Sauerland: Klärung der Loveparade-Katastrophe "nicht meine Aufgabe"

Sauerland: Klärung der Loveparade-Katastrophe "nicht meine Aufgabe"

  • Zeuge Sauerland sagt bei Loveparade-Prozess aus
  • Ex-OB von Duisburg: Klärung "nicht meine Aufgabe"
  • Katastophe tue ihm "unheimlich leid"

Die Befragung des Zeugen Adolf Sauerland im Loveparade-Prozess ist am Donnerstag (03.05.2018) fortgesetzt worden. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft sagte der Ex-Oberbürgermeister von Duisburg, zunächst gegen die Loveparade in seiner Stadt gewesen zu sein. Später habe er sich aber bei der Mehrheitsmeinung seiner CDU-Fraktion angeschlossen.

"Es tut mir unheimlich leid"

Laut Sauerlands Aussage lagen die Fehler bei der Planung und Durchführung, die zu der Katastrophe geführt hatten, nicht bei der Stadt Duisburg. Die Klärung der Ursache sei die Sache des Gerichts - "eine schwere Aufgabe, aber nicht meine".

Auf Nachfrage einer Nebenklägerin, der Mutter eines Todesopfers bei der Katastrophe, bezeichnete Sauerland das Geschehen als "hochtragisch". Es tue ihm "unheimlich leid", dass Eltern ihre Kinder verloren hätten. Nebenkläger hatten sich am Mittwoch enttäuscht gezeigt, dass Sauerland in seiner einleitenden Erklärung keine Worte für die Opfer gefunden hatte.

Zeuge erinnert sich nicht

Am Nachmittag drehten sich die Fragen an den Zeugen vor allem um Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Duisburger Stadtverwaltung im Vorfeld der Loveparade. Sauerland konnte sich meist nicht erinnern oder gab an, keine Details zu kennen.

Schlagabtausch mit der Nebenklage

Empört reagierte der Zeuge, als ein Nebenkläger ihn fragte, ob er seit der Loveparade 2010 einen Unfall oder eine Krankheit erlitten habe, die sein Denkvermögen beeinträchtige. "Jetzt werden Sie beleidigend", sagte Sauerland.

Auf die Frage eines Nebenklägers, warum er sich nicht entschuldige, sagte Sauerland: "Eine Entschuldigung ist nicht adäquat für diese Ereignis." Es müsse darum gehen, die Verantwortlichen zu ermitteln.

"Habe nicht aktiv an Planungen mitgewirkt"

Am Mittwoch hatte Sauerland ausgesagt, "nicht aktiv" an den Planungen zur Loveparade 2010 mitgewirkt zu haben. Er habe frühzeitig den damaligen städtischen Ordnungsdezernenten mit den Planungen betraut.

Ab dem 22. Mai soll drei Tage lang Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller befragt werden.

Adolf Sauerland: Ex-Stadtoberhaupt als Zeuge vor Gericht

03.05.2018. Adolf Sauerland, ehemaliger Oberbürgermeister von Duisburg, sitzt im Gerichtssaal des Loveparade-Prozesses in der Außenstelle des Landgerichts Duisburg.

Die Staatsanwaltschaft fragte den ehemaligen Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland am Donnerstag (03.05.2018), ob er denn nun für oder gegen die Loveparade 2010 in seiner Stadt gewesen sei. Sauerland erklärte, er habe es "nicht für opportun" gehalten, eine Veranstaltung, "die in Berlin keiner mehr haben wollte", ins Ruhrgebiet zu holen. Später habe er sich aber bei der Mehrheitsmeinung seiner CDU-Fraktion angeschlossen, die für die Loveparade gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft fragte den ehemaligen Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland am Donnerstag (03.05.2018), ob er denn nun für oder gegen die Loveparade 2010 in seiner Stadt gewesen sei. Sauerland erklärte, er habe es "nicht für opportun" gehalten, eine Veranstaltung, "die in Berlin keiner mehr haben wollte", ins Ruhrgebiet zu holen. Später habe er sich aber bei der Mehrheitsmeinung seiner CDU-Fraktion angeschlossen, die für die Loveparade gewesen sei.

Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff sprach Sauerland auf einen offenen Brief des Bochumer Polizeipräsidenten an, in dem der Beamte 2009 die damals umstrittene sicherheitsbedingte Absage der Loveparade in Bochum mit eindringlichen Worten verteidigt hatte. "Überleben ist wichtiger", hatte der Polizeichef geschrieben und vor einer tödlichen Massenpanik bei der Loveparade gewarnt. Sauerland bestätigte, dass er den offenen Brief in der Presse gelesen habe.

