Fall Lügde: Ein strukturelles Problem?

Interview Bernd Liedtke - ehemaliger Polizeidirektor Hagen Aktuelle Stunde 27.02.2019 03:00 Min. Verfügbar bis 27.02.2020 WDR

Fall Lügde: Ein strukturelles Problem?

Von Frank Menke

  • Polizeiskandal in Lügde: Ist es ein strukturelles Problem?
  • BDK spricht von personellem Notstand
  • Kritik an zersplitterter Polizeistruktur

Ignorierte Hinweise auf den Hauptverdächtigen seit 2002, verschwundene Beweismittel, schwere handwerkliche Fehler: Die Liste der Vorwürfe gegen die Kreispolizeibehörde Lippe im Fall des massenhaften sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde wird immer länger. Entscheidende Frage: Haben einzelne Personen versagt, oder liegen dem Skandal strukturelle Defizite in den Behörden zugrunde?

Landrat auch Polizeichef

Eine seriöse Antwort darauf könne man jetzt nicht geben, sagte Michael Mertens, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), dem WDR am Mittwoch (27.02.2019). Erst müsse der Sachverhalt aufgeklärt werden.

Manche Sicherheitsexperten sehen ein Problem darin, dass kleinere Kreispolizeibehörden vom jeweiligen Landrat geführt werden. Ein Politiker ist also in Personalunion Polizeichef. Anders in Großstädten, dort gibt es einen Polizeipräsidenten.

Der Hagener Ex-Polizeidirektor Bernd Liedtke hält die Organisation der Polizei in NRW für "unzeitgemäß" und "intransparent". "Alle Landesregierungen haben versäumt oder es nicht hinbekommen, dass man kleine Landratsbehörden auflöst und daraus Polizeipräsidien macht", sagte er in der WDR-Sendung "Aktuelle Stunde". Er forderte eine "gründliche Polizeireform".

Im Fall Lügde mochte Liedtke nicht ausschließen, dass die vielen Ermittlungspannen nicht aus Schlamperei, sondern absichtlich passiert sind: "Wenn man die ganze Historie betrachtet, kommt mir diese Idee schon."

Fall Lügde: "Die Kriminalpolizei ist ausgeblutet"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.02.2019 05:32 Min. Verfügbar bis 22.02.2020 WDR 5

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SPD-Fraktionschef Kutschaty zu Ermittlungspannen

WDR 5 Westblick - Interview 27.02.2019 05:43 Min. Verfügbar bis 27.02.2020 WDR 5

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Zersplitterte Polizeistruktur

Der Grünen-Landtagsfraktion in NRW zeigt der Fall, dass kleine Polizeibehörden nicht ausreichend spezialisiert seien. Das sagte die innenpolitische Sprecherin Verena Schäffer. In keinem anderen Bundesland sei die Polizeistruktur so zersplittert wie in NRW mit 29 Landratsbehörden und 18 Polizeipräsidien.

Problem Personalmangel

GdP-Landeschef Mertens sieht eine Umstruktierung der Polizeibehörden jedoch kritisch. Sie koste auch personelle Kraft. Die habe man aber nicht, weil in den vergangenen 15 Jahren bei der NRW-Polizei rund 2.000 Stellen gestrichen worden seien. Unter einer Umstrukturierung würde die Strafverfolgung leiden.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Lippe-Detmold kritisiert schon lange den personellen "Notstand" der Lipper Kripo. Ihr ginge es "personaltechnisch schlechter denn je". Laut GdP gab es im Jahr 2000 bei der Kreispolizeibehörde Lippe 447 Polizisten, heute seien es nur noch 359. Nur 60 davon seien für die Kriminalitätsbekämpfung vorgesehen. "Das ist eindeutig zu wenig", bilanzierte Landeschef Mertens.

Versagen bei Missbrauchsfällen in Lügde

Stand: 27.02.2019, 20:05

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