60 Jahre Mauerbau: Flucht mit dem Postlaster in den Westen

60 Jahre Mauerbau: Flucht mit dem Postlaster in den Westen

Von Katja Goebel

Am 13. August 1961 beginnt die DDR mit dem Mauerbau. Viele Menschen flüchten ab da noch in den Westen. Einer von ihnen ist der damals 20-jährige Wolfgang Apel. Fast wäre die Flucht an wenigen Zentimetern gescheitert.

Diese Flucht war nicht geplant. Wolfgang Apel ist 20 Jahre alt, als er sich im Sommer 1961 in Berlin an der Universität einschreibt. Er will Tierarzt werden, kommt aus einem Dorf in Thüringen und ist mit der Grenze groß geworden.

Schicksalhafte Begegnung

Doch ein paar Wochen zuvor ist etwas passiert. Ein Umstand, der am Ende nicht der alleinige Grund für die Flucht ist, aber den 20-Jährigen vielleicht abenteuerlustiger macht, als er eigentlich ist. Wolfgang Apel hat sich auf einem Fest im Nachbardorf verliebt. In Margret, eine junge Frau aus dem Westen. Sie ist aus dem Ruhrgebiet zu Besuch und das Glück hält zunächst nur zwei Wochen. Dann muss Margret wieder abreisen. Es ist Juli.

Berliner Mauer: "Wir brauchen materielle Stolpersteine"

WDR 5 Morgenecho - Interview 13.08.2021 06:43 Min. Verfügbar bis 13.08.2022 WDR 5


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Am 13. August 1961 beginnt die DDR mit dem Mauerbau in Berlin. Eine Mauer ist es da noch nicht, aber ein hoher Maschendraht zwischen massiven Stahlpfosten markiert jetzt die deutsche Teilung. Panzer fahren auf, Wachposten beziehen Stellung.

Flucht-Plan auf dem Bierdeckel

Uniformierte Männer nehmen einem Maschendrahtzaun

Volkspolizisten an der DDR-Grenze in Berlin

Dann kommt der 17. September. Es ist Tag der Volkskammerwahl in der DDR. In Ostberlin gibt es einige Wahllokale direkt an der Grenze. In eines dieser Lokale will Wolfgang Apel am Mittag mit zwei Freunden. Ungewöhnlich viele Menschen sind an diesem Tag nahe der Grenze unterwegs, die Volkspolizisten kontrollieren nicht so streng wie sonst. Da kommt den drei Freunden spontan eine Idee: "Wie wäre es, wenn wir in den Westen abhauen - heute noch?"

Ein Stück Zaun wird ausgespäht, ein alter Postlaster als Fluchtfahrzeug organisiert, "Wir haben den Fluchtplan in einer Gaststätte noch auf einen Bierdeckel gezeichnet und ihn dann sogar noch liegen lassen", erinnert sich Wolfgang Apel. Als sie wenig später am Zaun ankommen, stehen dort Westdeutsche und winken in den Osten. Hier können sie nicht durchfahren. Scheitert das Vorhaben?

Ein paar Zentimeter bis zum Westen

Der Fahrer entscheidet in Sekunden, reißt das Steuer herum und hält auf eine Hauswand auf der anderen Seite des Zaunes zu, rammt einen Pfosten, fährt über den Maschendraht und kommt in einem offenen Hauseingang zum Stehen - die Wagenfront parkt im Westen, aber die Hinterreifen stehen noch im Osten. Schüsse fallen, die Freunde fliehen, Wolfgang Apel klettert aus dem Beifahrerfenster, stürzt das Treppenhaus hoch und landet in den Armen eines Hausbewohners: "Bin ich wirklich im Westen?" keucht er. Ja, ist er.

Suche nach Margret

Wolfgang und Margret Apel

Wolfgang und Margret Apel 1961

Später wird er von den Amerikanern verhört, als Flüchtling nach Frankfurt ausgeflogen und macht sich nach Wochen schließlich auf den Weg ins Ruhrgebiet, auf die Suche nach Margret. Die lebt in Herbede und wird am Ende seine Frau. Und das ist sie bis heute. Die Schwiegereltern empfangen den Mann aus der Ostzone mit offenen Armen. Er darf bei ihnen wohnen. Sie besorgen ihm auch einen Job in der Henrichshütte in Hattingen.

Wenn Wolfgang Apel an die Zeit zurückdenkt, denkt er auch an übervolle Schaufenster und Lebensmittel im Überfluss. "Es hat einen ja richtig erschlagen. Bei uns hat man noch ein gekautes West-Kaugummi für 5 Pfennig weiter verkauft. Es gab kein Obst, keine Schokolade, keine Fahrräder und jetzt diese vollen Regale." Später wird Apel es mal Konsumterror nennen.

Seinen Eltern schreibt er zunächst nicht. Aus Angst, er könne sie damit in Gefahr bringen. Es soll 15 Jahre dauern, bis er sie wieder sieht. Sie besuchen sich später, aber mit viel Aufwand. "Dieses ganze Prozedere an der Grenze." Man habe immer irgendwie Angst gehabt, dass es nicht klappt. Vom Mauerfall erfährt Apel erst einen Tag später. "Es war eine große Erleichterung. Jetzt konnte man endlich wieder die Familie treffen, ohne eine Genehmigung zu beantragen."

"Es war leichtsinnig"

Wie schaut der heute 80-Jährige auf den 20-Jährigen von damals zurück? "Es war leichtsinnig", sagt Apel. "Diese Flucht haben wir uns ja nicht geplant. Wir hatten ja kaum Zeit zu überlegen, was passiert, wenn was passiert. So mutig bin ich in meinem ganzen Leben nicht mehr gewesen."

60 Jahre Mauerbau: Fluchthelfer Burkhart Veigel phoenix vor ort 12.08.2021 04:31 Min. Verfügbar bis 12.08.2026 Phoenix

Stand: 13.08.2021, 20:24

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