Die Hinweise des Bochumer Polizeipräsidenten seien auf fachlicher Ebene vor der Veranstaltung im Juli 2010 diskutiert worden. Sauerland sagte, es sei in Duisburg alles versucht worden, um zu gewährleisten, dass niemand "an Leib und Leben" geschädigt werde. Staatsanwalt Mühlhoff fragte nach, warum der damalige OB nicht stärker persönlich bei den Fachbeamten im Rathaus interveniert habe. "Nicht aus Feigheit", antwortete Sauerland, sondern weil er der "Fachlichkeit" Gelegenheit für ihre Arbeit habe geben wollen.

Sauerland verteidigte seine früheren Mitarbeiter im Rathaus und die Genehmigung der Loveparade 2010. Er sei "felsenfest davon überzeugt, dass das, was in den Arbeitsgruppen abgearbeitet wurde, nach Recht und Gesetz entschieden wurde", sagte Sauerland. Er habe auch in der gesamten Planungsphase keine Sorgen oder Warnungen vor strafrechtlichen Risiken gehört.

Der Zeuge Sauerland sprach eher kühl und mit bürokratischen Versatzstücken. Der Ex-Rathauschef verwendete zum Beispiel sehr oft den Begriff "die Fachlichkeit", wenn er über die Mitarbeiter in den Fachabteilungen der Stadtverwaltung redete. Emotionale Formulierungen wählte er nur, wenn es um ihn persönlich ging. So sprach Sauerland von einer "Tortur", die er nach der Loveparade über sich habe ergehen lassen müssen. Er berichtete von Morddrohungen gegen ihn.

Auch bei der Befragung durch einen Nebenklage-Anwalt, der die Familie eines jungen Todesopfers vertritt, fand Sauerland keine persönlichen Worte für Opfer und Hinterbliebene. "Ich werde Sie nicht bekehren können", sagte Sauerland mit lauter werdender Stimme und genervt klingendem Tonfall. Mehrfach fiel er dem Opfer-Anwalt, der ihn zu seiner persönlichen Verantwortung gefragt hatte, ins Wort. Der Ex-OB verwies ihn kühl auf das Organigramm der Stadt Duisburg.

Erst auf direkte Nachfrage des Nebenklage-Anwalts, ob er seinen Mandanten etwas zu sagen habe, erklärte Sauerland: "Ich hoffe, dass sie die Stärke haben, das persönlich zu verkraften, um den Weg halbwegs in die Normalität zurückzufinden." Sauerland richtete seine Worte an alle Hinterbliebenen und Überlebenden.

Eine Nebenklägerin, die Mutter eines spanischen Todesopfers bei der Loveparade, fragte Sauerland, ob er es anständig finde, seine Verantwortung als damaliger Oberbürgermeister auf Duisburger Verwaltungsmitarbeiter abzuwälzen. Sauerland antwortete, es sei etwas falsch gelaufen bei der Loveparade - aber seiner Auffassung nach nicht bei der Stadt Duisburg.

Auf die Frage, was seiner Meinung nach der Grund für die Katastrophe gewesen sei, sagte Sauerland: "Es tut mir leid, aber ich bin nicht Gericht." Die Klärung der Ursache sei Sache des Gerichts - "eine schwere Aufgabe, aber nicht meine". Sauerland bezeichnete das Unglück als "hochtragisch". Es tue ihm "unheimlich leid", dass Eltern ihre Kinder verloren hätten.

Am Donnerstagnachmittag drehten sich die Fragen erneut um Streitereien innerhalb der Duisburger Stadtverwaltung vor der Loveparade. Sauerland wusste auf zahlreiche Fragen dazu kaum etwas zu sagen, konnte sich nicht erinnern oder kannte keine Details. Ein Nebenkläger hielt dem Ex-OB vor: "Wir glauben Ihnen nicht." Es sei für die Zuschauer im Gerichtssaal nicht glaubwürdig, dass ein OB nichts wisse über den Streit zwischen leitenden Beamten.

Empört reagierte der Zeuge, als ein Nebenkläger ihn fragte, ob er seit der Loveparade 2010 einen Unfall oder eine Krankheit erlitten habe, die sein Denkvermögen beeinträchtige. "Jetzt werden Sie beleidigend", sagte Sauerland.

Auf die Frage eines Nebenklägers, warum er sich nicht entschuldige, sagte Sauerland: "Eine Entschuldigung ist nicht adäquat für diese Ereignis." Es müsse darum gehen, die Verantwortlichen zu ermitteln.

