Friedrich Merz gibt ein Statement am Mikrofon, bei dem er den Gipfel als Erfolg bezeichnet.

"Drecksarbeit" gegen Iran? Das ist dran an Merz' Lob für Israel

Stand: 18.06.2025, 15:40 Uhr

Laut Bundeskanzler Merz erledigt Israel mit seinem Angriff auf den Iran "für uns" die "Drecksarbeit". Damit löst er eine Kontroverse aus. Was ist dran an dieser Äußerung - und was empört?

Von Jörn SeidelJörn Seidel

In Deutschland wird über Drecksarbeit diskutiert - genauer gesagt über Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der am Dienstag in einem ZDF-Interview dieses Wort verwendete, um Israel seinen Respekt für den Angriff gegen den Iran zu erweisen.

Merz' Worte lösen bei einigen Unbehagen aus - sprachlich wie völkerrechtlich. Gleichzeitig spricht er große Gefahren an, die tatsächlich vom Iran ausgehen. Das steckt hinter der Diskussion - ein Überblick.

"Drecksarbeit": Was genau hat Merz gesagt? 

Eigentlich brachte ZDF-Hauptstadtstudio-Chefin Diana Zimmermann das Wort "Drecksarbeit" auf. In ihrem Interview mit dem Bundeskanzler beim G7-Gipfel in Kanada fragte sie zugespitzt: "Ist das nicht sehr verlockend, dass die Israelis jetzt die Drecksarbeit machen für ein Regime, das sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor wahrnehmen?"

Merz ließ sich auf die Formulierung ein: "Frau Zimmermann, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff Drecksarbeit." Und weiter:

"Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht - für uns alle. Wir sind von diesem Regime auch betroffen." Friedrich Merz, Bundeskanzler

Dann benannte Merz Gefahren, die vom Iran ausgehen - zum Beispiel das Atomprogramm und die Terrorunterstützung.

Seine Antwort schloss er mit den Worten: "Ich kann nur sagen: Größten Respekt davor, dass die israelische Armee den Mut dazu gehabt hat, die israelische Staatsführung den Mut dazu gehabt hat, das zu machen. Wir hätten sonst möglicherweise Monate und Jahre weiter diesen Terror dieses Regimes gesehen - und dann möglicherweise noch mit einer Atomwaffe."

Welche Gefahren, die Merz anspricht, gehen vom Iran aus?

"Dieses Mullah-Regime hat Tod und Zerstörung in die Welt gebracht - mit Anschlägen, mit Mord und Totschlag, mit Hisbollah, mit Hamas." Der große Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 "wäre ohne das Regime in Teheran niemals möglich gewesen", sagte Merz. Außerdem nannte er die "Belieferung Russlands mit Drohnen aus Teheran". Und vor allem erwähnte er die Gefahr, die vom Iran ausgehen würde, wenn das Land im Besitz einer Atombombe wäre.

Tatsächlich besteht nach Einschätzung vieler Experten kein Zweifel daran, dass der Iran Terror unterstützt, vor allem durch die Organisationen Hisbollah und Hamas. Auch treiben die Machthaber im Iran seit Jahren ihr Atomprogramm voran, angeblich nur zur Energiegewinnung. Die Gefahr dabei: Seit Jahrzehnten stellt der Iran das Existenzrecht seines Erzfeindes Israel infrage.

Der österreichische Strahlenphysiker Georg Steinhauser beim Vortrag "Tschernobyl - Fukushima. Ein Vergleich der zwei schwersten Reaktorunfälle" im Gesundheitsministerium in Wien

Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien

Nach Einschätzung des Institute for Science and International Security in Washington hat der Iran inzwischen deutliche Fortschritte auf dem Weg zur Atombombe gemacht. Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge verfügt das Land schon über knapp 275 Kilogramm Uran, das auf 60 Prozent angereichert wurde. Für Atomwaffen brauche man 90 Prozent, sagte Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien, am Montag bei tagesschau24.

"Man glaubt immer, mit 60 Prozent ist man noch ein gutes Stück von den 90 Prozent entfernt, die man braucht. Aber das ist nicht so. Die Urananreicherung ist kein linearer Prozess", so Steinhauser. "Von 60 Prozent auf 90 Prozent geht es dann sehr rasch. Das ist förmlich nur noch ein Katzensprung."

