Missbrauch in Lügde: Opfer verdienen eine Entschuldigung

Polizeiauto am mutmasslichen Tatort in Lügde

Missbrauch in Lügde: Opfer verdienen eine Entschuldigung

Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont hat in einer Pressekonferenz eine Vorverurteilung des Jugendamtes beklagt. Dabei wäre eine Entschuldigung angebracht gewesen, kommentiert Tim Belke. Alles andere sei der Opfer unwürdig.

Es ist beschämend, was die mindestens 29 Opfer und ihre Angehörigen zurzeit jeden Tag im Radio hören, im Fernsehen mit anschauen und in der Zeitung lesen müssen: Eine Behörde zeigt auf die andere. Keiner will Schuld daran sein, dass der Missbrauch auf einem Campingplatz nicht früher gestoppt wurde, obwohl es eindeutige Hinweise gab. Auch die extra einberufene Pressekonferenz des Landkreises Hameln-Pyrmont reihte sich gestern ein in die Unschuldsbeteuerungen der letzten Tage.

Missbrauch in Lügde: Opfer verdienen eine Entschuldigung

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 06.02.2019 02:30 Min. Verfügbar bis 05.02.2020 WDR 5 Von Tim Belke

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Die vielen Reporter im Raum hatten schon einen Moment die Luft angehalten, als Landrat Tjark Bartels ansetzte, er wolle eines vorab sagen. Eine Entschuldigung hatten viele erwartet. Ein Wort des Bedauerns, angesichts der im Nachhinein so offenkundigen Fehleinschätzungen und der fatalen Entscheidung seiner Mitarbeiter. Stattdessen sagte Bartels, er wolle sich "in Respekt vor den Opfern verneigen".

Später erklärte er, er habe ein stärkeres Wort gesucht als "Entschuldigung". Doch wer kann ernsthaft glauben, dass es in diesem Fall überhaupt ein stärkeres Wort geben könnte? Die mindestens 29 Opfer könnten auf eine respektvolle Verneigung vermutlich verzichten.

Es ist verständlich bei diesem schrecklichen Missbrauch, dass niemand eine Mitschuld haben will. Die betroffenen Mitarbeiter bei Jugendämtern und Polizei werden vermutlich kaum schlafen können. Ihr Gewissen wird ihnen keine Ruhe lassen. Es ist auch richtig, dass Landräte und Amtsleiter nicht vorverurteilen wollen. Dass sie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten, bevor sie eingestehen: Auch wir tragen eine Schuld.

Was ich aber nicht verstehe, ist, wie man eine solche Pressekonferenz mit anderen Worten beginnen kann, als: "Es tut uns unfassbar leid, welches Grauen diese 29 Kinder erleben mussten". Denn ob nun Einzelne Fehler gemacht haben, ob Strukturen an ihre Grenzen gestoßen sind, oder ob tatsächlich alle korrekt gehandelt haben: Es war eine fatale Fehlentscheidung, dem Mann, der mit einem Bekannten massenhaft Kinder vergewaltigt haben soll, eine Pflegetochter zu überlassen. Es war eine katastrophale Fehleinschätzung, zu glauben, dass es dem kleinen Mädchen guttue, bei ihrem mutmaßlichen Peiniger zu leben. Das kann einem Landrat oder einem Amtsleiter durchaus leidtun.

Das Schlimme ist: Den Beteiligten geht es offenbar weniger um die missbrauchten Kinder, sondern eher darum, ihr Gesicht zu wahren. Sie fürchten wohl, mit einem allzu ehrlichen "Es tut mir leid" Schuld einzugestehen. Das ist der Opfer unwürdig. Sie hätten Mitleid und eine Entschuldigung verdient.

Redaktion: Lisa Schöffel

Stand: 05.02.2019, 18:57

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