Festgesetzter Seenotretter: "Es war unerträglich"

Flüchtlingshelfer Martin Kolek aus Delbrück auf der Seawatch.

Festgesetzter Seenotretter: "Es war unerträglich"

  • Martin Kolek gehörte zur Crew der festgesetzten Seawatch
  • Verzweiflung im Hafen von Valetta
  • Rückkehr nach Delbrück
Kommentare (12)

Zur Diskussion über die Arbeit der Seenotretter

Martin Kolek war zum zweiten Mal als Helfer auf dem internationalen Rettungsschiff Seawatch. Doch während er beim ersten Mal noch mehrere Flüchtlinge aus dem Meer retten konnte, verwehrten diesmal die maltesischen Behörden die Ausfahrt. Im Interview beschreibt der 51-jährige Psychotherapeut aus Delbrück, was sich während seiner zwei Wochen vor Ort abspielte.

WDR.de: Wie belastend war es für Sie, nicht helfen zu können?

Flüchtlingshelfer Martin Kolek aus Delbrück auf der Seawatch.

Kolek: Ich war der festen Überzeugung, dass es eine Ausfahrgenehmigung zeitnah geben wird. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass geltendes Seerecht und Seevölkerrecht und die Humanität außer Kraft gesetzt werden. Wir haben parallel die Nachricht erhalten, dass mehrere hundert Menschen ertrunken sind. Währenddessen hingen wir im Hafen fest. Das war etwas Unerträgliches.

Wir hatten den Einsatz ein Jahr lang vorbereitet. Als feststand, dass wir nicht mehr rausfahren, entstand ein Vakuum, eine Leere, Sprachlosigkeit und eine tiefe Frustration.

WDR.de: Wie war die Arbeitsatmosphäre innerhalb der Crew?

Kolek: Es war eine internationale Crew mit 22 Personen aus Spanien, England, Kanada, Italien, Frankreich und Deutschland. Die Stimmung war konstruktiv und angespannt. Es war eine ganz intensive Arbeitsatmosphäre. 

Über politische Ansichten wurde überhaupt nicht diskutiert. Wir waren da, um rauszufahren. Und wir waren bereit Lösungen zu erfinden für Probleme, die wir nicht absehen können. 

WDR.de: Was passiert jetzt mit den Flüchtlingsbooten auf dem Meer?

Luftaufnahme eine Flüchtlingsboots im Mittelmeer

Flüchtlingsboot im Mittelmeer

Kolek: Es gibt noch Schiffe der italienischen Marine, die patrouillieren. Aber selbst ihnen wurde verboten, Flüchtlinge aufzunehmen. Und die Flüchtlingsboote legen in Libyen weiter ab. Ob da jemand in der Notlage hilft oder nicht, spielt für die Schlepper und die Fliehenden keine Rolle.

Die Flüchtlinge gehen alle unter oder werden von der sogenannten libyschen Küstenwache aufgebracht. Sie versinken im Chaos ohne Zeugen oder geraten zurück in die KZ-ähnlichen Lager in Libyen oder bringen sich auf See um, um nicht wieder zurück zu müssen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Gummiboot jemals Malta erreicht hat.

WDR.de:  Möchten Sie einen neuen Anlauf starten?

Kolek: Wir haben natürlich Kontakt und hoffen, dass Seerecht und Humanitätsrecht letztendlich durchgesetzt werden. Wenn Bedarf da ist, würde ich schauen, ob ich einen Einsatz auf der Seawatch einrichten kann. Mein Jahresurlaub ist jetzt aber aufgebraucht. Auf die Schnelle geht es leider nicht.

Das Interview führte Fabian Wahl.

Lifeline und Co. - Lebensretter oder Fluchthelfer?

WDR 5 Tagesgespräch | 04.07.2018 | 45:07 Min.

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Stand: 19.07.2018, 06:30

Kommentare zum Thema

12 Kommentare

  • 12 Günter 19.07.2018, 17:56 Uhr

    „Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass geltendes Seerecht und Seevölkerrecht und die Humanität außer Kraft gesetzt werden. Wir haben parallel die Nachricht erhalten, dass mehrere hundert Menschen ertrunken sind. Währenddessen hingen wir im Hafen fest. Das war etwas Unerträgliches.“ Ich glaube in Europa läuft einiges schief. Da hat es ja wohl eine verrohung gegeben in der Politik und bei den Bürgern. Es ist anscheinend für vielen egal wie viel Tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Hauptsache sie kommen nicht nach Europa.

    Antworten (1)
    • Adrian Ritter 19.07.2018, 19:55 Uhr

      Für das Ertrinken im Meer, sind die Bürger in Europa nicht verantwortlich. Keiner zwingt diese Leute in die Boote zu gehen, daß machen die freiwillig, weil sie glauben, Europa wäre ein Paradies wo Milch und Honig fließen.

  • 10 Seefuchs 19.07.2018, 15:37 Uhr

    Eine Seenotrettung wäre gar nicht notwendig, wenn die Schlepper nicht mit den NGO's gemeinsame Sache machen würden. Wenn Migranten wüßten, dass keine Rettung aus den Holz-/Gummibooten erfolgt, würde sie diese lebensgefährliche Reise über das Meer wohl nicht riskieren. Denn ertrinken wollen sie gewiss nicht. Das sollten Gutmenschen in ihrer unendlichen Selbstbeweihräucherung einmal bedenken.