Andererseits brauche es zur Herstellung einer funktionstüchtigen Atomwaffe noch mehr, sagte Steinhauser. Ob der Iran also tatsächlich kurz davor stand, eine Atombombe einsetzen zu können, darüber sind sich Beobachter uneins.

Warum kritisieren Rechtsexperten Merz' "Drecksarbeit"-Äußerung?

Matthias Herdegen, Völkerrechtler von der Uni Bonn, schrieb am Freitag bei X, der "Präventivschlag Israels gegen die Atomanlagen Irans bewegt sich völkerrechtlich in tiefgrauer Zone, auch wenn das iranische Regime Israel von der Landkarte tilgen möchte".

Prof. Dr. Pierre Thielbörger für Öffentliches Recht und Völkerrecht von der Ruhr Universität Bochum

Professor Pierre Thielbörger, Völkerrechtler

"Dass Israel ein Selbstverteidigungsrecht hat, steht völlig außer Frage", sagte Völkerrechtler Pierre Thielbörger von der Ruhr-Universität Bochum am Mittwoch dem WDR: "Auch dass Israel sich durch die jahrzehntelange, hasserfüllte und politisch inakzeptable Rhetorik des Iran ernsthaft bedroht fühlt, ist mehr als verständlich."

Trotzdem bleibe völkerrechtlich die Frage entscheidend, ob solche Drohgebärden oder das stark fortschreitende iranische Atomprogramm "einen bewaffneten Angriff darstellen, der zumindest unmittelbar bevorsteht".

"Nach anerkannten völkerrechtlichen Regeln, was wir unter einem solchen unmittelbar bevorstehenden Angriff verstehen, war das nicht der Fall." Prof. Pierre Thielbörger, Rechtswissenschaftler an der Ruhr Uni Bochum

Somit habe Merz' Rechtfertigung des israelischen Angriffs auf den Iran schwerwiegende Folgen. Das könne "das Völkerrecht insgesamt schwächen", sagte Thielbörger: "Staaten, die wie Deutschland über die letzten Jahrzehnte das internationale Recht immer geachtet und energisch verteidigt haben, dürfen nicht damit beginnen, eben dieses so wichtige Recht selektiv anzuwenden."

Welche sprachliche Kritik gibt es an Merz' "Drecksarbeit"-Äußerung?

"Ich würde mir wünschen, dass ein deutscher Kanzler niemals das Wort 'Drecksarbeit' benutzt, wenn er über das Töten von Menschen spricht", schrieb die Publizistin und Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel, die früher aus Kabul berichtete, am Mittwoch auf ihrem Instagram-Kanal.

Prof. Dr. Aria Adli im Portrait.

Prof. Aria Adli, Sprachwissenschaftler

In diese Richtung geht auch die Kritik von Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni Köln. Wenn Merz in diesem Zusammenhang von "Drecksarbeit" spreche, nutze er eine Rhetorik, die "verdingliche", sagte er am Mittwoch dem WDR. Es gehe um "Dreck", um "etwas häufig Ekelerregendes, was gesäubert werden muss".

"Was dann genau zu säubern ist, wird nicht ausgeführt, sondern bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Das ist das Gefährliche." Prof. Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni zu Köln

"Der Dreck kann nämlich unbewusst mit dem ganzen Land einschließlich der Menschen assoziiert werden", sagte Adli. Mit Blick auf die zivilen Opfer sei das "eine sehr bedenkliche Art der Kriegsrhetorik".

Übrigens: Im Interview mit ARD-Hauptstadtstudio-Chef Markus Preiß - ebenfalls am Dienstag beim G7-Gipfel in Kanada - verwendete Merz das Wort "Drecksarbeit" nicht. Aber er wiederholte, dass er den Angriff Israels gegen den Iran für gerechtfertigt hält: Israel mache "von seinem Recht auf Selbstverteidigung" Gebrauch.

