NS-Verbrecher leiteten bis 1969 das Landeskriminalamt

Der Direktor des LKA in NRW, Frank Hoever (l-r), NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), Dr Christoph Spieker und Martin Hölzl sitzen bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens zur NS-Vergangenheit früherer LKA-Chefs

NS-Verbrecher leiteten bis 1969 das Landeskriminalamt

Von Nina Magoley

  • LKA-Direktoren bis 1969 waren ehemalige Nazis
  • Erste vier Leiter schwer belastet
  • Behörde legt Untersuchungsbericht vor

Die ersten vier Leiter des Landeskriminalamts NRW waren bis 1945 nachweislich aktive Nationalsozialisten. Jedem einzelnen lassen sich schwere Verbrechen nachweisen. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten, das das LKA selber in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis sei "sehr bedrückend", sagte LKA-Chef Frank Hoever am Montag (16.12.2019) in Düsseldorf.

Drei Jahre lang hat der Historiker Martin Hölzel vom Geschichtsforschungsinstitut Villa ten Hompel in Münster recherchiert. Er suchte dafür unter anderem in Archiven und Behörden in Berlin, Warschau, Lodz, den Niederlanden und Dänemark. Das Gutachten findet sich auf der LKA-Homepage zum Download.

NS-Verbrecher leiteten bis 1969 das Landeskriminalamt

WDR 5 Westblick - Interview 16.12.2019 05:00 Min. Verfügbar bis 15.12.2020 WDR 5


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Kriegsverbrecher in oberster Polizeibehörde

Demnach standen zwischen 1946 und 1969 nacheinander vier NS-Verbrecher an der Spitze der wichtigsten Polizeibehörde Nordrhein-Westfalens: Friedrich Karst, Friederich D'heil, Oskar Wenzky und Günter Grasner.

Diese vier NS-Verbrecher leiteten das LKA NRW

  • Friedrich Karst, NSDAP-Mitglied seit 1937, war an der Erschießung von 71 Menschen in Langenfeld beteiligt. Als erster LKA-Direktor bereits im Amt, stand Karst deswegen 1948 in Wuppertal vor Gericht.
  • Friederich D'heil, NSDAP-Mitglied und SS-Anwärter, war als Leiter der Kriminalpolizei im heutigen Lodz für die Überwachung des jüdischen Ghettos verantwortlich. Er wusste, dass hier 160.000 Juden dem Tod durch Verhungern oder Deportation in Konzentrationslager ausgeliefert waren. Zuvor war D'heil als Mitglied des "Einsatzkommandos 2/III" vor allem für Verhaftungen und Erschießungen weltanschaulicher Gegner im besetzten Polen verantwortlich.
  • Oskar Wenzky, bis 1964 dritter LKA-Leiter, sorgte ab 1939 als Kommissariatsleiter in Köln mindestens einmal für die Deportation von Menschen in Vernichtungslager, die als "asozial" definiert wurden. In den besetzten Niederlanden bereitete er ab 1943 die Deportation von Sinti und Roma vor und fahndete nach untergetauchten Juden, Homosexuellen und Widerstandskämpfern.
  • Günter Grasner schließlich war seit 1933 NSDAP-Mitglied. Bei der "Geheimen Feldpolizei" (GFP) war er erst in Belgien und später in der Sowjetunion an Massenerschießungen von Rotarmisten, Juden, Sinti und Roma beteiligt. Bevor Grasner 1964 LKA-Direktor wurde, leitete er die Kripo Recklinghausen.

NS-Verbrecher nach 1945 in vielen Behörden

Historiker Hölzel geht davon aus, dass bei der Polizei nach Kriegsende - wie in vielen anderen Behörden auch - zahlreiche NS-Täter bald wieder in Arbeit waren und sich so ein regelrechtes Netzwerk bilden konnte. Auch Friederich D'heil als LKA-Leiter soll mindestens drei NS-Tätern zurück in den Polizeidienst verholfen haben.

NRW-Innenminister Herbert Reul

NRW-Innenminister Reul: "Schmerzhafte Erkenntnisse"

Hinzu kam eine Art Fachkräftemangel bei der Polizei nach Kriegsende. Die Behörden hätten daher bei Einstellungen oder Beförderungen einfach "nicht genau hingucken wollen". Auch habe die damalige Zielgruppe der Täter - Juden, Homsexuelle, Roma und Sinti - selbst nach dem Krieg in der Gesellschaft "keine Lobby" gehabt, sodass die Verbrechen an ihnen nicht das nötige Aufsehen erregten.

Diese Erkenntnisse seien "schmerzhaft", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), aber den Schmerz müsse die Polizei in NRW "aushalten". Es sei ihr "Erbe und ihre Pflicht", daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Ob weiter untersucht wird, welche möglichen Konsequenzen das Wirken dieser Chef-Kriminalisten mit Nazi-Gesinnung gehabt haben könnte, ließ Reul offen.

Stand: 16.12.2019, 13:47

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