Loveparade-Prozess: Veranstalter Schaller redet seine Rolle klein

Loveparade-Prozess: Veranstalter Schaller redet seine Rolle klein

  • Loveparade-Prozess: Dritter Tag der Veranstalter-Aussage
  • Rainer Schaller von Verteidigung und Nebenklägern befragt
  • Schaller will Hinterbliebene weiter unterstützen

Zum dritten Mal in Folge hat beim Loveparade-Prozess der Veranstalter Rainer Schaller am Donnerstagmorgen (24.05.2018) als Zeuge ausgesagt. Er wurde gut eine Stunde lang von der Verteidigung befragt - und betont, wie wenig Kenntnis er von den organisatorischen Entscheidungen letztendlich hatte.

Mehrere Fragen zielten darauf ab, dass nicht die angeklagten Lopavent-Mitarbeiter, sondern Schaller selbst die Organisation der Loveparade geleitet und immer wieder Entscheidungen getroffen habe. Der Zeuge wies dies erneut zurück. Er habe da seinen Mitarbeitern vertraut, sagte Schaller.

Weiter Geld für Hinterbliebene

Auf Nachfrage von Opferanwalt Julius Reiter erklärte Schaller, dass er Hinterbliebene auch weiterhin finanziell unterstützen wolle.

Dann endete die dreitägige Befragung von Schaller - vorläufig. Möglicherweise wird der Zeuge nämlich zu einem späteren Zeitpunkt im Prozess erneut vorgeladen.

Schaller kann sich "nicht richtig" erinnern

Am zweiten Tag seiner Vernehmung im Loveparade-Prozess war Schaller am Mittwoch (23.05.2018) erneut oft vage geblieben. An ein Interview, in dem er zwei Tage nach dem Unglück den Umgang der Polizei mit den Schleusen zum Gelände kritisiert hatte, könne er sich "nicht richtig" erinnern. Alles, was er den Medien gesagt habe, habe er zuvor in seinem Team abgefragt.

Er wisse auch nicht mehr, was er auf einer Pressekonferenz einen Tag nach dem Unglück mit 21 Toten gesagt habe. Er wisse aber, "dass es furchtbar war".

Die wichtigsten Aussagen aus der Zeugenvernehmung

Rainer Schaller und Mika Schmidt im Landgericht Duisburg

Zu Beginn seiner Aussage am Dienstag (22.05.2018) bat Schaller die Nebenkläger in einem vorbereiteten Statement "aufrichtig" um Entschuldigung. Erneut betonte er seine "moralische Verantwortung" als Veranstalter. "Alles Leid, was Sie erleben mussten, ist auf meiner Veranstaltung passiert", sagte er.

Zu Beginn seiner Aussage am Dienstag (22.05.2018) bat Schaller die Nebenkläger in einem vorbereiteten Statement "aufrichtig" um Entschuldigung. Erneut betonte er seine "moralische Verantwortung" als Veranstalter. "Alles Leid, was Sie erleben mussten, ist auf meiner Veranstaltung passiert", sagte er.

Ohne die Loveparade 2010 in Duisburg wäre den Opfern und Angehörigen dieses Leid erspart geblieben, sagte Schaller. Der 49-Jährige bedankte sich bei den anwesenden Hinterbliebenen und Verletzten, dass sie ihm zugehört haben. Schaller sprach mit leiser Stimme und erklärte, er sei aufgeregt.

Zur konkreten Organisation der Loveparade in Duisburg verwies Schaller mehrfach auf seine Mitarbeiter. Er sei selbst "sehr selten" in Duisburg gewesen. "Mein Arbeitsort ist Berlin", sagte Schaller. Er habe sich um Pressetermine, VIPs und Künstler gekümmert.

Der leitende Mitarbeiter, der zu den Angeklagten gehört, habe nur sehr wichtige Dinge mit ihm besprochen. Zu einer Abschlussbesprechung der Stadt am 15. Juli 2010 in Duisburg - also kurz vor der Loveparade - sagte Schaller: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich teilgenommen habe. Ich bin mir eigentlich sicher, dass ich nicht da war."

Schaller bestritt, bei den Planungen beispielsweise in die Sicherheitsmaßnahmen eingegriffen zu haben. Auch am Veranstaltungstag habe er sich im VIP-Bereich um Prominente und Medien gekümmert.

Das Gericht zeigte sich erstaunt. Frühere Mitarbeiter hätten ausgesagt, Schaller habe in alle Planungsdetails eingeweiht werden wollen. Dies wies er zurück, das sei "nicht richtig". Und er sei auch nicht die letzte Entscheidungsinstanz gewesen.