Unsere Quellen:

  • ARD- und ZDF-Interview mit Kanzler Friedrich Merz beim G7-Gipfel
  • Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni Köln, im Interview mit WDR-Reporterin Cosima Gill
  • Prof. Pierre Thielbörger, Rechtswissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, auf WDR-Anfrage
  • Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien, bei tagesschau24
  • Institute for Science and International Security in Washington zum iranischen Atomprogramm
  • X-Post von Matthias Herdegen, Völkerrechtler an der Uni Bonn
  • Instagram-Post von Ronja von Wurmb-Seibel, Publizistin und Journalistin
  • Nachrichtenagentur dpa

Über dieses Thema berichten wir am 18.06.2025 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

Kommentare zum Thema

28 Kommentare

  • 28 Jannek 20.06.2025, 12:39 Uhr

    Wenn das Wort in den Mund gelegt wird, kann man es ausspucken oder ein wenig drauf 'rumkauen. Jedenfalls ist es Klartext, denn hinter rhetorischer Schminke und Schönrednerei ist das eine recht zutreffende Umschreibung dessen, was da geschieht. Das Regime im Iran hat die "Auslöschung" Israels als Motto und muss man sich da wundern, wenn Israel nicht zulassen will, dass es die Mittel dazu in die Hände bekommt?

  • 27 Fabian 20.06.2025, 11:54 Uhr

    Viele Dank an den Autor Jörn Seidel für diesen gelungenen, um Objektivität bemühten Beitrag!

  • 26 Horst A. 20.06.2025, 06:23 Uhr

    Danke, endlich mal eine Zusammenfassung und Bewertung, die sich um Objektivität bemüht. Dass Merz die Wortwahl der Journalistin im Gespräch aufgriff, liest man weder bei Süddeutsche, Zeit, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau.

  • 25 Brigitta S. 19.06.2025, 23:04 Uhr

    Sorry, ich stimme den Prof. Aria Adli nicht ganz zu, dass er Drecksarbeit einfach nur mit Dreck vergleicht. Dreck muss in diesen Fall beim Kanzler nicht unbedingt mit Ekelerregendes verstanden werden. Zum Bsp. wenn einer sagt, ich muss wieder die Drecksarbeit machen, dann ist es eine Arbeit die man ungern und widerwillig macht. Er müsste als Sprachwissenschaftler wissen, dass die Bezeichnung Drecksarbeit (Dreck) sehr viele Varianten im Sprachgebrauch hat. Mir ist schon klar, wenn jemand nicht beliebt ist, dann wird die schlechteste Variante verwendet. Das ist keine Fantasie, es ist so! Denke ich an Trump, was war mit seinen "bad" im Satz? Er wurde heftig kritisiert deswegen von Germany.

  • 24 Karl 19.06.2025, 22:45 Uhr

    Ein Kanzler sollte ein gepflegtes Deutsch sprechen.

  • 23 Franke 19.06.2025, 17:42 Uhr

    Der Iran hat noch nie ein anderes Land direkt angegriffen, alle Kriege, ob Irak - Syrien - Libyen - Libanon - und andere, wurden von Israel gesteuert und der USA begonnen und ausgeführt. Es geht um das Ziel GROSS - ISRAEL. Auch wenn man kein Freund der Mullas ist, es ist, war immer Völkermord. Der Lügenkanzler Merz ist nur ein Vasall der Spekulanten und des Großkapitals, Zivilbevölkerung Bombardieren bleibt Völkermord. Es sind Kriegsverbrecher. Zu Merz " pfui "

  • 22 Anonym 19.06.2025, 17:17 Uhr

    Wir diskutieren über einen Wortfehltritt vom Kanzler Merz, wobei dieses eine Wort keine Gefahr für Deutschland und für Merz bringt. Nur symbolisch kratzt es an seiner Aussage. Die eigentliche Ernstlage liegt beim Israel-Minister der erklärt, dass Tötung des iranischen Führers das Kriegsziel sei. Zitat. Sollte das Regime gestürzt werden, kein großes Nachdenken über Alternativen von Israel es geben, wo ist die Hoffnung auf eine organisierte, demokratische Regierung für die Menschen im Iran? Ich denke, so wie es sich Israel vorstellt wird es schwer werden, negative globale Auswirkungen werden sich zeigen. Die Gefahr liegt an Iran mit Israel, wie sie sich aus der Schlinge ihrer Eskalation drehen werden, dass sie mit Liberalismus in Zukunft leben können.

