Experten klagen an: Zu wenig Lobby für Kinderschutz

Experten klagen an: Zu wenig Lobby für Kinderschutz

  • Austausch zwischen Behörden gefordert
  • Kinderschutz im Widerspruch zur Rechtslage
  • Täter gegenüber Opfern im Vorteil

Der offenbar jahrelange und systematische Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auf einem Campingplatz in Lügde hat in der Öffentlichkeit Wut und Empörung ausgelöst. Auf die mutmaßlichen Täter, aber auch auf die zuständigen Behörden, die das Leid der Kinder trotz Warnzeichen nicht verhindern konnten.

Für die Kindernothilfe in NRW sind solche großen Misshandlungsfälle aber nur die Spitze des Eisbergs. Für zehntausende Kinder gehöre Gewalt in unterschiedlichen Ausprägungen zum Alltag. Im WDR fordern Experten deshalb neue Netzwerke, um Gewaltopfer schneller zu identifizieren.

Misshandlungsopfer schützen oft selbst Täter

Dietmar Siegert

Dietmar Siegert

Für Dietmar Siegert vom Kinderschutzbund Krefeld ist die Psychologie von jungen Gewaltopfern eines der größten Probleme bei der Aufklärung. "Kinder brauchen sehr lange, sich jemandem anzuvertrauen." Auch fürchteten sich die Betroffenen oft davor, aus der Familie herausgenommen zu werden und vielleicht in einem Heim zu landen.

Mehr Kommunikation zwischen Behörden

Monika Bormann

Monika Bormann

Insgesamt werde der Kinderschutz von vielen Seiten ausgebremst, sagt Monika Bormann, die in Bochum eine Beratungsstelle für Opfer von Missbrauch und häuslicher Gewalt leitet. Ein Hindernis sei oft die kulturell bedingte Hemmung, sich in die Angelegenheiten einer fremden Familie einzumischen.

Außerdem gebe es viel zu wenig Austausch von Informationen zwischen Jugendämtern, Pflegekinderdienst, Beratungsstellen, Medizinern und Gerichten. "Wenn die alle sich regelmäßig sehen, wird die Entdeckung wahrscheinlicher."

Speziell geschulte Ansprechpartner in Bochum

Bis es soweit ist, setzt die Stadt Bochum auf spezielle Ansprechpartner, die "Insoweit Erfahrenen Fachkräfte" (Insofas). Wenn Erzieher verdächtiges Verhalten bei einem Kind beobachten, können sie sich von solchen Fachkräften beraten lassen. Ist der Verdacht nach dem Gespräch nicht ausgeräumt, informieren diese den Sozialdienst des Jugendamts.

Datenaustausch zwischen Kinderärzten

Manchmal geraten gut gemeinte Initiativen für Gewaltopfer sogar in Konflikt mit der Rechtslage. So geht es auch dem Verein "Riskid", in dem sich Duisburger Kinderärzte über mögliche Fälle von Misshandlung unter ihren Patienten austauschen wollen. Die Mediziner fordern eine Neuregelung der ärztlichen Schweigepflicht, um zu verhindern, dass Eltern ständig den Arzt wechseln, um Misshandlungen zu vertuschen. Bis zu einer gesetzlichen Regelung arbeiten die Ärzte in einer rechtlichen Grauzone.

Doch auch Kinderschützer sehen solche Versuche, eine Datenbank mit Verdachtsfällen zu erstellen, kritisch. Es gebe noch keine klaren Regeln, wie solche Daten qualifiziert ausgewertet werden könnten, meint Bormann. "Eine Datenbank allein hilft nicht."

"Aufmerksam sein dafür, wie es Kindern geht"

WDR 5 Morgenecho - Interview 06.02.2019 06:19 Min. WDR 5

Download

Kinder und der Umgang mit Übergriffen

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft 04.02.2019 05:48 Min. WDR 5 Von Renate Blum-Maurice

Download

Stand: 07.02.2019, 17:15

Aktuelle TV-Sendungen