Die Loveparade sei ein "Leuchtturmprojekt" des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 gewesen, sagte Schaller. Dies habe ihm gegenüber auch Fritz Pleitgen von der Ruhr.2010 geäußert. "Ich fand, dass die Loveparade im ganzen Ruhrgebiet willkommen war", so Schaller.

Vor Beginn seiner Vernehmung am Dienstag (22.05.2018) hatte Schaller zu Journalisten gesagt, wie wichtig es sei, dass der Prozess endlich beginne. "Die Loveparade war keine Naturkatastrophe, sondern Menschen haben Fehler gemacht."

Am Mittwoch (23.05.2018), dem zweiten Tag der Befragung, berichtete Schaller zu Beginn, was er in den Stunden vor dem Unglück am 24. Juli 2010 gemacht hatte. Nach dem Frühstück sei er unter anderem mit dem Boxer Wladimir Klitschko im VIP-Bereich der Loveparade unterwegs gewesen und habe Interviews gegeben.

Im Gerichtssaal wurde am zweiten Befragungstag ein Interview-Mitschnitt auf Video-Großbildschirmen vorgeführt. Am 24. Juli 2010, dem Unglückstag, hatte Schaller um 16:47 Uhr ein Live-Interview im WDR-Fernsehen gegeben. Dabei wurde er bereits nach dem Gedränge auf dem bereits gesperrten Zugang zum Veranstaltungsgelände gefragt. Zeuge Schaller sagte, vor dem Interview habe er noch nichts von Problemen gewusst. Wenig später habe ihm jemand gesagt, dass es zwei Tote gebe. "Solche Meldungen hatten wir auch bei früheren Loveparades", sagte Schaller. Da hätten sich solche Gerüchte immer als falsch erwiesen. Dann habe er von immer mehr Toten erfahren, sagte Schaller und sprach von einer "Tragödie". Er konnte sich nach eigenen Angaben an viele Details dieser einprägsamen Stunden nicht erinnern.

Schaller berichtete, dass er sich im Nachgang der Loveparade von einem der angeklagten Lopavent-Mitarbeiter getrennt habe - "nicht im Guten, sondern im Schlechten". Als Grund für die Trennung gab der Zeuge an, dass sich der Mitarbeiter trotz seines Postens als "Head of Organisation" der Loveparade geweigert habe, bei Pressekonferenzen aufzutreten. Zudem solle der Mitarbeiter ein Organigramm manipuliert haben. Dieser Angeklagte reagierte auf Schallers Aussage teilweise mit Kopfschütteln.

Schaller sagte bei der Befragung durch die Staatsanwaltschaft zur Rolle seiner Veranstalter-Firma: "Manchmal glaube ich, wir haben nichts falsch gemacht. Manchmal glaube ich das auch nicht." Der Prozess sei ja dazu da, zu klären, was falsch gelaufen ist. Nachfragen, was er als Geschäftsführer am Tag der Katastrophe überprüft habe, beantwortete der Zeuge immer wieder mit dem Hinweis auf Mitarbeiter, an die er Aufgaben übertragen habe.

Der Anwalt mehrerer Nebenkläger und Opfer, Julius Reiter, kritisierte Schallers Aussagen. "Herr Schaller hat direkt nach der Katastrophe versucht, die Schuld auf die Polizei zu schieben", sagte er zu Journalisten. Die Versäumnisse auf der Seite Schallers und des Veranstalters seien schwerwiegend und nicht einfach wegzuwischen. Nebenkläger aus Spanien merkten zu Schallers Entschuldigung vom Vortag an, eigentlich entschuldigten sich nur Schuldige. Auch für Schallers Begriff der "moralischen Verantwortung" zeigten sie kein Verständnis. Auf die aus dem Spanischen von einer Dolmetscherin übersetzte Frage "Gab es einen Fehler bei der Organisation des Events?" sagte Schaller: "Ich suche bis heute nach Antworten. Das 'Warum' kann ich leider nicht beantworten."

Schaller: Habe "moralische Verantwortung"

Am ersten Tag seiner Vernehmung hatte der Inhaber der Fitnesskette McFit am Dienstag (22.05.2018) ausgesagt, dass er sich bei der Vorbereitung der Technoparade meist auf seine Mitarbeiter verlassen habe. Er trage aber die "moralische Verantwortung".

Loveparade-Prozess: Veranstalter im Zeugenstand

WDR 2 | 22.05.2018 | 02:41 Min.

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Stand: 24.05.2018, 11:13

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