Liebe gewinnt: Warum der Protest innerhalb der katholischen Kirche wächst

Liebe gewinnt: Warum der Protest innerhalb der katholischen Kirche wächst

Von Jörn Kießler

In der katholischen Kirche wächst der Protest aus den eigenen Reihen. Bei der Aktion #liebegewinnt spenden Geistliche derzeit Homosexuellen ihren Segen - zum Unmut des Vatikans. Der Kirchensoziologe Gert Pickel sagt: Die Kirche ist zu lebensfremd geworden.

Trotz oder gerade weil sich die Glaubenskongregation im Vatikan kategorisch dagegen ausgesprochen hat, homosexuelle Paare zu segnen, machen zahlreiche Priester in Deutschland aktuell genau das. Unter dem Motto #liebegewinnt bieten sie Segnungsgottesdienste für alle liebenden Paare an - egal ob schwul, lesbisch oder heterosexuell.

Zeitgleich haben am Montag mehrere katholische Sozialverbände an ihren Gebäuden in Köln Regenbogenfahnen als Zeichen des Rückhalts für homosexuelle Paare gehisst. "Wir wenden uns entschieden gegen diese und jede Form von Diskriminierung", erklärten die Kölner Caritas und der Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit In Via sowie die städtischen Sozialdienste katholischer Frauen (SkF) und Männer (SKM).

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis wird nicht verliehen

Dazu kommt, dass die Verleihung des katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises in diesem Jahr abgesagt wurde, weil die Jury ein Buch nominiert hatte, in dem auch eine Transgender-Person zu Wort kommt. Das lehnte die Deutsche Bischofskonferenz jedoch ab. Und nun weigert sich das zehnköpfige Gremium unter Leitung von Weihbischof Robert Brahm ein Ersatzbuch vorzuschlagen.

"Dieser geballte Protest ist letztlich der Ausdruck einer längeren Entwicklung", sagt der Kirchensoziologe Gert Pickel von der Universität Leipzig. Seiner Meinung haben die Differenzen zwischen der Lebenswirklichkeit der Mitglieder der katholischen Kirche und den Ansichten des Vatikans ein kritisches Maß erreicht.

Die Deutsche Bischofskonferenz äußerte sich am Montag zum gesamten Vorgang nur schriftlich und lehnte O-Töne jeglicher Art ab: "Wir können keinen Eklat erkennen. Das ist ein normaler Vorgang. Vor einigen Jahren hat es schon einmal kein Preisbuch gegeben. Der Ständige Rat war der Auffassung, dass das vorgeschlagene Preisbuch nicht den Kriterien der Statuten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises entspricht. Die Jury hat aus der vielfältigen Liste der Empfehlungsbücher kein neues Preisbuch vorgeschlagen."

Kirchensoziologe: "Protest will Reform herbeiführen"

"Die Gesellschaft hat sich seit Jahren verändert, die Kirche aber nicht", so Pickel. "Gerade viele junge Leute wollen aber beides: in der Kirche bleiben, in der sie seit ihrer Kindheit sind, und am modernen Leben teilnehmen." Der Protest sei letztlich der Versuch, eine Reform in der Kirche herbeizuführen. "Sonst könnten die Menschen ja auch einfach aus der Kirche austreten", sagt Pickel.

Doch mit diesen Reformen tut sich die Führung der katholischen Kirche schwer. "Auch weil man dort seit Jahrhunderten weiß, welche Macht Symbole haben", erklärt Pickel. Die offizielle Erlaubnis, homosexuelle Paare zu segnen, sei ein solches. "Bislang wurden einzelne Homosexuelle durchaus in den Gemeinden empfangen und durften als Einzelpersonen am kirchlichen Leben teilhaben", sagt der Kirchensoziologe. "Es sollen nur gleichgeschlechtliche Paare nicht mit der traditionellen Ehe und Familie gleichgesetzt oder gar legitimiert werden."

Katholische Kirche hat Vertrauen zerstört

Das deckt sich auch mit der Aussage des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, der am Montag sagte, Segnungen homosexueller Paare in katholischen Gemeinden seien nichts Ungewöhnliches und würden schon vielfach praktiziert. Daher eignen sich laut Sternberg solche Segnungen nicht "für einen politisch demonstrativen Akt".

Das glaubt Soziologe Pickel hingegen schon. "Für viele Menschen ist Religion etwas soziales, das vor allem ihren Nahbereich betrifft", sagt er. "Und genau dort ist - genau wie in allen sozialen Beziehungen - Vertrauen entscheidend." Von diesem habe die katholische Kirche in den letzten Jahren viel zerstört. Zudem zeige sie sich an vielen Stellen unbeweglich. "Daher würde ihr ein solches Zeichen nicht schaden", so Pickel.

Stand: 10.05.2021, 21:33

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