Gesunde Ernährung ist in NRW für viele zu teuer

Helfer der Kölner Tafel mit Lebensmitteln

Gesunde Ernährung ist in NRW für viele zu teuer

Von Christina Höwelhans

Weltweit nehmen Hungersnöte zu, berichtet die Welthungerhilfe in ihrem Jahresbericht. In NRW sind wir davon weit entfernt. Aber viele Menschen müssen beim Einkauf aufs Geld schauen und können sich nicht vollwertig ernähren. Experten fordern mehr Unterstützung vom Staat.  

Peter Vorsteher beobachtet einen steigenden Bedarf: Früher sei die Schlange an der Wuppertaler Tafel bis Mitte des Monats kürzer gewesen. Das Geld sei bei den Menschen erst zum Ende des Monats knapp geworden, so der Tafel-Vorsitzende. Das habe sich seit der Corona-Pandemie geändert.

Die erhöhten Preise für Lebensmittel sind für Vorsteher ein Grund. Er befürchtet, dass die Menschen durch die hohen Preise für Strom und Heizen bald noch mehr Lebensmittelspenden brauchen: Nämlich dann, "wenn die ersten Rechnungen kommen".

Wieder größerer Andrang bei den Tafeln

In Essen ist die Lage anders: Jörg Sartor, Vorsitzender der Tafel, spricht von "deutlich weniger Kunden" seit Corona. Er erklärt sich das dadurch, dass viele Menschen immer noch vorsichtig seien und Gedränge meiden wollten.

Monika Bartsch, Vorsitzende der Tafel in Mönchengladbach, hat auch beobachtet, dass wegen Corona "etliche Kunden nicht gekommen sind". Das ändere sich aber gerade wieder.

Rente und Hartz IV reichen oft nicht

Es gibt unterschiedlichste Gründe, warum Menschen zur Tafel gehen: Einigen reicht ihre schmale Rente nicht, andere beziehen Hartz IV und müssen dabei auf jeden Cent achten.

5,09 Euro täglich sind im Hartz-IV-Satz für Lebensmittel vorgesehen – für Erwachsene. Für Kinder bis 5 Jahre sind es 3,05 Euro. Zwar wird der Regelsatz im Januar erhöht – um drei Euro auf 449 Euro für alleinstehende Erwachsene.

Obst und Gemüse werden zum Luxusgut

Das reiche aber nicht, kritisieren Expertinnen. So sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, kürzlich dem Berliner Tagesspiegel, Obst und Gemüse könnten für Menschen in der Grundsicherung "endgültig zum Luxusgut" werden.

Helferin bei der Tagel mit Lebensmittelkorb

Sie spielte darauf an, dass gesunde Lebensmittel zuletzt deutlich teurer geworden sind: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Preise für Obst im August im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,5 Prozent und für Gemüse sogar um 9 Prozent gestiegen. Molkereiprodukte und Eier kosteten 5 Prozent mehr.

Forderungen nach preiswerteren gesunden Lebensmitteln

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten fordern deshalb, dass gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer befreit werden. Auf ungesunde und besonders zuckerhaltige Produkte solle dagegen ein höherer Steuersatz von 29 Prozent veranschlagt werden. Davon würden einkommensschwache Familien profitieren, sagte DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer.

Die Ernährungswissenschaftlerin Juliane Yildiz hat sich in ihrer Doktorarbeit mit der Ernährungsarmut in Deutschland beschäftigt. Sie sagt, dass Menschen in unteren Einkommensgruppen grundsätzlich mehr Geld für Lebensmittel bräuchten.

In Gesprächen, die sie mit diesen Menschen geführt habe, sei klar geworden, dass sie sich gerne anders ernähren würden: "Sie würden gerne mehr frisches Obst und Gemüse oder qualitativ hochwertiges Fleisch kaufen", sagte Yildiz im Interview mit WDR 5.

Gesundes Essen für alle

WDR 5 Politikum - Gespräch 11.10.2021 05:58 Min. Verfügbar bis 11.10.2022 WDR 5


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Tafeln keine "Vollversorger"

Jörg Sartor von der Essener Tafel weist darauf hin, dass die Tafeln "keine Vollversorger" seien. Sie würden Lebensmittel verteilen, die andernfalls weggeworfen werden müssten, und könnten keine umfassende Ernährung der Bedürftigen sicherstellen.

Stand: 14.10.2021, 14:24

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