Ende der Luftbrücke: Afghanen und Flüchtlingshelfer in NRW in Sorge

Ende der Luftbrücke: Afghanen und Flüchtlingshelfer in NRW in Sorge

Die Evakuierungsflüge der Bundeswehr aus Kabul könnten am Wochenende enden. Afghanen und Flüchtlingshelfer in NRW sorgen sich - wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

"Das ist eine Katastrophe", sagt Sejfuddin Dizdarevic vom Kreis der Düsseldorfer Muslime. Das drohende Ende der Evakuierungsflüge aus Afghanistan würde Menschenleben gefährden. In der afghanischen Hauptstadt Kabul halten sich nach Angaben des Auswärtigen Amts noch mehr als 200 deutsche Staatsbürger auf.

Tausende Schutzbedürftige in Kabul

Die Zahl liege höher als noch am Vortag, "weil sich weiterhin Menschen bei uns melden", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am Mittwoch in Berlin. Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass sich in Kabul insgesamt noch eine "hohe vierstellige oder niedrige fünfstellige Zahl" schutzbedürftiger Menschen befindet, die grundsätzlich für eine Evakuierung in Frage kämen.

Düsseldorfer sitzt am Flughafen Kabul fest

Konkret versucht Dizdarevic zum Beispiel gerade einen Düsseldorfer aus Kabul zu holen. Der gebürtige Afghane war dort wegen eines Behördenganges und sitzt nun am Flughafen fest.

Ali Nahavandi kennt den Fall aus Düsseldorf. Er engagiert sich als gebürtiger Iraner für Flüchtlinge. Das abzusehende Ende der Luftbrücke macht ihn "traurig und empört", sagt er: "Die Leute werden im Stich gelassen."

Afghanin versteckt sich im Keller

Das sieht auch Maryam Bakshi aus Wuppertal so. Auch sie versucht als Ehrenamtlerin der Diakonie, gefährdete Menschen aus Kabul zu holen – in der Regel Ortskräfte, zum Beispiel der Unicef. "Ich habe Kontakt zu einer Frau, die sich in Afghanistan im Keller versteckt", sagt Bakshi. Sie hofft, dass die Evakuierungsflüge doch noch länger stattfinden werden.

Auch privat macht sich Bakshi Gedanken. Ihre Cousine lebt in Kabul. Die Chancen, dass sie das Land verlassen kann, stehen schlecht.

Afghane aus Düsseldorf hofft auf Hilfe

Mehdi Khedri kam 2016 aus Afghanistan, heute betreibt er ein Restaurant in Düsseldorf. "Wir sind hier an einem sicheren Ort", betont er und hofft auf Hilfe für Afghanistan. "Sonst haben die Kinder dort keine Zukunft".

"Ich bin sprachlos", sagt Dawud Hosseini, gebürtiger Afghane in Düsseldorf und Politologe. Er kenne zwei Frauen, die nach dem Sieg der Taliban dort nicht mehr an der Universität dozieren dürften. Es entstehe eine Gesellschaft ohne Frauen. "Der Westen verlässt Afghanistan nicht, er flüchtet", so sein Vorwurf.

Schwieriger Kontakt nach Kabul

Sejfuddin Dizdarevic vom Kreis der Düsseldorfer Muslime hofft derweil weiter, den in Kabul gestrandeten Bekannten noch rausholen zu können. Momentan weiß er noch nicht einmal, ob der Mann dort schon weiß, dass die Evakuierungsflüge enden sollen.

Dizdarevic hat ihm zwar eine Nachricht auf das Smartphone geschickt, aber der Empfang in Kabul sei oft schlecht. Noch wurde die Nachricht nicht geöffnet.

Afghanin will mit zwei kleinen Kindern nach Berlin

In Kabul hat die Afghanin Aayla Rahimi (Name geändert) die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, mit ihren zwei Söhnen (6 und 8 Jahre alt) nach Deutschland zu ihrem Mann reisen zu können, der sich seit drei Monaten für eine Fortbildungsmaßnahme in Berlin aufhält.

Bis vor kurzem wollte Rahimi unbedingt in ihrem Heimatland bleiben, wo sie für die Düsseldorfer Organisation Nazo Deutschland e.V. unter anderem Bildungsprojekte für junge Frauen koordiniert. "In den letzten Jahren haben wir so viel für Frauen erreicht und ihnen geholfen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen", sagt die 45-Jährige, die sich wegen ihres Engagements nun vor den Taliban fürchtet und keine Perspektive mehr für sich und ihre Kinder in ihrer Heimat sieht.

Noch keine Antwort auf Ausreiseanträge

"Unsere Rechte und Freiheiten sind jetzt in den Händen von anderen. Wenn ich in dem Kleid, was ich gerade trage, vor die Tür gehe, würden sie mich verprügeln.“ Die Ausreiseanträge, die ihr Arbeitgeber bereits für sie gestellt hat, blieben bisher unbeantwortet.

Stand: 25.08.2021, 15:00

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