Franz Müntefering 2021

Müntefering zu neuem CDU-Chef: "Merz macht einen Fehler"

Stand: 23.01.2022, 18:09 Uhr

Sauerländer und die große Politik: Der Arnsberger Friedrich Merz ist frisch gewählter CDU-Chef. Bei der SPD hatte lange der Sauerländer Franz Müntefering das Sagen. Wie denkt er über Merz? Ein Interview.

Zweimal war er Bundesvorsitzender der SPD, zuletzt 2008 bis 2009. Wie Friedrich Merz kommt er aus dem Sauerland, genauer: aus Sundern, Nachbarstadt von Arnsberg. Was kann Franz Müntefering - von Sauerländer zu Sauerländer - dem neuen CDU-Chef mit auf den Weg geben?

Franz Müntefering: Ich sage erstens natürlich mal Gratulation, aber corona-gemäß mit kleinem Faustschlag, das ist, glaube ich, angemessen. Was kann ich ihm mitgeben? Ich glaube, dass er da einen Fehler macht, dass er eigentlich kein Parteivorsitzender ist, sondern dass er eigentlich in seiner ganzen Mentalität ein Regierender ist.

WDR: Wie genau meinen Sie das?

Müntefering: Er will Bundeskanzler werden. Und wenn man sich da die Perspektive anguckt, 2025 ist die Aussicht minimal, und dann 2029, 2033, dann kann man vielleicht darüber reden. Aber dann ist er weit über 70 Jahre. Und der Zahn der Zeit zernagt halt auch einen Kapitalisten, und der Zahn der Zeit wird auch an Merz nagen.

WDR: Jetzt ist er gewählt worden zum CDU-Vorsitzenden – mit einem super Ergebnis. Ist das nichts?

Müntefering: Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich Spaß hat an Parteivorsitz, an den Ortsvereinen und an dem Kleinkram der Partei. Aber da wird er zunächst reingezogen werden. Und es ist die Frage, ob die CDU klug beraten ist, dass sie sich so an sein Schicksal knüpft, an sein persönliches, aber das ist deren Sache.

Merz hat 2008 ein Buch herausgebracht "Mehr Kapitalismus wagen". Das ist natürlich alles nicht vergessen. Merz lebt in einer Welt, in der das Ökonomische das Dominierende ist und er will von dort aus alle Probleme lösen. Aber die lassen sich so nicht alle lösen.

WDR: Ihr Bonmot „Opposition ist Mist. Lass das mal die anderen machen“: Gilt das jetzt auch für Merz?

Müntefering: Ja, das ist richtig. Die Opposition muss versuchen, in aller Breite die Dinge anzugreifen und ein besseres Konzept auf den Tisch zu legen. Aber da genau zweifele ich daran, dass er der richtige Mann dafür ist. Fast alle die großen Bereiche, die in der Union immer ganz wichtig waren, der ganze soziale Bereich, für den die SPD steht, oder auch der Bereich Erhaltung der Umwelt, wo die Grünen heute für stehen, oder eben auch die Wirtschaftspolitik, wo die FDP für steht - all die Dinge sind in der Bundesregierung drin. Menschen, die diese Dinge suchen, die können die wählen, die heute in Berlin regieren. Ich sehe nicht, wie ein Mann wie Merz das eigentlich interessant verändern kann und der CDU neue Chancen erarbeiten kann.

WDR: Hatten sie mit Vorurteilen zu kämpfen, weil sie aus dem Sauerland kommen? Vom Land sozusagen? Muss Friedrich Merz sich in Berlin auch darauf einstellen?

Müntefering: Ich meine, da ist Herr Merz ein bisschen so, wie ich mir das auch selbst zutraue. Das kann uns nicht erschüttern. Das ist das Problem der anderen, wenn die glauben, das sei etwas Negatives. Sauerländer sein ist schon gut. Da mache ich auch keine Abstriche dabei. Was er damals schwer falsch gemacht hat, war, als er sich weigerte, die Nebeneinkünfte zu veröffentlichen und vorm Bundesverfassungsgericht gescheitert ist. Das sind alles Geschichten, die jetzt wieder auf den Tisch kommen. Das macht ein Sauerländer nicht. Das hat er aber gemacht und deshalb wird das für ihn eine ganz schwere Tour werden.

Das Interview führte Heinz Krischer.

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