Friedrich Merz zur Bundestagswahl: Das ist eine Wahlniederlage für die Union

Friedrich Merz (CDU) spricht ins Mikrofon

Friedrich Merz zur Bundestagswahl: Das ist eine Wahlniederlage für die Union

Friedrich Merz sitzt nach Jahren wieder im Deutschen Bundestag. Bereits von 1994 bis 2009 hatte er den Hochsauerandkreis in Berlin vertreten. In der traditionellen CDU-Hochburg setzte sich Merz auch gestern erwartungsgemäß durch. Mit 40,4 Prozent der Wählerstimmen holte er zwar das Direktmandat, musste aber - ebenso wie seine Partei, die CDU, herbe Verluste hinnehmen.

WDR: Herr Merz, mit etwas Distanz und ein paar Stunden Schlaf, wie ist ihre Reaktion auf diese Bundestagswahl?

Friedrich Merz: "Ich freue mich zunächst einmal über das gewonnene Direktmandat. Auch wenn ich mit dem Ergebnis insgesamt natürlich nicht zufrieden bin. Das ist eine schwere Wahlniederlage für die Union, und das müssen wir erstmal verarbeiten, aber das braucht Zeit.“

WDR: Sie sind also nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Wo liegen die Fehler, können Sie das sagen?

Merz: "Da sind auch sehr viele Fehler in der Vergangenheit gemacht worden. Aus meiner Sicht war es der entscheidende strategische Fehler, am 29. Oktober 2018 zuzulassen, dass Parteivorsitz und Kanzleramt in der Union getrennt werden. Sowas ist uns noch nie gut bekommen. Doppelspitzen funktionieren halt nicht. Das ist sicherlich eine der Ursachen, aber sicher nicht die alleinige."

WDR: Sie können einen strategischen Fehler klar benennen. Sie haben ja in den letzten vier Jahren auf Bundesebene keine politische Verantwortung getragen. Wer ist denn dann Ihrer Meinung nach in der CDU daran Schuld?

Friedrich Merz spricht in ein Mikrofon und hält Arbeitshandschuhe in der Hand

Merz: "Ich würde es nicht gerne auf einzelne Personen beziehen, sondern die Analyse muss tiefer reichen. Sie muss auch inhaltlich-strategisch erfolgen. Haben wir eigentlich die richtigen Themen besetzt, auch in diesem Wahlkampf? Warum sind wir eigentlich nicht mehr auf unseren Spielfeldern unterwegs gewesen, also etwa der Wirtschafts- und Finanzpolitik? Die Umweltpolitik nicht besser eingebettet, in die Technologiepolitik und in die Wirtschaftspolitik? Also, das allein an einer Person festzumachen, das erscheint mir etwas zu kurzfristig, zu kurzatmig und etwas zu oberflächlich."

WDR: Sie sprechen von einer Wahlniederlage für die Union. Ist es dann richtig, eine Regierungsbildung für sich zu beanspruchen?

Merz: "Es gibt zwei mögliche Regierungsmehrheiten in Deutschland. Das ist die Ampel und das ist Jamaika - um mal in diesem Sprachgebrauch zu bleiben. Und wenn wir eine Regierung in der politischen Mitte haben wollen, dann hat die Union eine Verantwortung, die auch über ihre eigene Parteipolitik hinausgeht. Ich teile es voll und ganz, dass wir jetzt mit Armin Laschet und mit Markus Söder versuchen, eine Regierung in Deutschland zu bilden. Das ist wichtiger als unsere eigene Partei.“

WDR: Die Sozialdemokraten haben aber bei dieser Bundestagswahl die meisten Stimmen bekommen. Sollte dann nicht Olaf Scholz als SPD-Kanzlerkandidaten zuerst mit der FDP und der Grünen-Partei sprechen dürfen?

Merz: "Es werden nicht Kanzler gewählt, sondern es werden Parteien gewählt. CDU, CSU und SPD liegen jetzt gerade mal 1,6 Prozent auseinander. Das ist kein Abstand, der einen eindeutigen Gewinner und einen eindeutigen Verlierer identifizieren lässt, sondern beide Parteien haben ein annähernd gleiches Ergebnis erzielt. Es gibt mit beiden Parteien rechnerisch eine Mehrheit mit zwei weiteren Partnern und in sofern ist es völlig richtig, dass die Union hier den Anspruch auch erhebt, das Angebot auch macht, die Regierung in Deutschland zu führen, und das liegt jetzt nicht in ihrer Hand allein, sondern das werden auch FDP und die Grünen zu entscheiden haben. “

WDR: Wollen Sie zuerst die Grünen oder die FDP in eine Koalition locken?

Merz: "Es geht ja nicht darum, jemanden in eine Koalition zu locken, sondern es geht darum: Gibt es genügend inhaltliche Überschneidungen? Die Grünen werden sich natürlich auch sehr genau die SPD anschauen, in welcher Verfassung die SPD tatsächlich ist. Da sind jetzt 50 Jungsozialisten in den Bundestag gekommen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das für die Führung der Grünen nun ein wesentlich attraktiveres Angebot ist. Die Frage ist ja auch, was wir kulturell miteinander hinbekommen - und mit der FDP. Das wird in jedem Falle schwierig. Aber ich denke, wenn wir über eine wirkliche Modernisierung dieses Landes sprechen, auch in technologischer Hinsicht, dann gibt es Schnittmengen zwischen Union, FDP und den Grünen." 

WDR: Möglicherweise werden CDU und CSU an einer neuen Bundesregierung beteiligt sein. Welches Amt streben Sie dann in Berlin an?

Merz: "Ich finde, es ist jetzt überhaupt nicht der Zeitpunkt gekommen, in irgendeiner Form Personaldiskussionen zu führen. Genauso wenig, wenn da irgend jemand sich berufen fühlen sollte, handstreichartig den Vorsitz der Partei für sich beanspruchen zu wollen. Jetzt geht es darum auszuloten. Ob es eine Chance gibt, die Regierung in Deutschland zu bilden und zu führen. Dem haben sich alle unterzuordnen, auch die gewählten Abgeordneten. “

WDR: Noch ein Wort zu Ihrem Wahlkreis, dem Hochsauerlandkreis. Auch hier mussten die CDU, aber auch Sie herbe Verluste hinnehmen.

Merz: "Ich freue mich, den Hochsauerlandkreis in Berlin wieder vertreten zu drüfen. Auch wenn ich mit dem Gesamtergebnis nicht zufrieden sein kann. Wir werden aber auch vor Ort schauen müssen, wo unsere Stärken und wo unsere Schwächen liegen. Alleine, dass ein Bewerber der AfD im Hochsauerlandkreis 10.000 Stimmen bekommt, beschwert mich persönlich sehr. Wir müssen vor Ort wieder mehr Präsenz und Zuverlässigkeit in unserer Parteiarbeit zeigen."

Das Interview führten Arndt Brunnert und Dirk Hammel.

Stand: 27.09.2021, 12:39

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