Lügde-Untersuchungsausschuss befragt Jugendämter 

Kinderschutz: Aus Lügde nicht schnell genug gelernt? Westpol 10.05.2020 UT DGS Verfügbar bis 10.05.2021 WDR

Lügde-Untersuchungsausschuss befragt Jugendämter 

Von Arne Hell und Torsten Reschke

  • U-Ausschuss nimmt Arbeit nach Corona-Pause wieder auf
  • Warum gingen Jugendämter Hinweisen im Fall Lügde nicht konsequenter nach?
  • Jugendamtsmitarbeiterin schrieb fragwürdige Mail an Andreas V.

Im Fall Lügde werfen neue Dokumente und Schriftverkehr weitere Fragen zur Arbeit der Behörden auf. Damit beschäftigt sich von Montag (11.05.2020) an auch der Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag. Die Abgeordneten nehmen nach einer Corona-Pause wieder die Arbeit auf. In den nächsten Sitzungen wollen sie Mitarbeiter der Jugendämter und der Jugendhilfe als Zeugen befragen.

Jugendamt Hameln ahnungslos?

Besonders im Fokus: Das Jugendamt Hameln in Niedersachsen. Es war für die Pflegschaft des Mädchens zuständig, das bei Andreas V. auf dem Campingplatz gelebt hatte und von ihm jahrelang sexuell missbraucht worden war. Das Jugendamt will trotz mehrerer Hinweise keine Anzeichen für den Missbrauch erkannt haben und hatte sich dabei auf die Jugendhilfe-Mitarbeiterin vor Ort berufen. Nach WDR-Informationen findet sich in den Akten dazu eine kurze Telefonnotiz. Wie die Hinweise genau überprüft wurden, ist dort nicht festgehalten.

"Das Spektrum, das Sozialarbeit oder Sozialpädagogik erfassen kann, reicht hier auch gar nicht aus, um eine sehr verdeckte Vorgehensweise von Misshandlern wirklich richtig einzuordnen", sagt dazu Karl Materla, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst und lange Leiter in einem Großstadtjugendamt, "das geht nur, wenn wir in Kooperation mit anderen Fachkräften und mit anderen Behörden frühzeitig verbindlich zusammenarbeiten".

Landrat entschuldigte sich

Doch eine anstatt etwa eine spezialisierte Psychologin hinzuzuziehen, beruhigte das Jugendamt Hameln andere Behörden, etwa die Polizei oder das Jugendamt Lippe. Die Hinweise hätten sich nicht bestätigt. Das Jugendamt Hameln wollte auf Anfrage keine weiteren Angaben zu den Vorwürfen machen. Es verwies auf eine Pressekonferenz des damaligen Landrats im März 2019. Der hatte sich damals für die Fehler des Jugendamts entschuldigt und erklärt, das Amt habe die einzelnen Hinweise nicht in ihrer Gesamtheit betrachtet.

Die Lehren aus Lügde

WDR 5 Westblick - aktuell 23.04.2020 05:18 Min. Verfügbar bis 23.04.2021 WDR 5 Von Bettina Altenkamp

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Die Landtagsabgeordnete Josefine Paul wollen im Untersuchungsausschuss auch auf die Zusammenarbeit der Jugendämter mit der Jugendhilfe schauen: "Hat man sich zu sehr auf den Pflegevater konzentriert? In welcher Art und Weise ist das Kind gesehen und auch befragt worden?" Im Frühjahr 2018 hatte die Jugendhilfe-Mitarbeiterin, die regelmäßig auf dem Campingplatz war, in ihren Abschlussbericht an das Jugendamt Hameln geschrieben, das Pflegemädchen sei "massiv chronisch gefährdet", mit einer "Tendenz zur akuten Gefährdung".

Seltsame Korrespondenz

Nachdem Ende 2018 schließlich Ermittlungen gegen Andreas V. gestartet wurden, schrieb eine Mitarbeiterin des Jugendamtes ihm noch eine fragwürdige Mail, die dem WDR vorliegt. Das Pflegemädchen war gerade erst in Obhut genommen worden: "Ich habe sie ganz herzlich von Ihnen gegrüßt und sie hat sich gefreut. (…) Es tut mir total leid, dass es so gelaufen ist – ich werde mein Bestes tun, dass es für das Kind gut weitergeht." Das Jugendamt Hameln erklärte auf Anfrage dazu, das Arbeitsverhältnis mit der Mitarbeiterin sei beendet worden.

Der Fall Lügde ist juristisch abgeschlossen. Die beiden Männer, die jahrelang auf dem Campingplatz Kinder sexuell missbraucht hatten, sind im vergangenen Jahr zu langen Haftstrafen mit Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Die Ermittlungen gegen mehrere Mitarbeiter von Jugendämtern und der Polizei sind inzwischen eingestellt worden. Die Staatsanwaltschaft hält deren Verhalten nicht für strafbar, trotz der ganzen Fehler, die gemacht wurden.

Fall Lügde: Ermittlungen eingestellt

WDR 5 Westblick - aktuell 11.03.2020 04:35 Min. Verfügbar bis 11.03.2021 WDR 5 Von Thomas Wöstmann

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Stand: 11.05.2020, 16:41

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