    Antworten (1)
    • Eulenspiegel 19.07.2018, 18:04 Uhr

      Hallo Seefuchs „Eine Seenotrettung wäre gar nicht notwendig, wenn die Schlepper nicht mit den NGO's gemeinsame Sache machen würden.“ Können sie diese Behauptung vielleicht differenziert belegen oder ist das nur eine Fantasiedarstellung von ihnen.

  • 9 Günter 19.07.2018, 15:26 Uhr

    Hallo hoe'oe , geschrieben am 19.07.2018, 14:23 Uhr „Und auch die würden vielleicht noch leben, wenn der Weg über's Meer dicht wäre, denn sie würden sich erst gar nicht auf die Reise machen.“ Wie kommen sie auf diese Vermutung? Diese Menschen hatten sich auf den Weg gemach obwohl sie wussten das ihre Chance lebend in Europa sehr gering war. Und auf Grund dessen kamen erst diese ehrenamtlichen Seenotretter. Warum klammern sie die Realität an der Stelle einfach aus? Welche Bedeutung hat für sie ein Menschenleben. Das Leben eines Flüchtling jedenfalls nicht sehr viel.

  • 8 Berni 19.07.2018, 15:03 Uhr

    Man sollte die EU und vor allem die CSU verklagen wegen unterlassener Hilfeleistung.

    Antworten (1)
    • Seefuchs 19.07.2018, 15:39 Uhr

      Selten so einen Quatsch gelesen.

  • 6 Martin Kraft 19.07.2018, 13:23 Uhr

    Ich verstehe, dass viele Menschen Vorbehalte gegen Migration haben. Und viele der Betroffenen keine Flüchtlinge, sondern Migranten sind, die ihre Chance auf Aufenthalt oder das Risiko der Reise falsch einschätzen. Trotzdem darf das nicht dazu führen, Menschen ertrinken zu lassen. Europa muss bessere Lösungen finden.

    Antworten (1)
    • hoe'oe 19.07.2018, 14:23 Uhr

      Es ertrinken nicht nur tausende, ebensoviele sterben auf dem Weg an die Küste. Um die kümmert sich niemand. Die sieht niemand. Die sind nicht öffentlichkeitswirksam. Und auch die würden vielleicht noch leben, wenn der Weg über's Meer dicht wäre, denn sie würden sich erst gar nicht auf die Reise machen.

  • 5 Günter 19.07.2018, 13:21 Uhr

    Ich denke man muss ein mal die chronologische Reihenfolge betrachten. Zuerst sind die Leute übers Meer geflüchtet und die Meisten ertranken. Ein Teil konnte sich auf Lampedusa oder andere Inseln retten. Dann kamen die ehrenamtlichen Seenotretter und der größte Teil wurde gerettet. Und jetzt sollen diese ehrenamtlichen Seenotretter schuld daran sein das die Leute versuchen übers Meer zu Flüchten. Ich denke die Ursache das diese Menschen versuchen übers Meer zu flüchten ist ihre Notlage so das für sie das wahrscheinliche Ertrinken im Meer mit einer geringen Chance nach Europa zu gelangen eben die bessere Alternative ist. Ich habe die neusten Zahlen nicht da aber ich denke das allein in diesem Jahr schon bald 2000 ertrunkene Flüchtlinge aus dem Meer gefischt wurden.

  • 4 hoe'oe 19.07.2018, 12:39 Uhr

    "ch kann mich nicht erinnern, dass ein Gummiboot jemals Malta erreicht hat."; Dieser Satz ist für mich entlarvend: Ohne Lifeline & Co. würden die Migranten das Risiko gar nicht erst eingehen, entweder eine andere, ungefährlichere Route versuchen oder resignieren. Es tut mir leid, das so hart sagen zu müssen, aber meiner Meinung nach haben die "Rettungsaktionen" erheblich zum Tode tausender Migranten beigetragen, weil sie denen die trügerische Hoffnung auf Gelingen der Migration geben. Gut gemeint, aber mit fürchterlichen Folgen für die, die vergebens hofften, von einem solchen Schiff aufgenommen zu werden. Wenn man wirklich helfen will (auch als NGO!), dann muß man das auf afrikanischem Festland tun. Oder noch besser bereits in den Heimatländern der Migranten, denn weitere tausende sind auf dem Weg durch die Sahara umgekommen.

  • 3 Hans 19.07.2018, 12:30 Uhr

    Ich weiss auch nicht, warum diese selbsternannten "Seenotretter" nicht verstehen, das sie das Geschäft der Schlepper und Schleusser erst ermöglichen bzw. fördern.

  • 2 Julia 19.07.2018, 12:28 Uhr

    Skandalös, dass Menschen in Not nicht geholfen werden darf!! JEDER Politiker in der EU sollte sich einmal in die Situation eines Fliehenden auf offener See hinein versetzen. Das ist unmenschlich.

  • 1 Klarsteller 19.07.2018, 11:42 Uhr

    Als Seenotretter bezeichnet man doch die Leute von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, auch seit ewign Zeiten als DGzSR genannt mit Sitz in Bremen. Das interview wurde aber mit jemanden geführt, die als helfer für NGO´s bezeichnet werden. B

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