    Antworten (1)
    • Brigitta S. 19.06.2025, 19:21 Uhr

      Tut mir leid, ich habe vergessen meinen Namen einzusetzen. Der Kommentar ist von mir " Brigitte S.

  • 21 Brigitta S. 19.06.2025, 14:35 Uhr

    Das „üble Wort“ vom Kanzler liegt auf dem deutschen Tellerrand und wird kritisiert. Wen man jedoch weiter darüber hinausschaut um was es geht, dann waren Merz seine Worte danach richtig und brachte Klarheit. Über die Diplomatie von Parteien bei den Kriegskrisen mag man streiten, wenn sich Parteien drehen wie eine Fahne im Wind. Die SPD, die Grünen kritisieren den Kanzler scharf, wo war sie seit Beginn an vom Ukrainekrieg? Wurde es durch die Ampel im Nahen Osten friedvoller? Von den Linken mag ich gar nicht reden, sie reden ohne Punkt und Komma und fast überall dagegen. „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle», hatte Merz dem ZDF gesagt“ Zitat. Der Präsident der Ukraine sagte anfangs und während dem UKR- Krieg „die Ukraine kämpft für alle in Europa und für Frieden“. Er sah sich als Friedens und Heilbringer. Dort sterben seit 2022, tausende Soldaten, Frauen, Kinder, Senioren durch die Waffen- Drecksarbeit von Putin und Selenskyj, teils über Grenzen.

    Antworten (1)
    • Mr. No 20.06.2025, 00:18 Uhr

      Sorry, dein Kommentar ist absolut zusammenhanglos. Die Linke und Grüne dafür "verantwortlich" zu machen, als eigentlich sehr stark pazifistische Parteien, zeugt von völliger Fehleinschätzung. Ich mach mir echt sorgen um die Bürger die nicht zwischen Angriff und Verteidigung unterscheiden können. Das sollte eigentlich schon etwas sein, was man im Grundschulalter gelernt hat.

  • 20 alfred 19.06.2025, 12:22 Uhr

    wie kann man ein solches wort aussprechen, ohne eine zuspitzung aller negativen emotionen auszulösen? in blindheit. merz ist ausgerastet. angestiftet durch eine journalistin scheinbar, die angst hatte , nicht auf der richtigen seite zu stehen. völkerrecht bedeutet probleme zu lösen. mit ausrasten geht das nicht. demgegenüber trump mit der forderung und dem wunsch al chameni zu schonen. eine menschliche geste. immerhin hat merz sich nicht wiederholt. denn auch er will auf der politischen bühne bestehen.

  • 19 Brigitta S. 19.06.2025, 12:16 Uhr

    ZDF-Moderatorin Zimmermann hatte das Wort „Drecksarbeit“ in ihrer Frage benutzt, und Merz griff es auf. Empört wird nur Merz kritisiert. Die kopierte drastische Wortwahl war von Merz etwas unglücklich, aber nicht für alle. Siehe andere Presse. Der Bundeskanzler Merz hat die Realitäten im Nahen Osten damit klar der Welt vor Augen gesetzt. Wir können nicht so tun, als ginge uns das Israel- Iran Problem nichts an. Es wäre besser den Blick auf die Eskalationen im nahen Osten zu werfen, als über ein Wort“ Drec….,eit, was angeblich ein Kanzler nicht sagen sollte. Selbsterkenntnis wäre ein guter Weg zur Erkenntnis, dass es im Volk genügende negative Vorbilder gibt die mit“ absurden Ausdrücken eine Schärfe vorlegen, die nicht angebracht und gewünscht sind. Rufe hier im Forum "Friedrich Merz muss zurücktreten", was für ein stupider Wunsch.

  • 18 Gerald Kirchner 19.06.2025, 11:32 Uhr

    Friedrich Merz muss zurücktreten. Es ist und war stets Teil der Kontinuität deutscher Außenpolitik sich für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Dies bleibt unabänderlicher Bestandteil deutscher Aussenpolitik vor dem Hintergrund der Deutschen Geschichte. Krieg ist immer eine Tragödie und das Ergebnis diplomatischen und politischem Versagens, wie wir es seit einigen Jahren in Deutschland erleben. Ich kann mich nur bei den betroffen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Religion entschuldigen. Die neue Regierung enttäuscht genauso wie die bisherige.

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