An der Genehmigung der Loveparade 2010 sei Sauerland nach eigener Aussage "nicht aktiv" beteiligt gewesen. "Ich musste keine Genehmigung erteilen oder vorbereiten", sagte der 62-Jährige am Mittwoch.

Er habe die Idee, sich um die Loveparade zu bewerben, in den Stadtrat eingebracht, sagte Sauerland vor dem Duisburger Landgericht. Der Rat habe der Idee mit großer Mehrheit zugestimmt. Er habe das Projekt dann in Gang gebracht, die weiteren Planungen seien aber "Sache der Fachlichkeit" gewesen. Sein Pressesprecher habe schon mal an Sitzungen teilgenommen, sagte Sauerland. Ansonsten habe ihn Dezernent Wolfgang Rabe über den Gang der Dinge informiert.

In der Woche vor der Loveparade war der damalige OB im Urlaub in Österreich. "Ich war schwer erreichbar. Auf 2.000 Meter Höhe klappt auch manchmal dat Handy nicht", sagte Sauerland. Er sei per SMS von seinem persönlichen Referenten darüber informiert worden, dass die Loveparade vorbereitet sei und stattfinden werde.

Über Warnungen des damaligen Polizeipräsidenten vor einer Durchführbarkeit der Loveparade in Duisburg habe er 2009 in einer Zeitung gelesen. "Ich habe es weitergegeben zur Überprüfung, um sich das anzuschauen, ob da was Stichhaltiges dabei ist", sagte Sauerland. "Meine Bitte war immer, ob das, was da gesagt wird, dazu führen muss, Untersagungen zu erlassen." Auf Nachfrage des Richters musste der Zeuge einräumen, dass er zu den Bedenken des Polizeichefs nicht in der Verwaltung nachhakte.

Der Vorsitzende Richter Mario Plein äußerte im Verlauf der Befragung sein Unverständnis darüber, dass sich Sauerland nicht über die Planungen informiert habe: "Klein Erna würde sagen, das ist komisch, wenn der Oberbürgermeister so wenig erfährt. Wir reden ja nicht über irgendeinen Flohmarkt in Duisburg-Marxloh." Sauerland erwiderte, "Leute mit Ahnung" in der Verwaltung hätten die Entscheidungen getroffen.

Doch Sauerland beharrte darauf: "Letztlich war die Frage, ob die Veranstaltung genehmigungsfähig ist oder nicht. Die Genehmigungen sind da, wo die fachlich zuständigen Leute sitzen, ergangen." Außerdem wollte er die Loveparade eigentlich gar nicht in Duisburg haben, sagte Sauerland. Er stellte mehrfach den Regionalverband Ruhrgebiet als treibende Kraft für eine Loveparade in Revier-Städten dar, darunter auch Duisburg.

Am Mittwochnachmittag wurden dem Zeugen Urkunden vorgelesen, darunter ein Brief der Stadt an die Loveparade-Veranstalterfirma. Darin wurde unter anderem das Fluchtwege-Konzept bemängelt. Sauerland gab an, das Schreiben nicht zu kennen.

Anschließend wurde Sauerland mit Video-Aufnahmen einer Pressekonferenz mehrere Wochen vor der Katastrophe konfrontiert. In den Videos ist zu sehen, wie der damalige Oberbürgermeister öffentlich Optimismus verbreitete, obwohl noch keine Genehmigung für die Parade vorlag. Der Zeuge gab an, er habe damit gerechnet, dass die Auflagen noch erfüllt werden. Der Richter bezeichnete Sauerlands damaliges Verhalten als "Milchmädchen-Rechnung". Sauerland habe den Eindruck erweckt, die Loveparade werde auf jeden Fall stattfinden.

In einer weiteren verlesenen Akte wurde ein damaliger Dezernent in der Kommunikation mit Stadt-Mitarbeitern damit zitiert, dass der OB die Loveparade in Duisburg wünsche. Sauerland erwiderte, der Dezernent habe damit nur die Ratsbeschlüsse pro Loveparade gemeint.

Bei der Loveparade-Katastrophe 2010 waren bei dichtem Gedränge auf dem ehemaligen Duisburger Güterbahnhof 21 Menschen gestorben und Hunderte zum Teil schwer verletzt worden.

Anwalt Julius Reiter: Loveparade-Opfer hoffen auf mehr Klarheit durch Sauerlands Aussage

WDR 2 | 02.05.2018 | 03:13 Min.

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Stand: 03.05.2018, 15:31