30 Jahre Mauerfall: Schluss mit Besser-Wessi und Jammer-Ossi

Mauerfall Brandenburger Jubel

30 Jahre Mauerfall: Schluss mit Besser-Wessi und Jammer-Ossi

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, die DDR-Grenze war offen. Welche Fehler wurden gemacht? Was ist heute nötig, um die Kluft zu überwinden? Fragen an den Historiker Marcus Böick.

WDR: Sie sind 1983 in Aschersleben in Sachsen-Anhalt geboren. Können Sie sich an den 9. November 1989 erinnern?

Marcus Böick: Ich weiß noch, dass wir am Tag des Mauerfalls sogar in Berlin waren. Wir haben meinen Opa von einer Kur in Jugoslawien abgeholt. Aber bevor sich alles rumgesprochen hatte, sind wir mit dem Zug zurück nach Hause gefahren.

Wir waren wohl die einzige Familie, die an diesem Tag aus Berlin weggefahren ist. Zuhause haben wir uns am Bahnhof gewundert, warum keine Taxis mehr da waren. Die waren alle nach Westdeutschland unterwegs.

Marcus Böick

Der Historiker Marcus Böick ist Akademischer Rat an der Ruhr-Universität Bochum.

Er wurde 1983 in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) geboren und studierte von 2004 bis 2009 Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie in Bochum.

2018 erschien sein Buch: "Die Treuhand: Idee - Praxis - Erfahrung 1990 - 1994".

WDR: Ihr Studium hat Sie nach Bochum geführt. Als Historiker haben Sie über die Treuhand geforscht. Ist sie zurecht bis heute umstritten?

Böick: Die Treuhandanstalt ist für viele immer noch ein Symbol, das negativ besetzt ist. Viele Ostdeutsche verbinden damit vielfältige Ernüchterungen und Herabsetzungen ihrer Lebens- und Arbeitsleistung. Das funktioniert wie eine Art Bad Bank, in die man das Negative hinverlagert. Es ist ein negativer Mythos. Die eigentliche Geschichte der Treuhand muss man differenziert sehen: Es gab Licht und Schatten, spektakuläre Fehlschläge genauso wie bemerkenswerte Erfolge.

WDR: Mythen eignen sich wunderbar für Wahlkämpfe. AfD und Linke schlagen politisches Kapital daraus.

Böick: Die Linke hat schon 1990, damals noch als PDS, gegen die Treuhand Wahlkampf gemacht. Damit hat die Linke die Rolle als Anwältin der ostdeutschen Interessen beansprucht.

Dass die AfD ihr das Thema jetzt streitig macht, sagt viel über deren Strategie aus: Sie baut die Treuhand ein in ihre generelle Erzählung von "denen da oben, die euch verraten haben".

Die Berliner Mauer - Bilder vor und nach der Öffnung

Der Fotograf Rolf Kißling hat die Berliner Mauer im Juni und November 1989 in ausdrucksstarken Bildern verewigt. Wir zeigen eine Auswahl.

Passanten vor der Berliner Mauer im Juni 1989

Die Berliner Mauer war DAS Symbol der deutsch-deutschen Teilung. Am 9. November 1989 öffnete sie sich endlich. Heute stehen nur noch museale Reste in Berlin. Rolf Kißling hat die Mauer vor und nach der Öffnung fotografiert - jeweils von der West-Berliner Seite aus.

Die Berliner Mauer war DAS Symbol der deutsch-deutschen Teilung. Am 9. November 1989 öffnete sie sich endlich. Heute stehen nur noch museale Reste in Berlin. Rolf Kißling hat die Mauer vor und nach der Öffnung fotografiert - jeweils von der West-Berliner Seite aus.

Was für ein symbolisches Bild: Mit der Leiter über die Mauer – das war die Sehnsucht insbesondere in der DDR. Doch diese Kletterhilfe reichte nur, um über die Mauer zu schauen, nicht, um sie zu überwinden.

