Interview zu Lügde-Urteil: Justiz denkt noch analog

Interview zu Lügde-Urteil: Justiz denkt noch analog

  • Diskussionen um Bewährungsstrafe
  • Neue Sicht auf Strafrecht im digitalen Zeitalter
  • Julia von Weiler im Interview

Die Bewährungsstrafe für einen Mittäter im Missbrauchsskandal von Lügde sorgt für hitzige Diskussionen. Ignoriert das deutsche Strafrecht die Realitäten des Internet-Zeitalters? Fragen an die Psychologin Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger.

WDR: Frau von Weiler, da missbraucht jemand Kinder per Livestream und bekommt eine Bewährungsstrafe: Wie haben Sie darauf reagiert?

Julia von Weiler: Ich war relativ fassungslos. Und habe das Gefühl, dass das Strafgesetzbuch die digitale Tat immer noch nicht als eine Tat in ihrer gesamten Auswirkung begreift. Für mich ist die Anstiftung zu schwerem sexuellem Missbrauch genauso zu bewerten, als hätte er sich physisch-analog im selben Raum befunden wie die Täter und das Opfer.

WDR: Im Urteil wird aber betont, der Mann habe nie ein Kind selbst missbraucht. Ist das Strafrecht nicht in der digitalen Welt angekommen?

von Weiler: Nein. Ich denke, Richter tun sich schwer damit zu begreifen, dass die Auswirkungen auf das Opfer auch bei einer digitalen Täterschaft identisch zu bewerten sind. Der Täter hätte ja sogar die Möglichkeit gehabt, sich ganz leicht zurückzuziehen, indem er ausschaltet. Er hat sich entschieden, das nicht zu tun.

Fall Lügde: "Aufregung über Urteil unbegründet"

WDR 5 Morgenecho - Interview 19.07.2019 04:44 Min. Verfügbar bis 18.07.2020 WDR 5

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WDR: Denken Sie, das Urteil wäre anders ausgefallen, wenn er sich im Raum befunden hätte?

von Weiler: Das würde ich zumindest annehmen.

WDR: Müssen wir die digitale Welt und die mit ihr verbundene Gefahr für unsere Kinder anders begreifen?

von Weiler: Absolut. Die digitalen Medien haben das Phänomen der sexuellen Gewalt fundamental verändert. Heute ist so etwas wie ein Missbrauch per Livestream möglich, an dem man sich aktiv beteiligen kann. Und es ist außerdem möglich, diesen Missbrauch auch noch in der Welt zu verbreiten. Dieses Urteil sendet an die digitalen Täter das Signal: alles nicht so schlimm.

Das Interview führte Catherine Vogel, Aktuelle Stunde.

Das Gespräch wurde für die Online-Version sprachlich bearbeitet und gekürzt.

Stand: 19.07.2019, 11:46

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