"Unsichtbar und schutzlos": Mehr Wohnungslose

Eine Person sitzt in einer Tagesstätte für Obdach- und Wohnungslose am Tisch, an ihrem Bein lehnt ein Schlafsack.

"Unsichtbar und schutzlos": Mehr Wohnungslose

Von Jörn Seidel

Nur wenige von ihnen sind obdachlos. Trotzdem sind sie ohne eigenes Zuhause. In Nordrhein-Westfalen wurden zuletzt 2.000 mehr Wohnungslose als im Vorjahr gezählt. Vor allem in großen Städten sind es viele.

Sie schlafen nur selten auf der Straße, haben aber trotzdem keine eigenen vier Wände. Sie wohnen bei Bekannten oder auch in Obdachlosenunterkünften. Und es werden mehr. Die Zahl der Wohnungslosen in Nordrhein-Westfalen ist innerhalb eines Jahres um rund 2.000 Menschen auf 47.000 angestiegen.

Neue Wohnungslosenstatistik für NRW

Das geht aus der jährlichen Wohnungslosenstatistik hervor, die das Landessozialministerium am Montag veröffentlichte. Gezählt wurde zuletzt am Stichtag 30. Juni 2019.

Spitzenreiter: Köln und Düsseldorf

Besonders viele Wohnungslose gibt es in den großen Städten. Spitzenreiter ist Köln mit 6.200 Betroffenen, gefolgt von Düsseldorf mit 4.400. Viele weitere Wohnungslose leben in Dortmund, Bonn, Essen oder auch Münster.

Dass vor allem große Städte betroffen sind, ist laut NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) einerseits auf den dortigen angespannten Wohnungsmarkt zurückzuführen, andererseits aber auch auf das vielseitigere Angebot von Hilfseinrichtungen und Unterkunftsmöglichkeiten.

Sozialminister Laumann: "Unsichtbar und schutzlos"

"Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen, denn Menschen ohne Wohnung sind häufig unsichtbar und schutzlos", sagte Laumann. Er verwies darauf, dass die Landesregierung die Mittel zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit in den vergangenen drei Jahren versiebenfacht habe.

Opposition: "Schlimme Entwicklungen"

Der oppositionellen SPD-Landtagsfraktion geht das nicht weit genug. Sie sprach von "schlimmen Entwicklungen" und forderte mehr Landesprogramme und eine flächendeckende Beratung für Betroffene.

Dass es mehr Wohnungslose gebe, liege vor allem an der zunehmenden Armut und dem Wohnraummangel in Ballungsgebieten, erklärten die stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Lisa-Kristin Kapteinat und Jochen Ott.

Viele Obdachlose nicht erfasst

Obdachlose, die sich nicht an die Kommunen oder freien Träger der Wohnungslosenhilfe wenden, werden laut Laumann nicht erfasst. Sein Ministerium prüfe derzeit, wie auch diese flächendeckend gezählt werden könnten. Denn die Kommunen sind verpflichtet, Wohnungslose unterzubringen.

Bemerkenswert: Mehr als zwei Drittel der erfassten Wohnungslosen sind männlich. Fast ein Drittel ist minderjährig und dann meistens bei den wohnungslosen Eltern untergebracht.

Fast die Hälfte ist nicht deutsch

Die Zahl der Wohnungslosen in NRW steigt seit 2011 kontinuierlich an. Damals waren es noch rund 16.000 Menschen. Einen großen Anteil an der Steigerung haben laut Laumann auch die vielen Asylbewerber mit Flüchtlingsstatus. Knapp die Hälfte der jüngst erfassten Wohnungslosen hat keine deutsche Staatsangehörigkeit.

Stand: 10.08.2020, 20:19

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