Dieser verstohlene Blick auf die andere Seite zeigt DDR-Grenzsoldaten, die Pause machen.

In Westberlin konnten Bürger, Touristen und Graffiti-Künstler unmittelbar an die Mauer gehen, im Osten jedoch war ein sogenannter "Todesstreifen" zwischen Häusern und der Mauer. Wer ihn durchquerte, um in den Westen zu flüchten, lief Gefahr, von Grenzsoldaten erschossen zu werden.

Fast schon idyllisch wirkt diese Szene in Zehlendorf-Süd an der Berlepschstraße mit Blick auf Häuser in Kleinmachnow auf der Ost-Seite.

Die Mauer war die wohl längste Leinwand Berlins.

"Sauer macht lustig + Mauer macht frustig" – ein knapper Zweizeiler zur deutsch-deutschen Teilung.

Die Mauer war auch ein Ort von Demonstrationen, Kunstaktionen und Konzerten. Hier spielte im Juni 1989 ein evangelischer Posaunenchor anlässlich des Kirchentages in Berlin. Die Töne beschallten so den Potsdamer Platz jenseits der Grenze.

Diese britische Militärkapelle konnte nur wenige Monate später, im November 1989, die Maueröffnung feiern.

"Mauerspechte" wurden diejenigen genannt, die nach der Maueröffnung mit Hämmern das verhasste Bauwerk einzureißen versuchten. Hier ist ein englischer Specht am Werk und bricht Stücke aus der Mauer am Potsdamer Platz.

Ungläubig staunten Berliner aus Ost und West, dass sie die einstmals so scharf bewachte Grenze mit ihrem Todesstreifen passieren konnten.

Typisch Westen: Findige Verkäufer versilberten mit Souvenirs das historische Ereignis. T-Shirts gehörten ebenso dazu wie Steinbröckchen, die wirklich oder angeblich von der Mauer stammten.

Eine fast schon gespenstische Ruhe in dem Maueröffnungstrubel des Novembers 1989 strahlt dieses Bild aus: DDR-Grenzsoldaten am Potsdamer Platz. Was mag in den Köpfen der beiden vorgehen?

"Charlie’s retired 10. Nov. 1989" steht an der Mauer am Checkpoint Charlie, dem Grenzübergang zwischen dem sowjetischen und US-amerikanischen Sektor. Charlie konnte nach der Grenzöffnung in Rente gehen.

"Berlin wird krenzenlos" jubelt ein Graffito. Egon Krenz war im November 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR - und trat nach massiven Protesten am 3. Dezember 1989 zurück. Einer von vielen Schritten hin zur Einheit, die offiziell ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, vollzogen wurde.

WDR: Anfang der 1990er gab es eine Goldgräber-Stimmung für Investoren aus dem Westen – und Massenarbeitslosigkeit im Osten. Hat die neue Marktwirtschaft da gleich ihr Raubtier-Gesicht gezeigt?

Böick: In der Wahrnehmung der Ostdeutschen auf jeden Fall. Das schien die SED-Propaganda vom bösen Kapitalismus zu bestätigen. Die wirtschaftlichen Umstände waren damals aber auch sehr dramatisch. Und da waren die Ostdeutschen auch nicht unbeteiligt: Sie haben sich nach dem westlichen Wohlstands- und Wirtschaftsmodell gesehnt, nach der D-Mark vor allem.

Und bei der Volkskammer-Wahl im März 1990 haben sie darauf vertraut, dass sehr bald blühende Landschaften kommen. Obwohl es genug Warnungen gab, dass die Währungsunion gravierende wirtschaftliche Konsequenzen für die vielen ohnehin angeschlagenen Betriebe haben wird. Diese Mixtur aus Planwirtschaft und Schocktherapie hatte eine dramatische Abwärtsspirale zur Folge. Die Treuhandmanager haben dieses Chaos verwaltet, aber auch beschleunigt durch das hohe Privatisierungstempo.

Stand: 09.11.2019, 06:00

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