekannt

Der mutmaßliche Täter ist ein 20-jähriger Mann aus Syrien. Vorbestraft unter anderem wegen Körperverletzung und vom Verfassungsschutz als islamistischer Gefährder eingestuft. Erst wenige Tage zuvor war er aus dem Jugendstrafvollzug entlassen worden. Er wurde vom Verfassungsschutz beobachtet, allerdings nicht zur Tatzeit.

Hitzige Debatte über Tatmotiv

Die Behörden gehen von einem radikal-islamistischen Hintergrund aus, wegen der Vorstrafen des mutmaßlichen Täters. Der Schwulen- und Lesbenverband Deutschland kritisiert das. Er hält Homophobie, also Feindseligkeit gegen Homosexuelle, für ein weiteres Tatmotiv.

"Uns hat wirklich sehr verwundert, dass Polizei und Staatsanwaltschaft dieses Tatmotiv gar nicht in Betracht gezogen haben", sagt Sprecher René Mertens. Durch das Verschweigen werde Homosexuellenfeindlichkeit in der Gesellschaft nicht sichtbar.

Homophobes Tatmotiv ist möglich

Über Tatmotive dürfen die Sicherheitsbehörden nicht sprechen, erklärt Silvaine Reiche, Sprecherin des sächsischen Innenministeriums. "Die Ermittlungen laufen immer in alle Richtungen. Ein homophobes Tatmotiv wird also auch nicht ausgeschlossen." Auch die Bundesanwaltschaft ermittelt in alle Richtungen. Der mutmaßliche Täter hat sich noch nicht zum Motiv geäußert. Zeugenaussagen ergaben kein eindeutiges Bild.

Umarmung kurz vor Messerangriff

Der Schwulen- und Lesbenverband geht davon aus, dass die beiden Männer für den Tatverdächtigen als schwules Paar erkennbar waren. Denn sie sollen sich nach Medienberichten vor dem Messerangriff umarmt haben.

Körperliche Angriffe auf Homosexuelle nehmen in Deutschland seit Jahren zu, sagt Jörg Litwinschuh-Barthel von der Magnus Hirschfeld-Stiftung, die über Diskriminierung von Homosexuellen forscht. Nach seiner Einschätzung ist dies der erste dokumentierte Fall eines islamistischen Attentats auf Homosexuelle in Deutschland.

Homophobie bei Islamisten thematisieren

Der Wissenschaftler ist der Ansicht, dass der radikale Islam mit seinen homofeindlichen Tendenzen und Angriffen bislang zu wenig kritisiert wurde. Seiner Ansicht nach steckt dahinter die Angst, dass ein Generalverdacht auf den Islam fallen könnte.

Der Messerangriff in Dresden zeige aber auch eine große Unsicherheit der Behörden ihm Umgang mit Gewalttaten gegen Homosexuelle. "Sonst hätten sie selbstverständlich erwähnt, dass es sich um ein schwules Paar gehandelt hat", sagt Litwinschuh-Barthel. Er fordert mehr Aufklärung in den Behörden über Schwule, Lesben und transsexuelle Menschen.

Stand: 06.11.2020, 06:00

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